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ImTal der Zäune

Hinter zwei Reihen Stacheldraht warten Ahmad und Ibrahim auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Und auf ein Leben, das hier im Geflüchtetenzentrum auf der griechischen Insel Samos zwischen Kontrolle, Stillstand und europäischer Politik in der Schwebe ist

Weiße Blechhütten, grelle Sonne: zwei Bewohner des Lagers im Zervoutal

Aus Samos Giacomo Sini und Dario Antonelli (Text und Fotos)

Die Sonne brennt gnadenlos auf das Zervoutal. Weiße Blechhütten reihen sich aneinander, umgeben von zwei Reihen Stacheldrahtzaun, zwischen ihnen liegt eine asphaltierte Straße für Polizeipatrouillen. Was aussieht wie ein Gefängnis, ist das Closed Controlled Access Centre (CCAC) für Geflüchtete auf Samos. In Zentren wie diesem müssen Menschen leben, die auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa auf den griechischen Ägäisinseln angekommen sind, während sie auf die Prüfung ihrer Asylanträge warten.

Ein junger Mann steht mit gesenktem Kopf zwischen dem Zaun und den Containern, die in den Sommermonaten zu einem Backofen werden können. Er scheint nach etwas Schatten zu ­suchen. Was sich auf Samos abspielt, ist ein Blick in die Zukunft der europäischen Asylpolitik. Sobald die Reform des gemeinsamen europäischen Asylsystems ab Juni 2026 angewandt wird, dürften überall an den europäischen Außengrenzen Lager wie dieses auf Samos entstehen.

Dessen Bewohner haben zwar theoretisch das Recht, es tagsüber zu verlassen. Doch die strengen Kontrollen von Ausweisen und biometrischen Daten an den Ausgängen führen zu oft stundenlangen Schlangen und halten viele davon ab. Wer die Prozedur hinter sich bringt, braucht fast zwei Stunden, um vom CCAC entlang einer schmalen, kurvenreichen Straße ins Zentrum von ­Vathy zu laufen. Es ist die nächstgelegene Stadt und der wichtigste Hafen der Insel Samos. In der Nähe des Hauptplatzes befindet sich das Alpha-Zentrum. Die NGO Samos Volunteers betreibt diesen Gemeinschaftsraum seit 2018. Hier gibt es einen Umsonstladen für Kleidung, einen Frauenraum und eine LGBTQ+-Selbsthilfegruppe. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen. Einige Leute machen mit Hilfe eines Freiwilligen Sprachübungen, während eine Gruppe junger Leute versucht, ein Puzzle zu lösen.

„Ich komme fast jeden Tag hierher, trinke eine Tasse Tee und lerne neue Freunde kennen“, sagt Hassan, ein 30-jähriger Somalier. Seinen echten Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen, so wie auch die anderen Geflüchteten in diesem Text. „Das CCAC ist schrecklich“, fährt er fort, „es ist nicht gut für den Kopf, den ganzen Tag dort zu sitzen und nichts zu tun. Hier unterhalte ich mich mit anderen und denke nicht so viel über das nach, was ich durchgemacht habe.“

Die Büros des Vereins befinden sich im ersten Stock. Ahmad, etwa 40 Jahre alt und ehrenamtlicher Mitarbeiter der NGO, kommt jeden Tag hierher. „Ich bin Syrer und schwul“, stellt er sich vor. „Ich suche nur nach Frieden und Freiheit, nach einem Land, das mich akzeptiert, aber ich habe es noch nicht gefunden.“ Auch er lebt im CCAC. Sicher fühlen könne er sich dort nicht. „Ich kann hier nicht einmal sagen, dass ich schwul bin“, sagt Ahmad. Aufs griechische Festland darf er nur ziehen, wenn sein Asylantrag positiv entschieden wird.

