: „Ich hatte einen einzigen Job – und konnte ihn nicht machen“
Sina Reisch war 2019 Pressesprecherin von Ende Gelände. Bei einer Aktion fand sie sich genau dort, wo sie als Sprecherin keinesfalls sein wollte
Foto: David Klammer/laif
Mit ihren Körpern blockierten im Juni 2019 tausende Menschen Kohleinfrastruktur im Rheinland. Sie steigen in Gruben oder setzen sich auf die Schienen, auf denen Züge tonnenweise Braunkohle zu den Kraftwerken transportieren. Mit den Massenaktionen wollen wir von Ende Gelände aufzeigen, dass es angesichts der Klimakrise ein grundlegend anderes Wirtschaftssystem braucht, weg vom Kapitalismus.
Als Pressesprecherin fahre ich von einer Aktion zur nächsten. Immer dahin, wo was los ist und wo gerade Journalist*innen sind. Tausende Menschen sitzen in den Blockaden und unsere Verantwortung als Pressesprecherinnen ist es, der Welt zu erklären, warum sie das tun. Wir sind drei Pressesprecherinnen und teilen uns auf. Für uns gilt: nicht in die Aktion gehen, nicht in einen Polizeikessel geraten, sondern immer am Rand stehen, um Interviews zu geben. Wenn wir nicht vor Ort sind, zitieren die Journalist*innen im schlimmsten Fall nur die Polizei – und die lügt oft.
Schon am ersten Tag gelingen viele Blockaden. Besonders schön ist die Schienenblockade vor dem Kraftwerk Neurath – zu der Zeit das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. Die Stelle ist schwer zu erreichen, also werden die Aktivist*innen nicht geräumt und können sogar die Nacht dort verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielen die Aktivist*innen Musik, tanzen und singen, machen akrobatisches Yoga. Immer wieder kommt die Essensversorgung, bringt Eintöpfe, Porridge, Chili sin Carne. Es entwickelt sich fast schon eine Festivalatmosphäre.
Samstagabend steht die Blockade schon über 24 Stunden. Die Aktivist*innen kündigen an, Sonntag um 10 Uhr zu gehen. Das wird auch mit der Polizei besprochen, die uns bis dahin in Ruhe lassen will, um nicht alle einzeln wegtragen zu müssen. Die Lage ist also entspannt, die Journalist*innen haben ihre Fotos schon gemacht und sind anderswo. Für uns Pressesprecherinnen hat der Ort also eine geringe Priorität. Aber ich weiß, dass Freund*innen von mir dort sind, und möchte sie gern sehen. Also gehe ich hin, auch wenn ich das eigentlich nicht sollte, und verbringe die Nacht auf den Schienen.
Am Sonntag wachen wir auf, fangen an, unsere Sachen zu packen, und machen uns bereit für eine entspannte Demo zurück zum Camp. Doch wie aus dem Nichts taucht die Polizei auf und umzingelt die Blockade. Wir sind in einem Kessel. Shit.
Für mich bedeutet das gleich mehrere Probleme. Ich habe mich in eine Situation manövriert, in der ich meinen einzigen Job als Pressesprecherin – Interviews geben – nicht mehr machen kann. Außerdem drohen jetzt Repressionen. Ende Gelände setzt eigentlich auf Identitätsverweigerung: Wer in Aktion geht und aktiv blockiert, hat keinen Ausweis dabei und sagt auch den Namen nicht der Polizei. Als Pressesprecherin habe ich aber mit meinem Klarnamen gesprochen, habe meinen Perso dabei. Neben der Aktion zu stehen, ist kein Problem – in einem Kessel zu sein, schon. Mein Telefon klingelt. Eine Journalistin steht beim Kessel, kann nicht rein und will ein Interview. Wir suchen fieberhaft nach einer Lösung – und finden sie. Bei Aktionen sind Abgeordnete dabei zur parlamentarischen Beobachtung. Sie kommen immer durch Polizeiketten. Einer von ihnen meint: „Komm, lauf mir einfach hinterher. Ich sag, du bist in meinem Team.“ Gesagt, getan – und der Plan geht auf. Ich bin aus dem Kessel, und mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Ich begrüße die Journalistin, gebe mein Interview. Mir bleibt aber nur eine Sekunde der Erleichterung.
Kaum drehe ich mich um, baut sich der Einsatzleiter vor mir auf: „Was habe ich da gerade gehört? Sie sind Pressesprecherin von Ende Gelände? Ich dachte, Sie seien Mitarbeiterin dieses Abgeordneten?!“ Er will mich zurück in den Kessel schicken, ich sei Versammlungsteilnehmerin. Ich weigere mich: „Ich will nicht an dieser Versammlung teilnehmen. Sie können mich doch nicht zwingen, Teil einer Versammlung zu werden, an der ich gar nicht teilnehmen möchte!“ Dann sagt der Polizist: „Wenn Sie jetzt nicht zurück in den Kessel gehen, dann wenden wir unmittelbaren Zwang an!“ Drei Kamerateams sind auf uns gerichtet. Über mein Gesicht huscht ein Anflug von Belustigung, und ich sehe ihm an, wie ihm langsam dämmert, dass er gerade einen Fehler gemacht hat.
„Polizei wirft Pressesprecherin gewaltsam in den Kessel“ – ist das die Schlagzeile, die der Einsatzleiter riskieren will? Ich lasse es darauf ankommen. Schließlich zerren mich vier Beamte mit Schmerzgriffen weg. Natürlich schreie ich wie am Spieß, der Schmerz ist nicht ohne. Und der ganze Kessel skandiert: „Pressefreiheit! Pressefreiheit!“ Statt in den Kessel zurück, bringen mich die Polizisten zu ihren Einsatzwägen. Da sitze ich und nehme Videos auf, weil ich noch meine Handys habe. Durch die Presse und das Internet geht die Headline: „Pressesprecherin gewaltsam festgenommen“.
An jenem Tag, an dem ich als Pressesprecherin in die Blockade reingegangen bin, habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte draußen bleiben müssen, um Interviews geben zu können. Aber ich bin überzeugt: Bewegungsaufbau ist immer auch Beziehungsaufbau.
Die Nacht auf der Schiene hat uns zusammengeschweißt und Vertrauen geschaffen. Wenige Monate später war ich mit denselben Leuten in Venedig, um Kreuzfahrtschiffe zu blockieren. Ich möchte nicht von meinen Freund*innen fernbleiben müssen, nur um einen Job gut zu machen. Manche Fehler macht man gern.
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