Ibsen-Premiere im Hamburger Schauspielhaus

Auf ins Second Life!

Was fängt man mit Wikinger-Helden auf der Bühne an? Roger Vontobel schickt sie für seine Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Helden auf Helgeland" ins Web 2.0.

Pixelhelden im Theater. Bild: SECOND TRAVEL

Als Theater eine eigene Repräsentanz im Second Life zu eröffnen wäre wohl ziemlicher Unsinn. Gilt doch die künstliche Welt selbst als ein einziger großer Ort der Selbstinszenierung, der Maskierung und des Rollenspiels. Aber natürlich ist das Internet als Ort der Wirklichkeitssimulation und -überschreitung eben doch fürs Theater interessant. Warum also nicht die Flucht nach vorne, dachte sich Regisseur Roger Vontobel, ein Fleckchen Second Life ins Theater holen und schauen, wie eines als Schnittstelle mit dem anderen funktioniert.

Nicht zu spät kommen: Die Videosessel sind begehrt. Bild: SECOND TRAVEL

Zumal wenn man mit Henrik Ibsens nordischer Saga "Die Helden auf Helgeland" ein Stück wählt, dessen bärenstarke Wikinger man sich sowieso nur noch auf dem Bildschirm vorstellen kann. Mit der Videokunst sind dem Theater schließlich auch Erweiterungen des Raums gelungen. Kein Wunder also, dass über der Premiere im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg eine neugierige Extraerwartungsspannung liegt.

Bevor es ins Second Life geht, beginnt der Abend im vertrauten Ambiente eines Großraumbüros. Vor nächtlich blau leuchtenden Computerbildschirmen sitzen die Schauspieler, als sei es schon lange nach Feierabend. Sie tippen und klackern auf den Tastaturen. Eine vertraute heimelige Stimmung, die eine ganze Weile anhält. Wenn sich Schauspieler Jürgen Uter ins Second Life einloggt, sieht man auf der großen Leinwand den weißbärtigen Wikinger-Avatar Örnulf übers Meer fliegen. Die grünen Wiesen und schneebedeckten Hügel Helgelands sind sein Ziel, um mit Sigurd und Gunnar alte Konflikte zu begleichen und wieder Frieden herzustellen.

Während die Ästhetik des erzählerischen Intros einen überraschend problemlos für die Geschichte gewinnt und in der Film-Spiel-Optik schöne Perspektiven aufbrechen, driften die Begegnungen zwischen den Avataren schnell in Komik ab. Sie fuchteln mit ihren Schwertern, tanzen, hüpfen, schlagen Flickflacks, wo sie eigentlich nur ihre Gesichtsmuskulatur in Gang bekommen müssten. Die Schauspieler an den Tischen bewegen ihre Avatare, sprechen die Rollen ihrer Figuren, und man fühlt sich streckenweise an ein Live-Hörspiel und animierte Comics erinnert. Aber man hat Teil an der Empathie, mit der das entsteht. Bei einem Flugversuch springt einer der Schauspieler aus dem Sessel. Eine Hand winkt, wenn der Avatar winken soll.

Konzeptionell gleitet die Handlung aus dem Second Life in die echte Welt, wenn sich die Konflikte zuspitzen und feinere Ausdrucksmittel nötig werden. Denn großer Schwindel fliegt auf. Gunnar ist gar nicht der starke Mann, den sich Hjördis gewählt hat. Die Aufgabe, einen Eisbären zu töten, übernahm Sigurd in Gunnars Verkleidung und gewann so für seinen Freund die Braut. Wie mit dieser Situation umgehen? Im zweiten Teil steigen die Schauspieler von den Stühlen auf die Tische, aus dem Virtuellen in die Wirklichkeit, und spielen, was den Avataren nicht mehr darstellbar ist: Verletzung durch Betrug, Eifersucht, ehrhafte Freundschaft.

Wobei sie die rauen Sitten und das Muskelspiel ihrer Avatare jetzt spiegelbildhaft an den Tag legen. Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, darunter verstehen sie, handgreiflich zu werden. Die aufgebrachte Hjördis (Jana Schulz) lässt das Schwert beängstigend heftig in die Tischplatte krachen und setzt zu einem Rachesolo an, vor dem sich Gunnar (Hans-Caspar Gattiker) nur unter den Tisch flüchten kann. Eine Persiflage könnte die Szene sein, aber dazu pflügt Schulz zu bitterernst martialisch über alles hinweg, allein die Rache vor Augen.

Dieses anstrengende und zuweilen nervige Wüten auf der Bühne kommt so tief aus der Trickkiste des Theaters, dass man sich zurück ins Virtuelle wünscht. Aber so ist es ja tatsächlich mit dem Verhältnis von Echtem und Virtuellem: ständig verlagert sich eine Sehnsucht von einen Ort in den anderen. Das ist Chance und Crux zugleich, und Roger Vontobel hat dem Ganzen einen glaubhaften Abend abgetrotzt. Und der hält sogar die überraschende Schönheit des Second Life für jene parat, die es bisher nicht weit über den Begrüßungsraum hinaus geschafft haben.

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