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Jan-Paul Koopmann SpeckgürtelpunksOhne Verabredungen passiert gar nichts

Dass es nicht einfach sein würde, soziale Kontakte zu halten, wusste ich vorher. Vielleicht war das sogar die größte Hürde beim Umzug aufs Land, denn den Rest kannte ich schon aus meiner Kindheit: die abends hochgeklappten Bürgersteige, die soziale Kontrolle, das überschaubare ­Kulturprogramm und so weiter. Ich hatte keine Sorge, mich nicht wieder daran zu gewöhnen.

Was mich hingegen schon beunruhigte: mich ab jetzt für jedes Treffen verabreden zu müssen. Weil man hier draußen bei plötzlicher Langeweile nicht einfach ins Viertel schlendert, wo schon irgendwer zwischen Konzert, Kneipe und Theater unterwegs sein wird.

Im Kern hat sich das dann auch bewahrheitet. Die Spontaneität ist quasi restlos getilgt aus meinem Sozialleben. Dass dieser Zustand in der Praxis dann aber gar nicht so schlimm ist, liegt an all den Menschen, die sich viel Mühe mit mir geben: der Bremer Freund, der sich schon Tage vorher auf einen Kaffeespaziergang in Bahnhofsnähe festnageln lässt. Der andere aus der Gegenrichtung, der auch für einen kurzen Kartenspielabend ins Auto steigt. Und auch alle, die mich in Hamburg oder Berlin zuverlässig aushalten, halten mein Sozialleben auf angenehm hohem Niveau.

Dafür bin ich dankbar und ich weiß auch, dass es vielen hier draußen schlechter geht. Und inzwischen habe auch ich Phasen erlebt, in denen es nicht so rund läuft – in denen man über Wochen nicht rauskommt, und in denen es hier einsam werden kann. Und wenn die Kraft fehlt, um Ausflüge zu planen oder Einladungen auszusprechen, dann passiert eben auch gar nichts.

Ich hatte nie viel übrig für Leute, die ihrer Schulzeit nachtrauern. Damals hatte ich viele ältere Freun­d:in­nen und ich kann mich noch gut erinnern, wie sie mich erst im Dreckskaff allein zurückließen, um mir nach einem Vierteljahr Studium oder Zivildienst Vorträge darüber zu halten, dass ich mir die Scheiße auch bald zurücksehnen würde.

Ich habe es nicht getan und werde wohl auch nicht mehr damit anfangen. Was ich mir aber tatsächlich manchmal wünsche, wäre ein offener Raum, in dem man alte wie neue Bekannte trifft, der durchlässig genug für Unerwartetes ist, aber auch verlässlich genug, um das zu pflegen, was schon da ist.

Wahrscheinlich habe ich die falschen Hobbys für so was und verhalte mich in politischen Zusammenhängen zu unberechenbar. Ich bin auch – glaube ich – überdurchschnittlich stark vom Verfall gesellschaftlicher Konventionen betroffen. Womit ich meine: Meine Freun­d:in­nen heiraten entschieden zu wenig und feiern ihre Geburtstage zu selten.

Jan-Paul Koopmann ist raus aus der Stadt und lebt jetzt im Bremer Hinterland

Am Anfang des Sommers, als plötzlich alle weg waren, habe ich schon kurz überlegt, mich um Mitgliedschaft in der Arno-Schmidt-Gesellschaft zu bemühen. Oder Kafka. So ein vergeistigter Zusammenhang jedenfalls, der einerseits nicht nur aus Linksradikalen besteht, andererseits aber auch keine bescheuerten Grillfeste veranstaltet. Irgendwas muss es doch geben in diesem Spannungsfeld.

Ich hoffe, Sie versprechen sich keine konkreten Vorschläge von diesem Text, denn mehr ist bei mir nicht zu holen. Außer vielleicht die Idee, etwas weniger Homeoffice zu machen, weil man auf Dauer schon unangenehm selbstgerecht wird davon.

Die Spontaneität ist quasi restlos getilgt aus meinem Sozialleben

Wobei ich mich jetzt gerade frage, ob es nach über 50 Folgen Speckgürtelpunks nicht langsam an der Zeit wäre, die „geistige Mülltrennung“ vom Anfang wieder in den Blick zu nehmen. Arbeiten in der Stadt, das Leben hier draußen – so war der Plan, aber so langsam schleicht sich dann doch die Ahnung ein, dass genau das Gegenteil passiert ist. Und das kann ja nicht gut gehen.

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