Joan Mitchell, Meisterin der Abstraktion: The Great Ladypainter

Kampf um Könnerschaft: Das Kunsthaus Bregenz zeigt eine Retrospektive der amerikanischen Malerin Joan Mitchell.

Bild von Joan Mitchell in Bregenz

Die vierteiligen Arbeiten entstanden in den 70er Jahren. Blick in die Joan Mitchell Ausstellung in Bregenz. Foto: Markus Tretter

Saufen und vögeln wie ein Kerl, rüde Umgangsformen und eine obszöne Ausdrucksweise: Was Joan Mitchell anfangs noch als strategische Maßnahme pflegte, um zum männerdominierten Inner Circle der New York School zu gehören und Beachtung der Heroen des Abstract Expressionism zu gewinnen, das machte sie bald zur notorisch ungemütlichen Person. Man wich ihr wohl besser aus, wollte man nicht zu hart und oft auch ungerecht verletzt werden.

Nichts von alledem ist in ihren Bildern zu sehen, die gestisch und dabei sehr präzise im Umgang mit Rhythmus und Farbe die schönsten, glühendsten, dicht und transparent zugleich strukturierten abstrakten Landschaften entstehen lassen. Emotional aufgeladene Orte der Erinnerung, mal dynamisch und kalligrafisch inspiriert in einem Geflecht frei geschwungener Linien, mal kraftvoll in ein düster geschichtetes Farbknäuel gepresst. Daneben stehen breite Pinselschraffuren in Gelb und immer wieder blaue, Lake-Michigan-blaue Farbfelder.

Manche sagen, es sind Bilder der Wut, des unstillbaren Zorns. Tatsächlich zeugen sie von einem Kampf, dem mit Könnerschaft und unglaublicher Disziplin geführten Kampf der Künstlerin, die mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft (nicht Wut) um ein Höchstmaß ringt.

Komplizenschaft Architektur und Malerei

Die Ausstellung "Joan Mitchell. Retrospective. Her Life and Paintings" ist bis 25. Oktober im Kunsthaus Bregenz zu sehen. Ab 14. November wird sie im Ludwigs-Museum Köln ausgestellt. Katalog soll noch im August erscheinen.

Die mit Leihgaben der Joan Mitchell Foundation, des MoMa, des Centre Pompidou und von privaten Sammlern hochkarätig bestückte Werkschau im Kunsthaus Bregenz präsentiert die oft monumentalen Formate an den polierten grauen Betonwänden in einem diffus schimmernden, im Verlauf des Tages sich stets verändernden Licht, das durch die Glasdecken fällt.

Eine derart reizvolle Komplizenschaft der musealen Präsentation dürfte sich an der nächsten Ausstellungsstation im Museum Ludwig in Köln (14. 11. 2015 – 22. 2. 2016), wo auch die Briefe und Ausstellungsdokumentationen aus dem Archiv der Foundation nochmals gezeigt werden, nur schwerlich einstellen.

Die 1925 in Chicago geborene Joan Mitchell, ein armes reiches Kind, dessen Eltern mit sich beschäftigt waren und ihr eine von hohen Erwartungen geprägte Erziehung angedeihen ließen, studierte am Art Institute of Chicago. Danach ging sie auf Reisen und ließ schließlich in New York nieder.

Talent, unermesslicher Ehrgeiz und die Einsicht, dass in Zeiten, die für Künstlerinnen „tough“ waren, die Frauen eben „tough“ sein müssten (nein, sie war keine Feministin, es lag ihr fern, sich mit anderen Künstlerinnen zusammenzutun, begegnete ihnen vielmehr als unerbittliche Rivalin), führte über die enge Freundschaft mit dem Dichter Frank O’Hara in die Entourage um Willem de Kooning, Franz Kline und Jackson Pollock.

Hinwendung Spontaneität

Der auf Ausdauer und Disziplin getrimmten Tochter aus bestem Haus gefiel die Absage an Perfektion, Vernunft, Reglementierung, sie feierte mit ihnen die künstlerische Hinwendung an Emotion und Spontaneität. Und war dann doch zeitlebens bestrebt, diese beiden Pole zusammenzuführen, Auslöser für die tiefgründige, fesselnde Spannung in ihren Werken.

Sie studierte kurz bei Hans Hofmann, „the German who scared me“, wie sie in einem Interview grinsend bemerkte, und den sie – wohl in jeder Hinsicht – nicht verstand. In New York wurde sie bald der zweiten Generation der abstrakten Expressionisten zugerechnet. Ab 1955 arbeitete und lebte sie in Paris, begegnete ihrer großen Liebe, dem franko-kanadischen Maler Jean-Paul Riopelle, mit dem sie über zwei Dekaden in einer desaströsen, von Alkoholexzessen und einer heillos zerstörerischen Abhängigkeit geprägten Beziehung lebte.

Verdüsterung der Palette

1967 erwarb sie in Vétheuil bei Paris ein großes Anwesen über der Seine. Ihre Palette verdüstert sich in jenen Jahren, die Zeichnung wird dichter, manchmal ordnen rechteckige, eng gereihte Farbfelder den Bildraum.

Ab den späten 70er Jahren entstehen hier die großen, aus bis zu vier Teilen bestehenden Arbeiten, die Mitchell aus einzelnen, nacheinander, durchaus nicht immer in der panoramischen Reihenfolge gemalten Leinwänden zusammensetzt. Das Blau des Lake Michigan (mit ihm beginnt sie, wie sie einmal sagt, jedes Bild) dominiert, gefolgt von Gelb, der Farbe, die für sie Hoffnung symbolisiert, und Grün, ihr Farbklang für Einsamkeit; den teils großzügig eingesetzten Weißraum begreift Mitchell als den blanken Horror, die schiere Depression.

Man liest das ungern so, denn das Weiß lässt die Formen und Linien tanzen und atmen. „Merci“, ihr letztes Diptychon, malte die schwerkranke Künstlerin 1992 kurz vor ihrem Tod. Von Schwäche keine Spur, es ist vielmehr das Resümee einer Kämpfernatur am Ende eines sich selbst und anderen gegenüber rücksichtslosen Lebens. Alle Merkmale, alle wichtigen Farben, alle Gesten und Zeichen sind vereint.

The Ladypainter, wie sie sich selbst einmal spöttisch mit einem Seitenhieb gegen die allgegenwärtigen Testosteron-Chefs im Kunstbetrieb bezeichnet hat, war sich bis zuletzt treu geblieben – störrisch, diszipliniert, stets angespannt und, wie sich nun in Bregenz zeigt, mit zeitloser Wirkmacht.

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