Er kam vor fast einem Jahr nach Samos. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in dieser Situation sein würde“, sagt Ahmad. Er hatte zuvor in Katar gelebt und gearbeitet. „Aber ich führte ein Doppelleben, weil ich meine ­Homosexualität nicht öffentlich zeigen konnte.“ Nachdem er entlassen wurde, sei sein Visum im April 2024 abgelaufen. Eine andere Wahl, als nach Syrien zurückzukehren, habe er nicht gehabt. Also zurückgehen in seine Heimatstadt Deir al-Sor? Das sei auch keine Option gewesen, sagt Ahmad. „Die Leute kannten mich in der Stadt. Ich war in Gefahr.“ Er entschloss sich zur Flucht nach Griechenland.

„Ich atmete Freiheit, zumindest in der ersten Woche“, erinnert sich Ahmad. Bald aber habe er noch eine andere ­Realität entdeckt. „Hier gibt es keine Freiheit“, sagt er mit strengem Blick. „Die Situation im CCAC ist schrecklich.“

Wer ankommt, durchläuft zunächst ein Verfahren zur Registrierung als Asylsuchender. Laut Amnesty International werden die Be­woh­ne­r*in­nen dabei systematisch Freiheitsbeschränkungen unterworfen. Für bis zu 25 Tage sei es möglich, dass ihnen das Verlassen des Lagers untersagt werde. Zivilgesellschaftliche Organisationen berichten, dass die Menschen oft länger als 25 Tage nicht aus dem Lager herauskommen können, oft ohne dass in ihrem Fall offiziell eine Entscheidung über die „Freiheitsbeschränkung“ getroffen wurde.

Doch auch nach der Registrierungsphase ist der Alltag schwer. Ahmad berichtet, dass seiner Wahrnehmung nach abgelaufene Lebensmittel ausgegeben wurden. Die hygienischen Bedingungen schildert er als unzureichend. Nach seiner Darstellung werde insbesondere vor offiziellen Besuchen verstärkt gereinigt. Auch die medizinische Versorgung bewertet er als nicht ausreichend. Weder das CCAC noch das griechische Migrationsministerium nahmen zu den Vorwürfen Stellung. „Es ist ihnen egal, dass sie es mit Menschen zu tun haben“, sagt Ahmad.

Die EU-Kommission ist sich der Grundrechts­verletzungen innerhalb der Strukturen bewusst

Das CCAC auf Samos ist das größte von fünf solchen Zentren auf den griechischen Ägäisinseln. Nach Angaben vom Januar 2026 leben dort mehr als 1.700 Menschen. Seit seiner Errichtung im Jahr 2021 gilt das CCAC auf Samos als Blaupause für die Geas-Reform, sagt Arno Tanner, Projektkoordinator beim Human Rights Legal Project (HRLP): „Was als Experiment auf den Ägäischen Inseln begann, wird nun in die Gesetze und Strukturen des gesamten EU-­Asylsystems aufgenommen.“ Die auf Samos und Lesbos praktizierten Maßnahmen – darunter Bewegungseinschränkungen, beschleunigte Verfahren und verstärkte Überwachung – seien bald keine Ausnahmen mehr, sondern würden, seiner Einschätzung nach, europäischer Standard.

„Die Modelle der geschlossenen Kontrollzentren gelten in Europa als besonders wirksam“, sagt Tanner: „Ankommende Personen werden im Rahmen streng kontrollierter Grenzverfahren überprüft und registriert, ihre Bewegungsfreiheit wird durch Zugangs­kontrollen und biometrische Überwachung eingeschränkt, die rechtliche Unterstützung ist begrenzt, und die Personen werden bis zur Klärung ihres Antrags geografisch festgehalten.“

Der neue EU-Migrationspakt werde dieses Modell „legalisieren und ausweiten“, betont Tanner. „Andere EU-Staaten können nun leichter Gefängnis-ähnliche Zentren an ihren Grenzen errichten, die Logik der Eindämmung in der Ägäis replizieren und Partnerschaften mit Drittländern formalisieren, um Verantwortung auszulagern.“

