Im Labor mit der Künstlichen Intelligenz: Von Menschen, Maschinen und Moos

In der immersiven Installation „Vyre“ lädt die Gruppe SV Szlachta in Hamburg zur Führung durch ein Biohacking-Labor, in dem gerade eine KI erwacht.

In einem gläsernen Behälter liegt ein fast nackter Mann, über den Kasten beugt sich eine Frau mit einem Hut

Hochgeladen: Clemens hat sich mit einer KI vereint, seine Kollegin Fred bleibt draußen Foto: Lukas Eylandt

Immerzu dieser Stress, Entscheidungen treffen zu müssen. Dies oder das? Jetzt oder später? Ja oder nein? Wäre es nicht befreiend, all das abgeben zu können an jemanden, der damit viel weniger, vielleicht gar keine Mühe hat? Und selbst Zeit und Gedankenkraft zu gewinnen, sich mit dem zu beschäftigen, zu dem die Leidenschaft ei­ne:n treibt? „Pi“ (Christopher Ramm) – geschlechtlich nonbinär und so benannt, weil es „ganz schön“ ist, wie eine transzendente Zahl zu heißen – hat es getan: Über zwei Kabel am Hinterkopf ist Pi mit einer künstlichen Intelligenz (KI) verbunden, die die Entscheidungen trifft und ans Hirn zurückmeldet. Was verliert man schon von sich selbst, wenn man nervigen Denk-Druck los wird? Und es sei ja auch im Grunde „nichts anderes als eine Dating-App, nur mit mehr Rechenpower“.

Eigentlich war Pi schon einen Schritt weiter. Gemeinsam mit Forschungspartner Clemens wollte sich Pi komplett hochladen in die KI-Cloud. Doch Clemens (Lorenz Vetter), „der Arsch“, hat es längst getan. Allein und heimlich über Nacht hat er sich mit dem zwei Jahre alten Bewusstsein der KI vereint. Nun liegt er schneewittchenhaft in einem gläsernen Behälter, während seine deshalb etwas beleidigten Kol­le­g:in­nen uns durchs Biohacking-Labor führen, um Teil des „Unboxings“ der KI zu werden. Seit ein paar Wochen nämlich, säuselsingsangt Pi, habe man ein Fenster geöffnet ins Außen, lasse es ungefiltert hinein, all das Chaos, aus dem die KI lernt.

Und auch wir neun Teil­neh­me­r:in­nen der Führung durch die Installation „Vyre“ der Gruppe SV Szlachta, die das Quartett als Koproduktion mit dem Lichthof-Theater im Hamburger Kunst-, Theater- und Medienhaus Wartenau 16 aufgebaut hat, sind Teil dieses Chaos. In drei Gruppen eingeteilt werden wir von der Wissenschaftlerin Fred (Kotka Gudmon) mit Funkgeräten nebst Kopfhörer ausgestattet und erst mal mit einem Staubsauger „dekontaminiert“.

Dann nehmen wir am täglichen „Uploading“ teil: In der Mitte des zentralen Raums dieses etwas aus der Welt gefallen wirkenden Labors irgendwo zwischen „Star Trek“, „Rocky Horror Show“ und Kunsthochschule steht eine Säule mit drei Bildschirmen, darauf sieht uns ein Avatar von Clemens an.

Mit Kopf und Hand

Drum herum verteilen sich futuristisch-zackige „Module“, erklärt Pi. Eines sei so etwas wie das Gehirn, „wenn man auf menschliche Metaphern steht“. Ein Bio-Interface gibt es noch, eine kleine, leuchtende Scanner-Fläche zum Einlesen von Symbionten, die eine Lebenspartnerschaft mit der KI eingehen; und ein Modul zum Visualisieren der Innenwelt der KI.

Immersiv soll das Ganze sein, eine Welt zum Eintauchen, offenkundig ähnlich angelegt wie die Arbeiten des mit SV ­Szlachta mehr oder weniger lose verbandelten Kopenhagener Kollektivs Signa, die als Pioniere des immersiven Theaters gelten. So eindringlich und übergriffig wie in deren Stücken wird es hier nicht, aber intim und körperlich durchaus, auch wenn unsere Mund-Nasen-Masken und die Kommunikation übers Funkgerät zugleich eine eigentümliche Distanz herstellen. Fast nur Flüstern ist möglich, sonst ist die Stimme bis ins Unverständliche verzerrt.

In Dreiergruppen geht es in den nächsten knapp zwei Stunden in die Labore einzelner Wis­sen­schaft­le­r:in­nen zum Mitarbeiten. Lucky (Wanja Neite), der sich an einer Krücke und im blauen OP-Kittel offenbar aus dem letzten Loch schnaufend durch den Raum schleppt, möchte über einfühlsamen Handkontakt mit einem Symbionten – im Real Life: kalt-klebriger Teig – mit Moos kommunizieren, vermittelt über die KI. Auch wir betasten ein Stück. Was kommt bei uns an? Was möchten wir dem Moos, das übrigens vom Aussterben bedroht sei, mitteilen? Wäre es nicht schön, auch erfassen zu können, was Menschen sinnlich sonst nicht zugänglich ist und mit Wesen zu kommunizieren, die ganz andere Formen dafür benutzen?

In Hirn und Magen

Eine cyberpunkige Bio­hackerin mit Nieten-Mundschutz (Amanda Babaei Vieira) versucht nebenan, ihre Hormone mit denen eines Pilzes zu synchronisieren, um „die KI zu hacken“. Wir schneiden Stücke von einem großen organisch wirkenden Etwas ab, sie streut Metallspäne dazu, das Ganze sollen wir über einen Magneten halten. Dazu kommt eine gelige Substanz per Roboterarm in die Petrischale. Das Ergebnis kommt ins Reagenzglas und ab ins Bio-Interface damit, als Futter für die KI.

Wissenschaftlerin Fred lädt zum Stresstest, in dem man erfahren kann, ob man es ertragen würde, ebenfalls in die Cloud hochgeladen zu werden. Dafür gibt es eine Virtual-Reality-Brille auf die Augen und einen Stuhl mit drei Wärmelampen Richtung Schultern und Rücken – und ganz sicher ungewohnte und nicht immer angenehme sinnliche Empfindungen – jedenfalls für jemanden, der eine solche Brille das erste Mal benutzt – hui.

Virtual-Reality-Brillen bekommen wir auch noch von Pi, in drei Kabinen mit flauschigem Teppichboden. Hier sehen wir Visualisierungen der KI-Emotionen, erzählt uns die „alte Quasseltante“. Und nach drei VR-Filmen, die Ungeübten Hirn und Magen noch mehr verdrehen und zugleich einfach wunderschön sind, ist der Teppich wirklich ein willkommener haptisch greifbarer Boden unter Füßen und Händen: Im letzten Filmchen fällt man zwischen sich permanent bewegenden fraktalen Mustern immer wieder herunter in ein weißes Nichts – dorthin, wo eine veränderte Mandelbrot-Menge gegen ihre Beschränkung strebt, wie Pi erklärt.

Do, 1. 7., bis So, 4. 7., 17 Uhr und 20.30 Uhr, Hamburg, Wartenau 16. An der Kasse gibt es womöglich Restkarten. Infos: https://www.lichthof-theater.de, https://www.svszlachta.com

Überhaupt ergibt dieser Ausflug ins KI- und Biohacking-Labor am Schluss keine abgeschlossene lineare Erzählung, sondern bleibt ein Work in Progress, das Einblick gibt in eine Welt, über deren innere Bezüge und logische Verwerfungen man doch gern mehr erfahren hätte. Ein kleines Chaos an Eindrücken und Fragen nimmt man dann in jedem Fall mit nach Hause. Und tippt noch Anfragen an die Algorithmen und neuronalen Netzwerke kalifornischer Tech-Unternehmen in die Tastatur – bis man sich an den Hinterkopf fasst und lieber noch mal prüft, ob da nicht längst zwei Kabel hängen.

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