Jean-Luc Nancys Buch „Vom Schlaf“: Mehr als ein kurzer Tod

Der Philosoph Jean-Luc Nancy denkt über den Schlaf nach. Er versucht die klassische Körper-Geist-Dualität der Philosophie auszuhebeln.

„Wer schläft, der sündigt nicht“. Bild: dpa

Wenn in späteren Zeiten einmal Kulturgeschichtsschreiber sich über unsere Epoche beugen, widmen sie vielleicht auch Büchern wie dem jetzt in einer schönen deutschen Übersetzung vorliegenden Essay „Vom Schlaf“ des viel gelesenen Straßburger Philosophen Jean-Luc Nancy ein Kapitel. Nicht weil in ihnen wichtige Erkenntnisse zu entdecken wären.

Die fraglichen Bücher sind oft – und das ist nicht negativ gemeint – erkenntnisarm in einer Weise, wie Gerichte kalorienarm sein können: Sie versuchen gar nicht erst zu nähren, da Sattheit für sie grundsätzlich nicht erstrebenswert ist.

Ihre Bedeutung für künftige Historiker liegt in etwas anderem: Sie sind symptomatisch für das Denken von Menschen, die nicht mehr „zu Gottes Zeiten“ geboren sind, aber gleichwohl von den großen metaphysischen Themen sprechen wollen.

Jean-Luc Nancy: „Vom Schlaf“. Aus dem Französischen von Esther van der Osten. Diaphanes Verlag, Berlin 2013, 64 Seiten, 12,95 Euro

Der Derrida-Freund Nancy gehört zu diesen Unentwegten, die weiterhin an das Geheimnis allen Seins rühren wollen. Nichts ist nun bezeichnender für die Versiegeltheit in die Immanenz, die unser desillusioniertes spätmodernes Zeitalter kennzeichnet, als der Umstand, dass Nancy bei seiner Suche nach einem Nadelöhr, durch das hindurch die philosophische Kontaktaufnahme mit den tiefen Wahrheiten noch möglich ist, ausgerechnet auf den Schlaf verfällt.

Damit also auf jenen periodisch wiederkehrenden Zustand, in dem der Mensch aus dem Projekt Mensch ausgestiegen ist. Dass der aus dem aufrechten Gang gekippte, fast pflanzenhafte Schläfer nicht ohne Tugend ist, wissen wir seit Langem dank der Volksweisheit „Wer schläft, der sündigt nicht“.

Die Unschuld ins Ontologische erweitert

Nancy erweitert die den Schläfer auszeichnende Unschuld ins Ontologische. Der Schlaf hat bei ihm – wenn auch mit sehr anderem Ergebnis – ein wenig die Funktion, die in Heideggers Philosophie die Angst ausübt: Auch er setzt die alltägliche Erfahrungsweise außer Kraft. Nancys phänomenologische Ausdeutung zieht der Schlaf auf sich, weil in ihm endlich einmal der Mensch sich nicht als cartesianisches Subjekt in Position bringt.

Was machen die mit meinen Daten? Die Titelgeschichte "Wir wissen, was du morgen tun wirst" lesen Sie in der taz.am wochenende vom 6./7. Juli 2013. Darin außerdem: Im Dschungel Ecuadors wehrt sich ein Dorf gegen die Begierden der Erdölindustrie. Und der Streit der Woche zur Frage: Darf man öffentlich knutschen? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

So simpel es ist, aber Nancy empfindet den Schlaf als philosophisch ertragreich, weil der Schlafende die Welt und nicht zuletzt auch sich selbst verschläft. Der Schlafende erreiche so den paradoxen Modus eines „Selbst der Selbstabwesenheit“, die „Präsenz einer Abwesenheit“.

Nur noch als ein „Verschwindender“ existierend, hebelt er Nacht für Nacht die abendländische Fixierung von Erfahrung auf eine Ontologie des Vorhandenen aus. Nicht mehr sich in Selbstvorstellungen einrahmend, betritt er sogar das eigentlich prinzipiell unzugängliche Land des „Dings an sich“: Er ist das „Selbst eines Dings an sich“.

Substanzlos gewordene Religiösität

In anderen Passagen seines Buchs riskiert Nancy fast so etwas wie Mythendichtung: Er konturiert Schlaf und Nacht so zurecht, dass sie zu Bildern werden für eine späte, eine substanzlos gewordene Religiosität – eine Religiosität, die nicht an ein göttliches „fiat“ (lat. es werde, es geschehe) glaubt, sondern an die „Differenz“, die das Reale voneinander abhebt und so erst real werden lässt.

Der Moment des Einschlafens, wenn die Augen schon geschlossen sind, aber einen kurzen Moment noch „sehen, dass es nun nichts zu sehen gibt“, kann dann als die visionäre Erfahrung einer „Kehrseite des Unsichtbaren“ ausgedeutet werden. Dekonstruktivistische Ablehnung von Präsenz verbindet sich bei Nancy mit einer Mystik des Nichts.

Zum Charakter des Buchs gehört auch, dass Nancy sich oft vom Wortmaterial der Sprache inspirieren lässt. Das ist nicht immer rational; Philosophieren entgleitet mitunter in den Schlaf der Vernunft. Aber in einen Schlaf der Vernunft, der nicht Goyas eulenhafte Gespenster gebiert, sondern schöne Gespinste: poetische Satzgeflechte, in denen der Schlaf – statt in sich Träume zu generieren – selbst zum Gegenstand einer philosophischen Träumerei geworden ist.

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