Die EU-Kommission sei sich der Grundrechtsverletzungen innerhalb der Strukturen bewusst, sagt Tanner. „Da solche Strukturen nun auf europäischer Ebene eingeführt wurden, verstärkt sich nur noch der Eindruck, dass die EU die Grundrechte von Menschen, die Schutz suchen, als zweitrangig gegenüber ihrer strategischen Isolation gegenüber der Migration aus der südlichen Hemisphäre betrachtet. Der Pakt behebt nicht die Versäumnisse des letzten Jahrzehnts – er legitimiert und legalisiert sie.“

Arno Tanner vom Human Rights Legal Project sammelt einen Autoreifen ein, der von Menschen auf der Flucht als Rettungsring benutzt wurde

Wie die Geas-Reform letztendlich konkret angewandt werden wird, kann sich ab Juni 2026 zeigen. Dennoch lassen sich ihre Auswirkungen bereits jetzt erahnen. „Denken Sie an die Menschen, die aus Ländern kommen, deren Anerkennungsquote bei 20 Prozent oder weniger liegt“, sagt Tanner. Gemäß der Geas-Reform werden sie einem nicht anfechtbaren, schnelleren Verfahren in Lagern an den EU-Außengrenzen unterworfen.

Bereits jetzt sei es in einigen Fällen sehr schwierig für Menschen, Asyl zu erhalten, wenn sie aus vermeintlich sicheren Ländern kommen. „Denken Sie an Nigeria, Somalia oder Sierra Leone“, sagt Tanner, „nur weil in diesen Ländern kein aktiver Krieg herrscht, ist es für sie leider schon sehr schwierig, Schutz oder Asyl zu erhalten.“ ­Tanner erwartet, dass der Zugang zu Asyl weiter eingeschränkt wird. Ein weiterer Punkt, den er anspricht, betrifft die ­Externalisierung von Verantwortlichkeiten auf Länder außerhalb der EU: „Es besteht die Gefahr, dass solche gefängnisähnlichen Aufnahmeeinrichtungen wie das CCAC in Samos auch in anderen Ländern entstehen werden.“

In Bezug auf die konkreten Auswirkungen der Reformumsetzung auf der Insel betont Giulia De Vita, Kommunikationskoordinatorin bei Samos Volunteers: „Auf Samos besteht die Gefahr, dass die Bedingungen im CCAC noch schlechter werden.“ De Vita befürchtet, dass die Arbeit der Organisation noch schwieriger wird, weil Zugänge zum Lager beschränkt werden und der Unterstützungsbedarf der Kli­en­t*in­nen steigen wird. „Die Realität auf Samos zeigt, dass dieses auf Eindämmung und Einschränkung von Rechten basierende Modell schwerwiegende Folgen für die Würde und das Wohlergehen der Menschen hat“, sagt De Vita.

Dennoch sollten diese Einrichtungen geöffnet sein. Tatsächlich müssten die Asylsuchenden, wie Rechtsanwalt Dimitris Choulis von der Organisation Human Rights Legal Project betont, „unter normalen Bedingungen untergebracht werden, während sie auf den Abschluss des Asylverfahrens warten“ – in Häusern anstatt quasi-geschlossenen Camps. Choulis sitzt am Schreibtisch seines Büros in Vathy, einer Kleinstadt im östlichen Teil der Insel Samos. „Als 2015 die Krise auf Samos begann, wurde in der Nähe des Stadtzentrums ein Lager für 680 Menschen eingerichtet“, erzählt Choulis. „Dort lebten 8.000 Menschen, die Bedingungen waren schrecklich, es war ein Dschungel, aber es war offen.“ Dann, im Jahr 2021, wurde das neue CCAC eröffnet.

