Interview mit einem Jäger

„Jagdtrophäen sind Staubfänger“

Eckhard Fuhr ist Vizevorsitzender des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg, mag das Lodenbrauchtum nicht und sieht die Jagd als Naturschutz.

Eckhard Fuhr in der Natur

Eckhard Fuhr ist Jäger, aber nicht draußen, um Trophäen zu jagen Foto: Sebastian Wells

taz: Herr Fuhr, in alarmroter Jacke und Kappe hatte ich Sie nicht erwartet für unseren 5-Uhr-Ausflug auf den Hochsitz. Wieso keine Tarnfarben?

Eckhard Fuhr: Wenn man zu mehreren jagt, sind Signalfarben aus Sicherheitsgründen sogar vorgeschrieben. Das hier sind eigentlich Radfahrerklamotten aus Wolle. Ich möchte Naturfasern tragen, aber für Jäger gibt es da kaum etwas außer grünem Loden. Und grünen Loden trage ich nicht so gern.

Zu traditionell?

Die Loden-Subkultur mit ihrem Brauchtumsgeblase und -getute war mir schon immer fremd. Ich bemühe mich, Jagd und mich selbst so darzustellen, dass klar ist: Das hat nichts damit zu tun.

In Ihrem Buch „Jagdkunde“ schreiben Sie: „Die Jäger haben vor allem ein Problem mit sich selbst.“

Viele stehen sich mit ihrer Sonderkultur im Weg. Ihnen geht es um die Tradition und die Trophäen. Eine fragwürdige Orientierung, aber für viele so identitätsstiftend, dass man nicht dagegen ankommt. Das merkt man auch daran, dass die Bockjagd jetzt im Mai beginnt. Es wäre besser, im April anzufangen, den ganzen Sommer Ruhe zu halten und dann wieder im Herbst zu jagen. Aber für die traditionellen Jäger ist es am tollsten, im Hochsommer, wenn die Rehe in der Brunft sind, den Bock zu jagen.

Sie sind stellvertretender Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg. Was sagen denn die sogenannten Traditionellen über den ÖJV?

Obwohl ich objektiv Macht über Leben und Tod habe, empfinde ich keine gegenüber dem Tier

Ein Verband wie der Deutsche Jagdverband, der 250.000 Jäger repräsentiert, ist natürlich etwas anderes als einer mit 4.000 Mitgliedern. Für die sind wir ein Försterverein, sie sagen, wir seien wildfeindlich. Uns gehe es darum, das Schalenwild (die dem Jagdrecht unterliegenden Paarhufer, die Red.), na ja, auszurotten.

Aber sind Jäger nicht letztlich alle wildfeindlich?

Aus der Sicht des Wildes ist das sicher so. Aber die traditionellen Jäger verstehen sich natürlich als Anwälte des Wildes und Heger. Wir lehnen die Hege ab, wie sie noch im Jagdgesetz steht. Danach sollen Fütterung und Äsungsflächen letztlich höhere Wildbestände garantieren. Jeder traditionelle Jäger wird das bestreiten, aber dahinter steckt der Wunsch nach einem hohen Trophäenpotenzial. Sie betrachten uns als diejenigen, die ihnen alles wegnehmen wollen, was ihnen an der Jagd gefällt.

Was denn alles?

Das Selbstbild als gütige, paternalistische Hüter der Natur. Uns geht es um ein neues Bewusstsein. Jagd muss forstlichen Zwecken dienen, dem Umbau der Forsten in klimastabilere Mischwälder – und dafür müssen die unnatürlich hohen Schalenwildbestände deutlich gesenkt werden, weil sich sonst der Wald wegen des hohen Verbisses junger Triebe nicht aus eigener Kraft erneuern kann. Die traditionellen Jäger folgen einer Hierarchie der Arten: Ganz oben stehen die jagbaren Arten, der Rothirsch, der Damhirsch, das Wildschwein, das Rehwild. Um Baumarten geht es ihnen nicht. Und das, obwohl die Bewirtschaftung des Waldes eine langfristigere Auswirkung hat als die des Schalenwildbestands. Unsere Haltung zum Wolf tut ein Übriges, er ist für uns ein Kollege der Jäger. Der ÖJV ist zwar kein Wolfsschutzverband, aber: Es gibt vielleicht 1.000 Wölfe in Deutschland und Mil­lio­nen Rehe und Wildschweine – diese Populationen können die Wölfe gar nicht eindämmen.

Wir sind am Rande von Blankenfelde in Pankow. Wie oft kommen Sie her?

