Hochwasser-Management in Holland

Deichen sollt ihr weichen

Die Niederlande geben den Flüssen zum Schutz gegen Überflutungen wieder mehr Raum. Dafür startet in Nijmegen ein gigantischer Umbau.

Das Groß-Projekt in Nijmegen (hier eine Computersimulation) kostet 351 Millionen Euro und soll bis 2015 abgeschlossen sein. Bild: dpa

AMSTERDAM taz | Feierstimmung in Nijmegen: Am Dienstag fällt in der Stadt nahe der deutschen Grenze der Startschuss für ein spektakuläres Projekt im Wassermanagement. Um die 130.000 Einwohner künftig vor Überflutungen zu schützen, wird das Flussbett der Waal verbreitert, die sich in einer engen Kurve an der Stadt vorbeiwindet. Der Deich am gegenüberliegenden Nordufer wird um 350 Meter nach hinten versetzt. Zu seiner Befestigung braucht es 300.000 Kubikmeter Sand und Klei.

Das gigantische Projekt in Nijmegen, das 351 Millionen Euro kostet und bis 2015 abgeschlossen sein soll, ist das größte Bauvorhaben in einem umfangreichen Programm, mit dem sich die Niederlande gegen die Auswirkungen des Klimawandels absichern wollen. An über 30 heiklen Stellen entlang der Flüsse Maas, Waal, Rhein, Lek und Ijssel wird für insgesamt 3,2 Milliarden Euro dem Wasser wieder mehr Raum gelassen, weil steigende Pegel in den Flüssen und im Meer die tief liegenden Siedlungsgebiete bedrohen.

In Nijmegen werden die Planer vor dem neuen Deich einen zusätzlichen Flutkanal graben, um das Wasser schneller abzuführen. Nach dem Eingriff soll die Waal bis zu 18.000 statt bislang 15.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde transportieren können. „Damit legen wir eine Art Bypass an“, so Mathieu Schouten, der als Landschaftsarchitekt der Stadt bei der Umsetzung beteiligt war. 150 bis 200 Meter wird der Kanal breit sein, auf einer Länge von knapp drei Kilometern. Effekt: Der Wasserspiegel soll um 34 Zentimeter sinken.

Prunkstück des Projekts, das 2011 den renommierten internationalen Waterfront Center Award gewann, ist die Insel, die mitten in der verbreiterten Waal entstehen soll. Mit Naturgebieten an den Rändern und Raum für Wohnen und Kultur im Inneren kombiniert sie Hochwasserschutz und Stadtentwicklung, weil die unbebauten Ränder als potenzielle Überflutungsgebiete eingeplant sind.

„Île de la Cité“

„Das wird unsere Île de la Cité“, spielt Vizebürgermeister Jan van der Meer auf die Lage von Paris an. Auch das gegenüberliegende Ufer will man im Laufe des Projekts renovieren und mit zwei zusätzlichen Brücken als neuem Quartier erschließen. Der Slogan „Nijmegen umarmt die Waal“ ist in der Stadt allgegenwärtig.

Das ambitionierte Vorhaben ist aus der Not geboren. 1993 und 1995 erlebte der Süden der Niederlande an den großen Flüssen Rhein, Maas und Waal zwei schwere Überschwemmungen. Gerade Nijmegen, wo ihre enge Biegung die Waal wie in einem Flaschenhals aufstaut, traf es hart: 250.000 Menschen und eine Million Nutztiere wurden in der Region evakuiert. Weil die Deiche hielten, blieb eine Katastrophe aus.

Danach machte man in den Niederlanden eine düstere Bestandsaufnahme: Wenn mehr als die Hälfte des Landes unterhalb des Meeresspiegels liegt, dieser durch den Klimawandel ansteigen wird und zudem die Regenfälle zunehmen, können Deicherhöhungen als Schutz vor Überströmungen dauerhaft kaum ausreichen.

Die Lösung: Hochwasser mittels potenzieller Flutgebiete steuerbar machen. Diesem Prinzip folgt auch das Programm Room for the River, das die Regierung 2007 startete. Es kombiniert Präventivmaßnahmen an den Flussläufen. Insgesamt sollen vier Millionen Menschen von dem gigantischen Umbauprojekt profitieren.

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