Ohne wären die Zustände im Lager noch schlechter zu ertragen: das Alpha-Zentrum in Vathy, das als Gemeinschaftsraum dient, allerdings zwei Stunden Fußmarsch entfernt

Für Choulis ist der Paradigmenwechsel klar: „Es handelt sich nicht mehr um einen Notfall.“ Bereits das Konzept solcher Zentren berge strukturelle Risiken für Menschenrechtsverletzungen. Aus seiner Sicht seien diese Probleme nicht bloß organisatorische Einzelfälle. Der Anwalt fährt fort: „Das Zentrum auf Samos hat die Europäische Union 45 Millionen Euro gekostet. Es wurde als Lösung für die Krise präsentiert und sollte alle Dienstleistungen bieten – von Schulen bis zu Wäschereien –, aber sie funktioniert nicht!“

Laut Dimitris Choulis liegt das Problem an der Wurzel: „Es ist die Idee des Lagers. Nicht in der Lage zu sein, andere Menschen zu treffen, hinter einem Zaun zu leben und nur Polizisten zu sehen, ist schon schlimm genug, wenn man bedenkt, dass diese Menschen aus einem Kontext von Krieg oder Verfolgung geflohen sind.“ Die Fälle von Menschenrechtsverletzungen, die das HRLP gesammelt und dokumentiert hat, sind zahlreich und treten kontinuierlich auf.

Der schwerwiegendste Fall der vergangenen Monate betrifft unbegleitete Minderjährige, für die die Sicherheitszone des Zentrums reserviert ist, erzählt Choulis. Der Anwalt sagt, dass sich im Oktober 2024 etwa 400 Minderjährige in der Einrichtung befanden, die nur 200 Plätze fasst, und dass ihre Zahl im Januar und Februar 2025 auf 500 angestiegen ist. „Es handelt sich um einen geschlossenen Bereich innerhalb eines geschlossenen Zentrums“, erklärt Dimitris. „Wir hatten keine Informationen. Erst im Dezember, als wir einen der Minderjährigen in einem Prozess unterstützten, erfuhren wir, dass sie auf dem Boden schliefen, keinen Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und Warmwasser hatten, keine Schuhe und keine Kleidung besaßen und im Winter dieselben Kleider trugen, in denen sie im Sommer angekommen waren.“

Foto: Giacomo Sini

Der Minderjährige hätte von Hautinfektionen berichtet, Krätze sei weit verbreitet gewesen. Die Kinder seien nicht behandelt worden und hatten Wunden am Körper. Das HRLP schaltete sich daraufhin ein, indem es sowohl vorläufige Maßnahmen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beantragte als auch die Schweizer Botschaft, die die Sicherheitszone finanzierte, dazu drängte, aktiv zu werden. Am 20. Mai seien schließlich alle verlegt worden. „Ende Juni kamen 13 neue Minderjährige in der Sicherheitszone an“, fährt der Anwalt bitter fort. „Wir wissen, dass sie die Kleidung der Kinder erhielten, die zuvor dort waren, und dass sie alle bereits Krätze haben.“

Der Ball springt auf dem Tischtennistisch im Alpha Centre. Ibrahim schaut seinen Gegner an und schlägt den Ball hart zurück. Es ist ein Punkt, und das Spiel ist vorbei. Wie Ahmad kommt ­Ibrahim aus Deir al-Sor in Syrien. Der 32-Jährige erreichte Samos vor zehn Monaten, er ist einer der Freiwilligen der Gemeinschaft. „In Deir al-Sor hatte ich ein Café mit einem Billardtisch und einer Tischtennisplatte“, erzählt er, während er in einer Pause an seinem Kaffee nippt. „Wir haben regionale Turniere organisiert, und es war immer voller Leute. Der Krieg hat alles zerstört.“ Sein Bein ist bandagiert. Vor zwei Jahren habe ihn ein Bombensplitter, der sein Haus traf, schwer verletzt.

„Ich habe alles verloren“, sagt er ernst. „Meine Familie ist unter den Trümmern ums Leben gekommen, aber ich habe glücklicherweise überlebt. Jetzt habe ich jedoch Probleme beim Gehen.“ Trotzdem macht Ibrahim keinen Moment Pause. Er hilft dabei, die gesamte Gegend sauber zu halten, und übersetzt bei Bedarf vom Arabischen ins Englische. „Ich fühle mich hier wohl. Ich helfe gerne und verbringe gerne Zeit mit Menschen. Hier kann jeder von uns ein normales Alltagsleben führen.“

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