Zwei-, dreimal die Woche. Aber jetzt während der Maijagd immer morgens und abends. Da kommen 20 Leute zusammen, wir bejagen den ganzen Bucher Forst. Da, dort ist ein Schwein, das Dunkle, da drüben im Schilf. Nein, mehrere!

Der Mann:

Eckhard Fuhr, geboren 1954 im südhessischen Groß-Rohrheim, ist stellvertretender Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg (ÖJV), Spezialgebiet: Wolf. Seinen Jagdschein machte er 1993, damals war der Journalist noch FAZ-Redakteur, inzwischen lebt er als freier Autor für die Welt in Prenzlauer Berg.

Das Buch:

Nach Büchern über die „Rückkehr der Wölfe“ und eine kleine Kulturgeschichte der „Schafe“ hat Fuhr nun eines über den Teil seines Alltags geschrieben, den er eine „Lebenswende“ nennt: seine „zeitgemäßen Betrachtungen über ein altes Handwerk“ namens „Jagdkunde“. Erschienen ist das Buch im Verlag Matthes & Seitz Berlin, es hat 176 Seiten und kostet 10 Euro.

Wieso jagen Sie ausgerechnet hier?

Es ist eine – auch finanziell – günstige Jagdgelegenheit. Und so nah an der Stadt: Wo gibt es das sonst schon?

Sogar mit Blick auf den Fernsehturm.

Das hat schon was, ja. Ich habe seit zehn Jahren einen Begehungsschein, um hier zu jagen. Die Fläche untersteht eigentlich dem Grünflächenamt, der Bezirk hat das jagdliche Management dem Forst übertragen. Das Revier geht bis zur ehemaligen Grenze, da hinten ist der ehemalige Mauerweg, da ist Reinickendorf, dort das Märkische Viertel. Manche jagen hier aus alter Verbundenheit: Es war das Gebiet einer DDR-Jagdgesellschaft, einige kennen sich noch von damals.

Nach der Wende wurde das DDR-Jagdgesetz komplett abgeschafft. Was vermissen die Alten denn?

Die Jagdgebiete waren meist identisch mit den Flächen einer LPG, man hat Landwirtschaft und Jagd zusammen gemacht. Von den Bonzenjagden abgesehen: dieser egalitären Vergangenheit trauern viele nach.

Wie sah das Revier damals aus?

Bis 1980 war hier intensivste, schmutzigste Landwirtschaft: Die Berliner Abwässer wurden auf den Flächen verrieselt. Es heißt, dass man den Gestank nicht aushalten konnte. Diese wild anmutende Fläche jetzt, das Niedermoor, ist alles Fake. Es ist eines der Beweidungsprojekte des Bundesamts für Naturschutz. Der Versuch, eine nacheiszeitliche Urlandschaft wiederherzustellen, mit Wildpferden und Rindern. Moment, da ist das Schwein wieder (er greift zum Feldstecher). Das ist aber eine Bache, sie hat Zitzen, ganz deutlich. Da können wir jetzt nichts machen. Hey, da kommt noch einer. Ein Keiler, nein, eine Bache. Oder? Ein ganz schöner Brocken.

Wieso schießen Sie die Bachen nicht?

Die Frischlinge würden dann verhungern. So brutal sind wir nicht.

Aber wenn sie trächtig ist, erlegen Sie sie?

Dann schon, ja. Ach, ich war sicher, dass es zwei Bachen sind. Na ja. So haben wir jetzt weniger Arbeit. Dann wäre unser Tag anders gelaufen.

Wie denn?

Wir hätten den Keiler zum Forstamt bringen und ausnehmen müssen, das ist nur 500 Meter von hier. Dort hätte ich mir eine weiße Metzgerschürze umgezogen, das Tier in eine Vorrichtung gehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und ins Kühlhaus gebracht. Das Abschwarten einer Sau ist eine ziemliche Arbeit. Einem Reh das Fell abzuziehen dauert aber nur ein paar Minuten.

Sie machen das nicht mal eben hier auf dem Feld?

Mit den Rehen manchmal schon. Aber bei den Schweinen gibt es Vorschriften, ich muss Proben vom Blut und Organen entnehmen, sie werden auf verschiedene Erreger getestet, etwa wegen der Afrikanischen Schweinepest. Na ja, das fällt ja heute morgen aus. Dafür haben wir jetzt Zeit für einen schönen Sonnenaufgang. Was ist das dahinten? Ah, ein Fuchs.

Sie können auch weiter flüstern, ich höre Sie gut.

Das macht nichts, der Wind weht in unsere Richtung. Unsere und meine Aufgabe ist es, zu verhindern, dass sich die Wildschweine zu stark vermehren. Aber es ist schon schiefgelaufen: Mindestens zwei Bachen haben Frischlinge. Das geht dann ab wie eine Rakete. Die, die jetzt geboren sind, werden im Herbst schon selbst werfen, sieben, acht Stück, manche zweimal im Jahr.

Was genau lief denn schief?

Ich hätte sie vor sechs Wochen schießen sollen. Aber ich habe sie nicht gesehen oder war nicht häufig genug hier.

Wenn Sie jetzt allein wären, was würden Sie machen?

Ich würde auch den Blick schweifen lassen und warten. Und wenn ich ehrlich bin, wenn sich nichts tut, würde ich zwischendurch auch mal E-Mails checken. Ich dachte ja, dass sich heute eines der Rehe vorstellt, die ich morgen Abend schießen möchte, aber na ja.

Wie viel Platz ist in Ihrer Tiefkühltruhe gerade?

Es ist noch eine Wildschweinkeule drin, vielleicht noch eine Portion Gulasch. Aber ich bin ja die kommenden Tage hier auf der Jagd, da gibt es Nachschub.

Gibt’s etwas, auf das Sie schon Appetit haben?

Auf einen schönen Frischling oder ein Reh, die Lenden angebraten in Butter, mit Weißbrot und Petersilie. An der frischen Leber vom Reh habe ich mich übergessen. Ich habe im letzten Jahr 20 Rehe und Wildschweine geschossen, die Leber, wirklich was Tolles, können gerne andere haben.

Wie hat sich Ihr Fleischkonsum verändert?

Der hält sich sehr in Grenzen. Wir essen nur das Fleisch, das ich selber schieße. Manchmal kaufe ich Blutwurst auf dem Wochenmarkt – für mich ein Grundnahrungsmittel. Ich schieße sehr viel mehr, als wir selber essen, ich verkaufe auch manchmal was. Was mir noch fehlt, ist ein richtig guter Fleischwolf. Dann könnte ich Hackfleisch machen.

Fleischkonsum ist das eine. Aber: Sie als Mitglied im Ökologischen Jagdverein fahren Auto. Wie passt das zusammen?

Das passt gar nicht zusammen. Aber es ist leider verboten, in der Bahn Schusswaffen mitzuführen, ein „Herr und Hund“-Abteil fände ich gut. Ich habe auch schon überlegt, ein Lastenrad zu nutzen, um hier rauszufahren. Aber dann wäre ich wieder offen mit Gewehr unterwegs. Es sind nicht alle so verständnisvoll wie meine Nachbarn in Prenzlauer Berg. Am Ende informiert jemand die Polizei, dann habe ich einen Blaulichtschweif hinter mir.

Als Großstädter Jäger zu sein, wirkt schon ungewöhnlich.

Wenn ich mitunter das Wild nicht portioniert mitbringe, sondern zu Hause das erlegte Tier über der Schulter von der Straße reintrage, schauen manche komisch, ja. Aber mit der Jagd bin ich aufgewachsen. Mein Großvater war schon Jäger, ich bin als Kind als Treiber mitgegangen. Das waren typische Bauernjagden: Wenn die Kartoffeln und die Rüben geerntet sind, erntet man halt die Hasen, danach sitzt man zusammen und singt. In meinem Heimatdorf in Hessen teile ich mir seit mehr als 20 Jahren eine Pacht mit drei anderen. Mein Großvater hat übrigens in seinem ganzen Leben nie ein Wildschwein geschossen – bei mir war es das erste Tier, was ich erlegt habe. Allein daran sieht man, wie sich die Wildbestände in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Sie schrieben, damals, bei Ihrem ersten Schuss, erfasste Sie eine wilde Freude. Ist das immer noch so?

Wenn ich vorhin das Schwein erlegt hätte, wäre ich Ihnen nicht um den Hals gefallen. Aber es hätte heute viel passieren müssen, damit ich schlechte Laune bekomme. Umso größer ist der Ärger, wenn ich vorbeischieße. Oder das Tier nicht gleich finde und eine Nachsuche machen muss. Das geht mir richtig nach. Ich schieße ein Tier tot. Überhaupt: Ich schieße. Da darf nichts schiefgehen. Es kann ja auch ganz andere Folgen haben.

Wie fühlt sich die Macht an, die zu einer Schusswaffe dazu gehört?

Obwohl ich objektiv Macht über Leben und Tod habe, empfinde ich keine gegenüber dem Tier. Ich fühle mich mit der Waffe eher verwundbar. Wenn ich bei Dunkelheit unterwegs bin, gehe ich Leuten aus dem Weg. Die Waffe könnte für den einen oder anderen attraktiv sein. Manche Jäger haben zum Selbstschutz sogar eine Pistole dabei – würde ich nie machen.

In Berlin sind auch 30, 40 Stadtjäger unterwegs. Wäre das nichts für Sie?

Das habe ich mir auch schon überlegt. Offizielle Stadtjäger bekommen die Erlaubnis, in befriedeten Bezirken zu jagen. Es ist ein Ehrenamt – als Entschädigung können sie das erlegte Wild behalten. Die Haltung, dass Jagen teuer ist und man dafür auch etwas geboten bekommen will, idealerweise alles in einem kleinen Jagdparadies, mit der Möglichkeit, einen Hirsch zu schießen, finden Sie beim ÖJV sowieso nicht. Hier werden viele eher dafür bezahlt, dass sie auf die Jagd gehen.

Sie distanzieren sich zwar deutlich von den Traditionellen und ihrem Trophäenkult, haben aber zu Hause selbst ein Geweih an der Wand, wie Sie im Buch erzählen.

Es war ein Abschied in mehreren Schritten. Am Anfang habe ich jedes Rehgeweih, das ich erbeutet hatte, auch präpariert und aufgehängt. Nach und nach habe ich sie meinen Enkeln zum Basteln gegeben, der Rest ist in einem Korb. Geblieben sind ein Hirsch, der einzige, den ich geschossen habe, und dicke Keilerzähne. Aber es interessiert mich nicht mehr. Es sind Staubfänger.

Wie kamen Sie denn zum ÖJV?

Die Positionen des ÖJV habe ich schon lange vertreten, auch in miner Kolumne für die traditionelle Jagdzeitschrift Wild und Hund, sehr zum Ärger vieler Leser. Als der Vorsitzende, Mathias Graf von Schwerin, mich ansprach, war ich erst zurückhaltend. Aber ich wollte meine Texte nicht mehr in einem Kontext lesen, in dem mich vieles abstößt. Also sagte ich mir: Wenn, dann richtig. Und bin vor vier Jahren eingetreten. Den ÖJV gibt es in Brandenburg seit über 25 Jahren. Wir sind zwar wenige, aber etwa in den Forstverwaltungen stark vertreten.

Wie finden die Traditionellen das?

In Brandenburg ist nun sogar die Forst- und Jagdverwaltung zusammengelegt, weil die Jagd den forstlichen Zielen untergeordnet werden soll. Leiter ist ein Förster, manche seiner Mitarbeiter sind Mitglied bei uns. Der Landesjagdverband läuft Sturm. Aber auch laut der Gesetze ist die Jagd eine Nebennutzung und hat sich den Forsten und der Landwirtschaft unterzuordnen. Es gilt die Maxime: „Wald vor Wild“.

Im Februar auf der Jahresversammlung hat sich Ihr Landesverband sogar umbenannt, nun gehört auch Berlin dazu. Wieso erst jetzt?

Es war überfällig. Wir hatten in den letzten Jahren viel Zulauf, nun sind ein Drittel unserer Mitglieder Berliner.

Woher kommt das Interesse?

Es gibt einen Generationenwechsel. Früher ging man auf die Jagd, um eine gesellschaftliche Stellung zu demonstrieren, geschäftliche Beziehungen zu knüpfen oder weil es zur Familientradition gehört. Heute kommen Leute zur Jagd, die nicht in dieser Loden-Subkultur sozialisiert sind, darunter auch viele Frauen.

Ein Berliner Neujäger erzählte mir, er wolle vor allem ein paar Stunden zur Dämmerung in der Natur sein.

Das ist ja auch was Schönes. Aber dazu bräuchte er kein Gewehr. Wenn ich jagen will, muss ich solche Naturerlebnisaspekte zurückstellen, mich auch an weniger romantischen Stellen positionieren, wo die Chance größer ist, ein Tier zu schießen. Die Natur ist ein Grund, aber für viele stehen gesundes Fleisch und Tierethik im Vordergrund. Wer sich bewusst ernähren will, den Fleischkonsum reduziert, ist sowieso sehr schnell bei der Jagd. Und wenn ich in meinem digitalisierten Leben mehr Authentizität brauche, dann finde ich sie, indem ich das Tier, das ich esse, auch selbst töte.

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