Junge Kunst in Berlin: Schwer verdaulich bleiben

Zwischen Transparenz und Kontrolle: Ein halbverstopftes Glasrohr spielt die Hauptrolle in Inga Danysz’ Ausstellung im Kunstraum Goeben.

Ein gebogenes Glasrohr mit Partikeln darin

Das Glasrohr von Inga Danysz mit Schmutz- und Staubpartikeln darin Foto: Stefan Haehnel

I am the scum in the pipe“ – der Abschaum im Rohr also – „an artist that pays low taxes, gets fired for drinking on the job. (…) I’m hard for this immaculate tube to digest“, schreibt Mary Furniss im Begleittext zur aktuellen Einzelausstellung von Inga Danysz bei Goeben. Ein Rohr ist dort tatsächlich zu sehen. „Remedies for Vertigo“ zeigt die gleichnamige raumspezifische Konstruktion, bestehend aus einem Glasrohr in 16 Einzelteilen, das sich entlang der Decke in unterschiedlichen Höhen seinen Weg durch den Ausstellungraum bahnt.

„Scheinbar naiv und unspektakulär versucht das Rohr dem Druck standzuhalten, sein eigenes Ökosystem aufrechtzuerhalten“, so beschreibt Danysz ihre Arbeit, „um den Be­trach­te­r*in­nen am Ende nicht mehr als einen Hauch von Nichts zu bieten.“ Im Inneren einer gebogenen Engstelle des Glasrohres verbinden sich Staub- und Schmutzreste aus dem Aufbau einer Gruppenausstellung – „Die Freiheit, die wir meinen“, 2019–2020 im Kunstverein Bielefeld, in der eine erweiterte Ausführung von „Remedies for Vertigo“ zu sehen war – mit Überbleibseln aus der Montage der aktuellen Installation vor Ort.

Das gemeinsame Gemenge aus Relikten verflicht die beiden Orte, nivelliert aber gleichzeitig ihre unterschiedlichen Kontexte und Herkünfte. An anderer Stelle bildet sich innerhalb des Rohres eine Art Wirbel aus Glas, der ausgehend vom Werk- und Ausstellungstitel ein Heilmittel für oder gegen Schwindel verkörpern könnte, ehe die Glasarbeit in einer Wand im hinteren Bereich der Ausstellungsfläche verschwindet. Die an der Sichtbetondecke freiliegenden Heizungsrohre doppeln „Remedies for Vertigo“ auffällig und legen den Fokus auf jene Systeme, die für gewöhnlich hinter Paneelen, Kulissen, alltäglichen Gegenständen oder unseren täglichen Entscheidungen versteckt liegen.

Glas ist ein wiederkehrendes Material im Werk der in Berlin lebenden Künstlerin. Was sie daran interessiert, ist besonders seine Transparenz und deren Konnotationen: „Es ist wie eine Art Schatten eines Objektes, der zeitlos ist und keine Spuren von Alterung zeigt“, erklärt sie in einem gemeinsamen Gespräch.

Der „gläserne Mensch“

Als einer der ältesten Werkstoffe der Welt, der bereits im alten Ägypten für die Herstellung von Schmuck und Gefäßen genutzt wurde, faszinierte die Menschheit seit jeher seine scheinbare Immaterialität und Durchsichtigkeit, die auch Danysz „als ein Indiz, eine Idee von etwas, das da sein könnte, aber nicht ist oder vielleicht mal da war“ reizt. Frühere sakrale Konnotationen, die dem Material zugeschrieben wurden, wichen mit der modernen Glasarchitektur Anfang des 19. Jahrhunderts säkularen Ambitionen und kulminierten später in Metaphern der grenzenlosen Offenheit und Demokratie.

Auch Danysz interessiert der sozialgesellschaftliche Aspekt, der durch Transparenz suggeriert wird. In ihrer Einzelausstellung „Impostures“ 2018 im Ausstellungsraum VIS in Hamburg beispielsweise positionierte sie Warteschlangenständer, die man für gewöhnlich an Flughäfen, bei Veranstaltungen oder in Behörden zur Lenkung und Kontrolle von Menschenmassen verwendet, und ersetzte das ursprüngliche Material durch Glas. Die Zerbrechlichkeit als eine dem Werkstoff inhärente Eigenschaft könnte hier eine Metapher des „gläsernen Menschen“ sein, der inzwischen zum Synonym allumfassender Kontrolle geworden ist, und gleichzeitig auf die Ketten unserer Gesellschaft ­– sichtbare, wie transparente – verweisen.

Es sind Formen und Objekte, die durch ihre Reproduzierbarkeit und Zeitlosigkeit auffallen, aber dennoch eine Art unauffälligen Spiegel des gesellschaftlichen Zeitgeistes darstellen, die das Werk der Künstlerin prägen. In „Crawler“ und „Rocket“ (beide 2017), zwei geölten Stahlskulpturen, die gerade als Teil der Gruppenausstellung „Bildungsschock“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen sind, referiert Danysz beispielsweise auf Spielplatzarchitekturen. Bewusst verzichtet sie dabei auf die bunte Farbgebung der Originalobjekte, um direkte Assoziationen zum ursprünglichen Gegenstand zu vermeiden und dadurch den Fokus auf ihre kulturellen und bildungspolitischen Subtexte zu lenken.

Auch in Textform

Die Transformation von Geschichte(n) und deren Konnotationen interessiert die Künstlerin jedoch nicht nur in ihrem skulpturalen Material, sondern auch auf sprachlicher Ebene. In kurzen Essays, wie „Rootless Rocks and Drifting Stones“ (2017), fiktionalen Publikationen wie „Metamorphosis of the 21st Century Minotaur“ (2018), oder einer hörbaren Arbeit „The End is Always at The Beginning“ (2019) addiert sie dem Ausgangsmaterial eine „Signifikanz“ hinzu, um auf etwas hinzuweisen, das vielleicht übersehen werden könnte.

Inga Danysz: „Remedies for Vertigo“, bis 17. Juli, Kunstraum Goeben

Signifikant ist auch der ­zukunftsweisende Charakter Danysz’ präpandemischer Arbeiten, die in Zeiten von Aus­gangsbeschränkungen, Ver­sammlungsverboten, Kontaktverfolgungen und anderen Kontrollmechanismen, welche das gesellschaftliche Zusammenleben der letzten eineinhalb Jahre prägten, besonders aktuelle Fragestellungen aufwerfen. Wieso wir jene Restrik­tio­nen, die überhaupt erst zu Krisen führen, nicht brechen oder die Hindernisse in geschlossenen Strukturen, wie in „Remedies for Vertigo“, missachten, steht im Werk der Künstlerin zur Disposition.

Der Rolle der Kunst als „the scum in the pipe“ wird in diesem Sinne eine ganz buchstäbliche Funktion zuteil: schwer verdaulich zu bleiben und dadurch das Verstopfen des Abflusses zu bewirken, jene verborgenen Systeme zum Erliegen oder zumindest zur Reparatur zu bringen.

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