Hören lernen im Museum

Der Song als Kunstwerk

Der kristallklare Sound bläst dich um: Wolfgang Tillmans „Playback Room“ ist ein Glücksfall für das Münchner Lenbachhaus.

Zwischen zwei Boxen steht ein Tisch mit Stereoanlage.

Die altargleiche Bühne, mit Stereoanlage und Boxen. Installationsansicht aus dem Lenbachhaus, 2016 Foto: Lenbachhaus

Wer dieser Tage einen Nebenraum des Lenbachhauses in München betritt, wird Zeuge eines andächtigen, nahezu sakralen Spektakels. Im Dämmerlicht einiger Leuchtstoffröhren liegen oder sitzen Menschen in Wolfgang Tillmans „Playback Room“, schummerig wie ein Club beleuchtet.

Es wird kein Wort gesprochen. Ein weißhaariger Zuhörer in Jeans scheint sich sehr wohlzufühlen. Er hat seine Beine weit von sich gestreckt, seine Brille neben sich gelegt und die Augen geschlossen. Versunken genießt er die Musik.

Ein Mann in der zweiten Sitzreihe hingegen starrt minutenlang auf die altargleiche Bühne: Dort steht eine Stereoanlage, ein unscheinbarer Kasten mit ein paar Spulen, einem Display und zwei metergroßen länglichen Boxen. Aber nicht irgendeine Anlage: Das für die Dauer der Schau geliehene Gerät ist rund 70.000 Euro wert, quasi der Porsche unter den Musikanlagen.

Als Synthesizersequenz, Hookline und Drumbeats auf „The Beach“ einsetzen, der Instrumentalversion von New Orders „Blue Monday“, bläst einen der kristallklare Sound förmlich um. Es ist in der Tat ein Hörerlebnis, das den Sound, den man über Kopfhörer auf dem MP3-Player, vom CD-Player daheim oder aus Livekonzerten kennt, wie billigen Murks klingen lässt.

Wolfgang Tillmans, Playbackroom, bis 24. April, Lenbachhaus, München

Die Lautstärke ist leiser als in einem Club, die konzentrierte Atmosphäre ähnelt den bourgeoisen Rezeptionsorten klassischer Musik – Opernhäuser oder Philharmonien – allein, das hier kein Instrument erklingt.

Mit dem „Playback Room“ ist Wolfgang Tillmans ein Scoop für das Lenbachhaus gelungen, das sich unter Direktor Matthias Mühling immer mehr der Popkultur öffnet, wie gleichzeitig mit der Schau „Electric Ladyland“ von Michaela Melián. Tillmans geht es darum, Popmusik in die hochkulturelle Wertschätzung zu inkludieren, erklärte er bei einem begleitenden Symposium. „Ich hatte das Gefühl, dass Studiomusik nicht ernst genommen wird“, sagt er, und dass es eine „Ungleichheit von Popmusik zu Sound- und Video-Art“ gebe.

„Ich habe diesen Glauben an den Song als ein perfektes, fertiges Ding. Ein Song von New Order ist für mich ein perfektes Werk. Wie ein Sigmar Polke.“

Wolfgang Tillmans

„Ich habe diesen Glauben an den Song als ein perfektes, fertiges Ding. Ein Song von New Order ist für mich ein perfektes Werk. Wie ein Sigmar Polke“

Sein Ansatz ist dabei ein völlig anderer als der, auf den man in der Vergangenheit schon traf, wenn Popkultur im Museum landete. Man denkt an die Blockbuster-David-Bowie-Ausstellung, die das Victoria and Albert Museum vor drei Jahren kuratierte. Während die Bowie-Macher etwa den Ziggy-Stardust-Anzug von 1973 in die Vitrine stellten, ist Tillmans Ansatz dezidiert antiobjektbezogen: Er zelebriert den immateriellen, flüchtigen Moment von Musik. Kurz, die Essenz, eben das, was bleibt, wenn man Image und Style eines Popstars eliminiert. Musik „ohne Starkult und Memorabilien“.

Was er nicht wolle, sei „den DJ ins Museum zu bringen“. Sondern: Popmusik, wie sie sonst nur der Künstler hinter verschlossenen Türen als finale Aufnahme im Studio hört, ein Sound, an dem monatelang getüftelt wurde. Und der wird nun in einem fast schon demokratischen Prozess einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Tillmans Rolle ist die des reflektierenden wie passionierten Fans. Er beschreibt sich als jemanden, der immer die Nähe zu Musikern gesucht habe, „aus Verehrung“. Wenn er erzählt, wie so manches Musikerporträt von ihm zustande kam, wirkt er nicht wie einer der gefragtesten Fotografen der Welt, sondern wie ein Musikenthusiast, der für seine Lieblingsband auch eine Stunde in der Kälte vor einem Club Schlange stehen würde.

Morrissey hinter Mikrofonständern

Er erzählt von einem Tag, als er vor seiner Plattensammlung daheim saß und eine „fantastische 12 Inch“ von Moby in den Händen hielt und dachte, „die ist so super. Und am selben Nachmittag ruft jemand an und fragt, willst du Moby fotografieren?“, erzählt er lachend.

Eines von vielen großartigen Tillmans-Musikerporträts gilt Morrissey: Er hat den großen Morrissey dazu gebracht, sich auf den Boden eines Studios zu legen und ihn hinter einer Armada an Mikrofonständern fast zum Verschwinden gebracht. Er hat Lady Gaga auf eine Parkbank gesetzt und sie in schwarzem BH und Netzstrümpfen so natürlich und verletzlich wie sonst niemand fotografiert. Er hat für die Pet Shop Boys das Video zur Single „Home and dry“ gedreht, in dem Mäuse auf den Bahngleisen der Londoner U-Bahn-Station Tottenham Court Road herumwuseln.

Der Playback Room ist neben diesen fotografischen Arbeiten eine Fortführung eines Herzensthemas Tillmans, das ihn bereits seit über 20 Jahren beschäftigt. Schon 1994 kuratierte er den „Salle Techno“ im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris und beschallte ihn mit House und Techno. 2014 gab es die Installation „American Producers“ im Ausstellungsraum „Between Brigdes“, den der Turnerpreisträger in Berlin betreibt. Dass seine Idee nun ihre Vollendung in einem etablierten Museum wie dem Lenbachhaus findet, ist bemerkenswert. Seine Vision ist damit im Bürgertum angekommen, statt wie bisher eine Nische zu bespielen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben