Kampagne Fairness Jetzt: Bürgerräte sollen KI bändigen
ChatGPT und Co haben massive gesellschaftliche Auswirkungen, sind aber kaum reguliert. Eine neue Protestbewegung gegen Big-Tech möchte das ändern.
Foto: Jonas Wahmkow
ChatGPT-Erfinder Sam Altman steht auf dem vereisten Vorplatz des Bundeskanzleramts und spricht in ein Megafon: „Ist doch egal, wenn halt mal eine Buchhalterin ihren Job verliert“, ruft er. Der Chef von OpenAI, dem Unternehmen, das hinter dem Sprachmodell ChatGPT steht, preist die Vorteile künstlicher Intelligenz an: „Warum seid ihr so versessen auf Arbeitsplätze, Freizeit ist doch toll.“
Der Tech-Milliardär steht nicht wirklich vor dem Kanzleramt, sondern eine Aktivistin, die eine Maske mit dem Gesicht Altmans trägt. So „verkleidet“ redet sie bei der ersten Protestaktion der Initiative FAIrness Jetzt, wobei das „AI“ in Fairness extra großgeschrieben und farblich hervorgehoben ist, wegen der englischen Abkürzung für „Artificial Intelligence“. Rund ein Dutzend Aktivist:innen haben sich versammelt, um einen offenen Brief an den Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu überreichen.
Darin warnen sie vor den gefährlichen Folgen von künstlicher Intelligenz (KI): Massenarbeitslosigkeit, Gefährdung der Demokratie durch Deepfakes, gestörte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. KI sei innerhalb kürzester Zeit in den Alltag der Menschen vorgedrungen sagt ein Mitinitiator der Kampagne, Raphael Thelen. „Die neue Technologie hat viele Vorteile, birgt aber auch Gefahren.“
Diese seien bisher aber kaum reguliert. Die Initiative fordert daher die Einrichtung eines Bürgerrats. Die gelosten Mitglieder des Gremiums sollen die Bundesregierung zu Maßnahmen beraten, die die Techkonzerne in die Schranken weisen.
Graswurzel gegen Big-Tech
Auch wenn die Aktion am Mittwochvormittag noch wenig spektakulär ist, könnte sie Vorbote einer neuen Protestwelle gegen den wachsenden Einfluss großer Tech-Konzerne sein. Ende Februar mobilisiert die Initiative für eine größere Demo und will dort sogar einen Minibürgerrat veranstalten.
Im April ruft ein Bündnis aus stadt-, klima- und digitalpolitischen Gruppen zu einer „Bewegungskonferenz gegen Big-Tech“. Cables of Resistance, so der Name, soll der Ausgangspunkt für eine breite, und im Vergleich zur Fairness jetzt-Kampagne deutlich radikalere Antitechbewegung werden.
Raphael Thelen
Beteiligt sind Initiativen wie Tesla den Hahn abdrehen, die sich gegen den Ausbau der Gigafactory in Grünheide engagieren, oder Berlin vs. Amazon, die den sogenannten Amazon Tower an der Warschauer Straße verhindern wollten, sowie die Tech Workers Coalition, einer gewerkschaftlichen Selbstorganisation von Arbeiter:innen in der Tech-Branche.
Obwohl all diese Initiativen seit Jahren aktiv sind und selten breite Massen mobilisieren konnten, haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dramatisch geändert. Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Sam Altman agieren mittlerweile unverblümt größenwahnsinnig bis rechtsradikal. Technologien wie KI haben tiefgreifende Auswirkungen auf den Alltag der Menschen, werden aber kaum reguliert.
Das zeigt sich auch bei der Protestaktion. Ein Reuters-Journalist bemerkt nach dem Interview, auch bei seinem Arbeitgeber wurden schon Stellen durch KI eingespart.
„Bei KI kommt alles zusammen: Umweltzerstörung, Überreichtum, Gefährdung der Demokratie“, sagt Fairness-Jetzt-Initiator Thelen. Der ehemalige Vollzeitaktivist bei der Letzten Generation hat mit dem Widerstand gegen Big-Tech ein neues Thema gefunden. Thelen glaubt, die Antitechbewegung sei gerade da, wo die Klimabewegung 2018 war, als es langsam losging mit Massenprotesten. „Das wird groß“, sagt der Aktivist.
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