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Klaus Ronneberger war Stadtsoziologe und Vinylliebhaber. Das Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni Berlin stellte seine Sammlung vor

Gemeinsam Musik hören im Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität Foto: Heike Zappe

Von Robert Mießner

Nutzen und Nachteil des Plattensammelns für das Leben betrachtend, fangen wir mit den Nachteilen an: Der Vinylfetisch fordert Platz und Zeit, auch lässt er sich nicht für lau ausleben. Das war es dann aber auch schon und unterscheidet sich nur graduell von anderen Hobbys. Gehen wir zu den nützlichen Aspekten über. Plattensammeln, oft als Zeitvertreib für Einzelgänger imaginiert, fördert die Geselligkeit, ist Ausgangspunkt für ein individuelles Koordinatensystem und kann zur Theoriebildung beitragen.

Der 2025 verstorbene Stadtsoziologe Klaus Ronneberger lud offenbar gerne dazu ein, gemeinsam Musik zu hören. So kam man ins Gespräch, und das nicht, ohne dabei anständig zu essen. Diese Verknüpfung denkerischer Arbeit mit sinnlichem Erleben hat im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni kurz vor Pfingsten bei einer öffentlichen Archivwerkstatt ein Reenactment erfahren – und es wäre schön, wenn es nicht eine einmalige Veranstaltung bliebe. Der Wille ist auf jeden Fall vorhanden.

Wie ihr Institut mitten in einem Wintereinbruch zu 2.500 LPs in 25 sperrigen Umzugskisten kam, berichteten die Wissenschaftlerin Manuela Bojadžijev und ihr Kollege Jonas Tinius. Eine klassische Seminarsituation mit Tendenz zum Symposium im nicht minder klassischen Sinne: Bier und Weißwein standen in gebührendem Sicherheitsabstand zu den Platten bereit, deren Vorder- und Rückcover an die Wand projiziert wurden; und zwar als Scans von Haim Cattaneo. Der hat als Student einen Traumjob: Er erklärte, wie aus einer Sammlung ein Archiv wird, und wies darauf hin, dass sich in der Ronneberger’schen Sammlung Raritäten befinden, die es noch nicht auf Spotify geschafft haben.

Viel Platz für Sun Ra

Klaus Ronnebergers Sammlung – ihr Stifter hat als Vertreter von Recommended Records gearbeitet – ist im besten Sinne eklektisch: Viel Platz gehört dem Afrofuturisten und Saturnsegler Sun Ra, generell Jazz in allen Varianten von traditionell bis ganz weit draußen.

Eine Kiste beherbergt Musik von der sonnenabgewandten Seite, beispielsweise die ersten beiden Alben der britischen Geisterbeschwörer Current 93. Tanzbares fehlt dennoch nicht, also steht bei Ronneberger nicht nur Karlheinz Stockhausen, sondern auch der Soul-Folk von Kevin Rowland & Dexys Midnight Runners mit „Come On Eileen“, bis heute ein Garant für proppenvolles New-Wave-Geschubse.

Der Landarbeiter-Look der Dexys, Latzhose, Lederweste, weite Hemden und Baskenmütze, stimmte auf den nächsten Programmpunkt ein: Stadtforscher Jochen Becker führte aus, was bei Bojadžijev und Tinius schon deutlich geworden war, den rebellischen, herrschaftskritischen Aspekt von Klaus Ronnebergers Arbeit.

Die einzig wahre Neue Deutsche Welle Foto: Heike Zappe

Ronneberger war fasziniert von der Pariser Commune als Beispiel einer städtischen Revolte und Selbstverwaltung. Auf deren gebrochenem Rücken sollte sich 1871 das Deutsche Reich breitmachen.

Der Kapitalismus ist die barbarischste aller Religionen, heißt es bei The Pop Group, einem Agit-Funk-Ensemble, das Radiomacher Klaus Walter am 24. April zu Klaus Ronnebergers erstem Todestag in der Buchhandlung pro qm auflegte, mit der Ronneberger eng verbunden war. Bauen wir eine neue Stadt, wie bei Palais Schaumburg, der einzig wahren Neuen Deutschen Welle, mit welcher der Abend bei Humboldts in die Verlängerung ging. In einer Nachbarschaft übrigens, deren Mieterinitiative „Regierungsviertel“ heißt. Da geht noch was. „Wir beschallen jetzt das Justizministerium“, sagt Jonas Tinius, bevor die Pizza kommt.

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