: Kamikaze überm Tisch
■ Kenzaburo Oe liest auf Kampnagel
Als sein erstgeborener Sohn mit einer Gehirnhernie zur Welt kam, kreisten nahezu alle folgenden Werke Kenzaburo Oes um das Leben mit einem geistig behinderten Kind, das nur zu einem „pflanzenhaften Dasein“fähig ist. Oe hat zugegeben, daß sein Verhältnis zum Sohn anfangs von Ekel und Abscheu geprägt war und nur langsam in sorgenvolle Anteilnahme übergegangen ist. Die aufwühlende Vaterstudie Eine persönliche Erfahrung (1964), der spröde und mit scheußlichen Szenen durchsetzte Roman Der stumme Schrei (1978), und das überraschend milde Familienepos Stille Tage (1990) vermitteln dem Leser diese persönliche Wandlung Oes recht deutlich.
Übersetzt ist bislang nur ein Teil des facettenreichen Werks des japanischen „Nachkriegsautors“. Der heute 62jährige Oe gilt als Vorreiter der japanischen Ökologiebewegung und setzte sich von Beginn an kritisch mit der Wandlung Japans von einer heroischen Kriegsteilnehmernation zur USA-hörigen Industriegesellschaft auseinander. Oe ist ein hintergründig moralisierender Autor, der zugleich Züge eines Kamikazefliegers überm Schreibtisch trägt. Gefühle wie Ekel, Heuchelei und Selbstzweifel breitet er hemmungslos und offenherzig aus.
Im Herbst erschien auf Deutsch Reißt die Knospen ab, Oes erster Roman, den er mit nur 23 Jahren schrieb, und aus dem er heute lesen wird. Das Buch handelt von einer „wilden Horde“Jugendlicher, die, weil Luftangriffe drohen, aus einer „Besserungsanstalt“in ein Bergdorf evakuiert werden. Als erste Anzeichen einer Seuche auftauchen, lassen die Dorfbewohner die Kinder allein zurück. Übermütig geht die kreischende Menge auf Fasanenjagd und gerät in einen fiebrigen Taumel sinnloser Gewalt. Im Unterschied zu seinen späteren Werken wird der Leser hier noch nicht in den Malstrom eines traumatisierten, fiktionalisierten Ichs hineingerissen. Stattdessen schreibt hier ein Jungautor, der sich seiner Kunstfertigkeit vergewissern will.
Kurz nach Verleihung des Literaturnobelpreises vor drei Jahren kündigte Oe an, keine Romane, nur noch Kinderbücher schreiben zu wollen. Damit setzte er wohl ein Zeichen für mehr Entspanntheit im Umgang mit sich und anderen.
Stefan Pröhl
heute, 20 Uhr, Kampnagel
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen