Interview mit Technolegende Laarmann: „Der ganz große Kick fehlt gerade“

Unterwegs im Berliner Nachtleben: Ein Clubcheck mit Jürgen Laarmann, der vor 25 Jahren mit dem Magazin "Frontpage" half, Techno flottzumachen.

Wo wird heute noch geravt? Bild: ap

taz: Herr Laarmann, wie geht es Ihnen?

Jürgen Laarmann: Super. Im Vergleich zur wilden Zeit zu Frontpage-Tagen führe ich jedoch ein vergleichsweise ruhiges Leben.

Dank all der Erinnerungsbücher über Techno in Berlin – müssen Sie da jetzt ständig immer dieselben Geschichten von damals erzählen?

Ja, schon, aber das ist auch okay so. Die ganze Wahrheit wurde ja immer noch nicht erzählt, da bleiben noch ein paar gute Geschichten, bis alles auserzählt ist.

In dem 2012 herausgekommenen Zeitzeugenbuch „Der Klang der Familie“ von Felix Denk und Sven von Thülen erscheinen Sie vor allem als leicht größenwahnsinnige Koksnase.

Einen gewissen Unterhaltungswert hat das schon, auch wenn viele Storys aus dem Buch nicht stimmen. Aber zugegeben: Wir bei Frontpage haben damals schon viele Drogen konsumiert.

Jahrgang 1967, Frontpage-Mitbegründer, zeitweiliger Mitgesellschafter der Loveparade und überhaupt Propagandist von Techno, ist als Publizist und Journalist auch unter seinen Initialen JL bekannt.

Und heute?

Drogen nimmt man halt eine Zeit lang. Hätte ich die weiter genommen, wäre ich wahrscheinlich inzwischen tot. Mit den Drogen ist es wie mit dem Ausgehen: Der normale Weg ist, dass die Leute irgendwann immer weniger ausgehen, weil sie halt auch älter werden und andere Dinge im Vordergrund stehen. Dann gibt es aber auch ein paar ganz übel Hängengebliebene, die jetzt immer noch jedes Wochenende druff sind, das sind aber meist eher verpfuschte Existenzen.

Sie gehen aber schon noch aus, oder? In Ihrer bis vor Kurzem im Stadtmagazin 030 erschienenen Kolumne „Berlin Mitte Boy“ ging es immerhin viel übers Berliner Nachtleben.

Als Mittvierziger geht man aber anders aus als Zwanzigjähriger. Ich würde das, was ich heute betreibe, eher Info-Raven nennen: Man geht nur noch ganz selektiert aus, zu Events, wo man denkt, da muss man jetzt unbedingt hingehen. Den Anspruch, einen Überblick über das Treiben in der Stadt zu behalten, den gibt es immer noch.

Sagen Sie mal etwas zu ein paar Clubs in Berlin. Das Berghain?

Das Berghain fand ich eigentlich nie so toll, war da aber auch nur ein-, zweimal. Das Berghain ist ja eigentlich der Nullerjahre-Nachfolger vom E-Werk, aber in unsympathisch.

Watergate?

Repräsentiert wie das Berghain einen dieser Berliner Clubs ohne Berliner. So wie auch das Weekend. Eine Berliner Szene geht da sowieso nicht mehr hin, höchstens ein paar Freunde der DJs, die dort auflegen, landen dort mal zufällig. Da besteht das Publikum zu 90 Prozent aus Israelis, Spaniern und Franzosen.

Und wo geht man als Berliner zum Info-Raven hin?

Man schaut mal vorbei bei den Orten, die gerade als „Stand der Dinge“ gelten. Zum Beispiel vergangenen Sommer im Klunkerkranich – einem Sommergarten auf einem Parkdeck in Neukölln. Ist ein wenig ein KaterHolzig-Abklatsch, nur ohne Afterhour. Ist aber schon der Laden, der anzeigt, was in Berlin im Moment passiert. Das Schöne ist ja auch, dass in Berlin die Clubs immer lustige Namen haben: Klunkerkranich. Hauptsache, Engländer können es nur schwer aussprechen. Gut fand ich es auch im Sameheads in Neukölln, bei einem Event, das „Hut auf“-Party hieß. Da waren lauter Leute, die lustige Hüte aufhatten, und die Stimmung war ziemlich relaxed. Der ganz große Kick fehlt aber gerade in Berlin. Das mit den ganzen Open-Air-Locations ist explodiert, es wäre aber schon gut, wenn mal wieder was richtig Neues käme, fernab von dem ganzen Bar-25-KaterHolzig-Wir-basteln-alles-selbst-Quatsch. Wer das hinbekäme, könnte schnell König sein in Berlin.

Treffen Sie beim Ausgehen noch manchmal auf gute Bekannte von damals oder sind da einfach nur noch die Jungen?

Ich habe als Mittvierziger ja keine eigene Szene mehr. Für die Menschen meiner Generation gibt es dafür ein paar Mal im Jahr einige Wiedersehens-Events, wie den Café-Schönbrunn-Geburtstag, in dem ja die ehemalige E-Werk-Chefin Hilke Saul Regie führt. Da sind sie dann alle „von früher“, das ist wie ein Vietnamveteranenrave, wo die alten Geschichten ausgepackt werden. Ich vermeide diese Partys nach Möglichkeit, aber manchmal landet man dann doch dort und ist dann schnell froh, dass so etwas nur relativ selten stattfindet.

Tanzen Sie da auch?

Bei diesen Partys tanzt keiner mehr. Da glotzt man den Martini-Brös zu.

Die sind immer noch gefeierte DJs, genauso wie Ihr alter Kumpel WestBam. Ist das nicht verrückt, dass die Alten immer noch so gefragt sind?

Ich finde das, ehrlich gesagt, nicht so erstaunlich. Als DJ hat man ja die Möglichkeit – anders als Sportler –, immer besser zu werden. Und so gesehen ist es okay, dass die Alten heute noch immer Respekt bekommen, gerade wenn sie dann auch noch mal was Neues machen wie jüngst wieder WestBam. Interessant wird es, wenn noch mal zehn Jahre ins Land ziehen und körperliche Gebrechen hinzukommen. Viele legen auch fast nur noch auf diesen „Classics“-Partys auf, aber es ist meist besser, dies nicht zu tun, wenn man nicht für immer passé sein will.

Verfolgen Sie denn noch neue Dance-Trends?

Auf jeden Fall. Minimal war total uninteressant, genau das Gegenteil des Sounds, den wir damals in der Frontpage gepusht haben, nämlich ravigen Sound, der nach vorn geht. Moombathon und Trap, eher maximaler Techno, kommen jetzt durch den aktuellen Electronic-Dance-Hype in den USA aber glücklicherweise auch langsam in Berlin an, das führt zu Partys, wo einfach wieder mehr abgeht. Minimal war meiner Ansicht sowieso nur ein Gastronomiekonzept zur Steigerung des Getränkeumsatzes. Die Musik ist langweilig, es passiert nichts, deswegen nehmen alle Ketamin, was durstig macht und wach hält. Man hat also lauter verpeilte Leute im Laden, die saufen, weil ja sonst nichts abgeht, und das stundenlang.

Moombathon, Trap: Kann Techno nach all den Jahren also immer noch mit neuen Sounds überraschen? Kann da noch mal was wirklich Neues kommen?

Na ja, 1991 und 92 werden für mich wahrscheinlich immer die besten Jahre dieser Musik bleiben. Mag sein, dass das auch daran liegt, dass ich zu der Zeit jung war. Techno brachte damals aber das Versprechen mit sich, dass es in diesem rasanten Tempo immer weitergehen würde. Was dann natürlich nicht passiert ist. Gut, es gab Drum&Bass und andere Abarten von Techno, aber irgendwann eben vor allem nur noch Minimal. Die Wahrheit ist: Es ist einfach nichts nachgekommen. Dabei wünsche ich mir immer noch, dass es endlich eine völlig neue Jugendmusik gibt – Zingi-Zongi oder so – die alles, was vorher war, verdammt alt und langweilig aussehen lässt. Aber von wem soll die kommen? Man dachte ja immer, dass die ganzen Kinder der Raver – die erste Generation davon wird gerade erwachsen –, dass die alle so werden würden wie Sigue Sigue Sputnik in durchgeknallt. Aber das Gegenteil ist passiert. Sehr viele Raverkinder sind extrem konservativ und hören lieber Deutschland-sucht-den-Superstar-Musik. Die Kinder verblüffen uns nicht mit komischen neuen Geräuschen, sondern mit ihrer Spießigkeit.

Party bis zum Abwinken kann die Jugend aber immer noch machen, oder?

Na ja, auch da muss man sagen: Da haben wir die Standards gesetzt. Vielleicht nehmen die Jungraver wegen dem Gastrokonzept Minimal mehr Drogen als wir und bleiben etwas länger auf, aber beides halte ich für keine herausragende kulturelle Leistung.

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