Italien und Angela Merkel: Die gute Deutsche

Es gab eine Zeit, da galt Angela Merkel in Italien als Genius des Bösen. Heute sind italienische Medien unsterblich verliebt in die Kanzlerin.

Angela Merkel begrüsst Giuseppe Conte

La Merkel begrüßt Il Conte Foto: photothek/imago

Klare Vorstellungen hat der italienische Journalist, der eine eher linksorientierte Debattenwebsite betreut und jetzt bei dem deutschen Kollegen ein Stück bestellen möchte. „Ich hätte gerne einen Text über die Merkel“, und sofort wird sein Ton schwärmerisch, „einen Text, der uns erklärt, dass sie weit und breit die einzige Führungspersönlichkeit von Weltformat ist.“

So wie ihm geht es dem Gros der italienischen Medien: Sie haben sich unsterblich verliebt in die Bundeskanzlerin. Dutzende Artikel feierten sie, als sie vor wenigen Wochen ihr 15-Jahres-Jubiläum im Amt beging, Dutzende Artikel auch überschlugen sich vor Lob nach ihrer letzten Coronarede im Bundestag. Und das liegt gewiss nicht bloß am „offensichtlich effizienten Krisenmanagement der deutschen Regierung“ in der Coronapandemie, die die viel gelesene Website Il Post im Juni diagnostizierte. Denn Effizienz wurde Deutschland von den italienischen Beobachter*innen nie abgesprochen – wohl aber Empathie.

Und spätestens seit 2010, seit der Eurokrise und dem griechischen Desaster, war Angela Merkel südlich der Alpen alles andere als eine Lichtgestalt. Äußerst bissig äußerte sich etwa Il Sole 24 ore – die vom italienischen Industriellenverband herausgegebene Tageszeitung – im Jahr 2015 über die Kanzlerin mit ihren „moderaten Leidenschaften“, wirft ihr vor, es sei „wohl zu viel verlangt“, dass man auf ihre Einsicht setze, darauf „zu verstehen, dass nicht nur Griechenland, sondern das ganze Haus der europäischen Währung in Flammen steht“, und beklagt sich über den „tief verankerten Egoismus“ Merkel-Deutschlands.

Auf dieser Klaviatur spielte auch Italiens politische Klasse. Silvio Berlusconi zog jahrelang mit der These durchs Land, er sei 2011 dank eines Komplotts von Merkel und Nicolas Sarkozy als Ministerpräsident gestürzt, und Matteo Renzi, damals Chef der gemäßigt linken Partito Democratico, verkündete vor seinem Antrittsbesuch als neuer Ministerpräsident in Berlin, er werde sich ganz gewiss nicht von der Kanzlerin wie ein Schulbub „an die Tafel schicken lassen“.

„Viertes Reich“

Matteo Salvini, der Chef der Lega, schließlich verdankte seinen rasanten Aufstieg auch der Tatsache, dass er bis heute kontinuierlich gegen Merkel, gegen ihr „Viertes Reich“ wetterte: „Was sie damals nicht mit den Panzern geschafft haben, erledigen sie heute mit der Finanz.“

Das war der Ton – doch mittlerweile wird er nur noch von Salvinis Lega gepflegt. Im Mai kommentierte die Tageszeitung Il Foglio dagegen in einem Artikel mit dem Titel „Merkel und das Wunder vom gut gewordenen Deutschland“, Merkel habe „Europa im schwierigsten Moment seiner Geschichte geholfen, zu sich selbst zu finden“, und erstmals seit langer Zeit sei „nicht nur in Italien die deutsche Hegemonie ein Prozess, der nicht voller Sorge betrachtet wird“, denn ihr sei es gelungen, „ihr Land nicht in einen politisch zu bekämpfenden Feind, sondern in einen beeindruckenden Alliierten zu verwandeln“.

Plötzlich „gut geworden“ war Deutschland mit dem Pakt Macron-Merkel, der zu dem europäischen Wiederaufbauprogramm „Next Generation EU“ führte, einem Programm, das Italien mit immerhin 209 Milliarden Euro bedenkt und dessen Verabschiedung schon jetzt Italien trotz der pandemiebedingten katastrophalen Wirtschaftszahlen ein in den letzten Jahren ungekanntes Vertrauen der Finanzmärkte bescherte. Und Angela Merkel wurde darüber zu Italiens rettendem Engel. Zum Jahresende setzt der Corriere della Sera sie unter den „110 Frauen des Jahres“ in die erste Reihe.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben