Jahrhundertsportler Johannes Klæbo: „Andere Dimension des Skilanglaufs“
Dank des Staffelerfolgs ist der Norweger Johannes Høsflot Klæbo mit nun neun olympischen Goldmedaillen der erfolgreichste Wintersportler aller Zeiten.
Locker fuhr der norwegische Staffel-Schlussläufer Johannes Høsflot Klæbo über die Ziellinie von Lago di Tesero, als nun größter olympischer Wintersportler aller Zeiten. Mit seinem vierten Triumph in diesen Tagen in Italien holte der „Außerirdische“ seine neunte Olympia-Goldmedaille. Das hat in der Geschichte der Winterspiele seit der Premiere 1924 in Chamonix niemand geschafft – weder die norwegischen Legenden Ole Einar Björndalen, Marit Björgen oder Björn Dählie (jeweils acht) noch die deutschen Rodler Tobias Wendl und Tobias Arlt, die in diesen Tagen ihren siebten Olympiasieg gefeiert hatten. Dabei ist Skilangläufer Klæbo erst 29 Jahre alt.
„Er ist überirdisch, vom anderen Stern, eine Maschine. Fast schon zu perfekt“, kommentiert der deutsche Skilanglauf-Teamchef Peter Schlickenrieder und nennt die wichtigsten Geheimnisse von Klæbo: „Ein begnadetes Jahrhunderttalent trifft auf ein extrem konsequentes Sportsystem in Norwegen. Dort werden Kinder sehr vielseitig ausgebildet und sie bekommen Zeit zum Reifen. Bei uns in Deutschland wäre Klæbo schon mit 16 bei Olympia gewesen und mit 20 hätte er die Schnauze voll gehabt.“
Die Geheimnisse des begeisterten Play-Station-Zockers elektrisieren (nicht nur) die Skilanglaufwelt. Dort ist er freilich nur bei den wenigsten beliebt. Auf die Frage, ob Klæbo ein nahbarer und auf dem Boden gebliebener „König“ sei, hat der beste deutsche Skilangläufers Friedrich Moch eine deutliche Antwort gegeben: „Es gibt andere Norweger, mit denen man sich besser unterhalten kann. Mehr sage ich dazu nicht.“
Nicht nur Moch stört die zur Schau gestellte Arroganz des Norwegers mit dem Lausbubengesicht – einst hat er sogar Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt, zu einem Duell in New York herausgefordert. Derlei Sprüche sind genauso Klæbos Markenzeichen wie die überragenden Sprintfähigkeiten auf Ski. Bei seinem olympischen Sprint-Sieg in Italien rannte er am letzten Berg einfach allen davon – als wäre da ein Formel-1-Bolide unterwegs und weit dahinter ein Trabant nach dem anderen.
„Künstler auf Ski“
„Das ist eine andere Dimension des Skilanglaufs. Klæbo ist ein Künstler auf Ski, spürt den Schnee und das Gelände instinktiv, ist auch taktisch überragend. Er macht alles hochprofessionell, war zum Beispiel vor Olympia vier Wochen zum Höhentraining in Amerika“, sagt Schlickenrieder.
Was für ein Jahrhunderttalent da unterwegs ist, wurde früh deutlich: Klæbo war 2018 mit 21 Jahren der jüngste Olympiasieger und später auch der jüngste Weltcup-Gesamtsieger der Langlauf-Geschichte. 2019 gewann er seinen ersten WM-Titel. Inzwischen hat er 15 WM-Goldmedaillen – damit hat er seinen Landsmann Petter Northug (13) als erfolgreichsten Skilangläufer der Geschichte abgelöst.
Klæbo kommt aus Trondheim, wo er im vergangenen Jahr alle sechs möglichen WM-Titel abräumte. Er besitzt ein schmuckes Häuschen nur ein Katzensprung vom Granasen-Skistadion entfernt. Hier hat alles begonnen, schon in der Jugend unterstützt von der Milliardärsfamilie Reitan. Ihr gehören die in Norwegen populäre Supermarktkette Rema 1000 und Einkaufszentren. In einer von ihnen war Klæbos Mutter Managerin. Die finanzielle Unterstützung der schwerreichen Mäzene hat der Langlaufstar inzwischen aber längst nicht mehr nötig.
Sein Jahreseinkommen wird auf mindestens 2 Millionen Euro geschätzt, sein Vermögen hat längst zweistellige Millionenbereiche geknackt. Skilanglauf ist Nationalsport in Norwegen. Klæbos Popularität ist mit denen von Fußballstars in Deutschland zu vergleichen. Er ist Werbestar und als gut aussehender Coolman Inspiration für die Jugend. Als „Justin Bieber des Skilanglaufs“ hat ihn Peter Schlickenrieder einmal bezeichnet. Der Popstar ist auch für seine Drogenexzesse bekannt und natürlich ranken sich auch um Klæbos außergewöhnliche Leistungen in diesem Ausdauersport immer mal wieder Doping-Verdächtigungen. Zumal er ziemlich oft abseits des norwegischen Skilanglaufteams allein im Höhentraining unterwegs ist
Der deutsche Teamchef Schlickenrieder sieht trotzdem „wenig Anlass zum Zweifel“ – auch wenn es in der einst versuchten Ausdauersportart generell zu wenige Dopingtests gibt. Fest steht, dass „König Klæbo“ den Skilanglauf weiterentwickelt hat. Er läuft leichtfüßig wie kein Zweiter durch den Schnee. Auf Anstiegen hat Klæbo sogar eine neue Technik entwickelt – er gleitet nicht mehr mit seinen Ski, sondern rennt einfach wie ein Läufer den Berg hoch. Die sogenannte Heringsgrätentechnik hat ihm sein Großvater Kare Hösflot beigebracht. Der schweigsame Mann ist Klæbos Trainer und vermutlich sein größtes Erfolgsgeheimnis. Als sein Enkel gerade zwei Jahre alt war, schenkte er ihm das erste Paar Ski. Es war der Anfang der märchenhaften Erfolgsgeschichte des nun erfolgreichsten Wintersportlers aller Zeiten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert