Hungersnot in Gaza: Das muss international Konsequenzen haben
Die Hungernot im Gazastreifen nimmt immer größere Ausmaßen an. Sie hätte längst verhindert werden können.
D ie Hungersnot in Gaza hätte in jedem Moment der vergangenen Monate abgewendet werden können, abgewendet werden müssen. Ärzte, Bewohner in Gaza, Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen hatten gewarnt – doch umsonst. Israel hält an seiner Nahrungsmittelblockade fest. Die Initiative für Ernährungssicherheit IPC macht es sich in ihren Analysen nicht leicht. Das zeigt die Kritik von humanitären Organisationen in anderen Hungerkrisen. Der Organisation wurde oft übermäßige Vorsicht vorgeworfen. Trotzdem sieht die IPC nun mehr als eine halbe Million Menschen in Gaza von einer katastrophalen Hungersnot betroffen.
132.000 Kinder unter fünf Jahren leiden demnach an akuter Mangelernährung, täglich melden die Gesundheitsbehörden Hungertote. Deren tatsächliche Zahl dürfte wegen des kollabierten Gesundheitssystems höher liegen.
Vor Ort berichten Ärzte und Helfer von ausgemergelten Menschen und Fünfjährigen, die wegen ihres Gewichtsverlustes um Jahre jünger aussehen. Bewohner schildern am Telefon Tage ohne Nahrung. Für Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sind das „Lügen“. Sein Land lasse ausreichend Hilfsgüter nach Gaza. Das widerspricht nahezu allen Informationen aus dem Küstenstreifen und scheint selbst mit Blick auf die Zahlen der israelischen Cogat-Behörde unwahrscheinlich. Der zufolge gelangte jetzt das absolut notwendige Minimum über die Grenze.
Stattdessen setzt die israelische Führung alles daran, die humanitäre Katastrophe kleinzureden, Fotos verhungernder Kinder werden wegen medizinischer Vorerkrankungen infrage gestellt. Dabei kostet Hunger zuerst das Leben von Kranken, Alten, den Schwächsten. Israel schiebt die Verantwortung dafür anderen zu: In Gaza gebe es genug Lebensmittel, und wenn nicht, sei es die Schuld der Hamas, die Hilfslieferungen entführe. Das bestreitet die UNO, und laut hochrangigen israelischen Militärs gibt es keinen Nachweis eines systematischen Missbrauchs von Hilfslieferungen durch die Hamas.
Es ginge auch anders: Während des letzten Waffenstillstands zum Jahresanfang gelangten allein im Februar mehr als 16.800 Lastwagen mit Hilfsgütern in den Küstenstreifen, die Not in der Bevölkerung ließ deutlich nach. Der Hunger in Gaza könnte schon morgen vorbei sein, laut IPC ist er „vollkommen menschengemacht“. Doch anstatt mit sofortiger Wirkung die Blockade zu beenden, rücken israelische Soldaten nach Gaza-Stadt vor, dorthin, wo der Hunger am schlimmsten ist. Dabei hat Israel, das etwa 75 Prozent des Gazastreifens kontrolliert, als Besatzungsmacht die Verantwortung für die Bevölkerung. Dass sie das ignoriert, muss international Konsequenzen haben.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert