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Hohenzollern-Disney

■ Podiumsdiskussion über "Potsdam 2000" / Wohin treibt das preußische Gesamtkunstwerk in Sanssouci?

Potsdam. Zweifellos sind Podiumsgespräche am Vorabend eines Geburstagsfestes Schönredereien. Streit über das Alter des Jubilars sowie dessen Zukunft ist nicht zu erwarten. Eher taucht man ab in schöne Stunden, beschwört die Vergangenheit und hofft auf die Zukunft.

Anläßlich des Stadtjubiläums „1.000 Jahre Potsdam“ hievte gestern der Verlag Hoffmann und Kampe – quasi als Begleitveranstaltung zur Herausgabe seines neuen Merian-Heftchens „Potsdam“ – fünf hochrangige Gratulanten aufs Podium. Beglückwünscht werden sollte nicht nur das bunte Magazin. Gefragt waren im puffigen Rot des Schloßtheaters von Sanssouci auch Weissagungen über die städtebauliche Zukunft der Stadt – die „Zerreißprobe zwischen Rekonstruktion und Neuentwurf“, wie es Potsdams Oberbürgermeister Horst Gramlich (SPD) drastisch formulierte.

Große Worte fielen: Manfred Stolpe (SPD), Ministerpräsident von Brandenburg, etwa sprach vom „Morgen suchen“, vom Wiederaufbau der Warschauer Altstadt, der Rekonstruktion der Garnisonskirche. Mit auf den Weg ins Jahr 2000 gab der Landesvater den Rat, aus der einstigen Residenz des Alten Fritz „kein Preußenmuseum“ werden zu lassen. „Es muß verhindert werden, daß Potsdam zu einem Hohenzollern-Disney verkommt“, betonte der Publizist Klaus Bölling. Nicht Restaurierung, sondern Renovierung, nicht der Geist des preußischen Militarismus, sondern „Zivilität“ müßten zu Eckpfeilern für die Entwicklung der Stadt werden. Und Kulturminister Hinrich Enderlein (FDP) legte nach: Die Stadt besitze genug historische Bausubstanz. „Was fehlt, sind zeitgenössische moderne Architekturen.“

Die Gefahr, daß nostalgische Rekonstruktionsabsichten die kleine Stadt unter einer musealen Käseglocke versinken lassen könnten, wollten der Architekt Josef Paul Kleihues und Wilhelm von Boddien, Ausstellungskaufmann aus Hamburg, nicht sehen. Das „Gesamtkunstwerk Potsdam“ (von Boddien) benötige „anstelle der minderwertigen sozialistischen Bauten“ wieder die alten Stadtkronen. Die Garnisonskirche, das Stadtschloß, die Lange Brücke, der Lustgarten und der Stadtgraben müßten „wieder erwachen“, sagte Schloßfreund von Boddien. Zugleich benötige die Stadtentwicklung einen Masterplan, so Kleihues. Das Kulturdenkmal Potsdam könne nur „en gros bereichert werden“ – in der Tradition der großen Baumeister wie Knobelsdorff, Schinkel oder Persius.

Vergangenheiten und Visionen taten sich nicht weh. Ab heute wird in Potsdam im Paradeschritt mit Dreispitz getanzt. Der Verlust der Vergangenheit, so formulierte es der Moderator Hans-Jürgen Rosenbauer, sei ein Kind der Ratlosigkeit. Potsdam, die halbzerstörte Stadt aus Preußentum und Nachkriegsarchitekturen, indessen böte die Voraussetzung, Geschichte spürbar werden zu lassen. In der Diskontinuität seiner Wirklichkeit. Rolf Lautenschläger

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