Historiker zu deutscher Fußballgeschichte

„Das DFB-Museum schließt viele aus“

Der Historiker Diethelm Blecking hält die DFB-Wahl einer Jahrhundertelf nach ethnischen Kriterien für „gefährlich“. Er wirbt für ein offenes Konzept.

Das WM-Team des Jahres 2014

Ja, Mesut Özil gehört auch zum Weltmeisterteam des Jahres 2014 Foto: dpa/Andreas Gebert

taz: Herr Blecking, in Dortmund gibt es schon ein Fußballmuseum mit einer künftigen „Hall of Fame“, und Sie entwerfen jetzt zusammen mit Daniel Huhn ein Podcastkonzept, das die Geschichte des Fußballs in Deutschland bearbeitet. Warum?

Diethelm Blecking: Wir nutzen einen neuen Podcast mit dem Arbeitstitel „Bunte Nationalmannschaft“, um speziell das Konzept einer Hall of Fame zu erweitern, die dort in Dortmund entworfen wurde. Dort werden nämlich Fußballer auf das Podest gestellt, von denen es auf der Website des Museums heißt, sie müssten „deutscher Herkunft“ sein. So sind es dann bisher auch die üblichen Verdächtigten, die geehrt werden: Herberger, Beckenbauer, Seeler, Matthäus.

Das Fußballmuseum sagt, es sei ja keine Hall of Fame, sondern eine Jahrhundertelf des deutschen Fußballs: elf Spieler, ein Trainer …

Dieses Konstrukt einer Jahrhundertelf ist offensichtlich das Vorspiel zu einer Hall of Fame. Weitere Aufnahmen in diesen Kreis sollen ja folgen.

Und was genau ist Ihre Kritik daran?

Was dort geplant wird, sieht schon aus wie eine ethnische Verengung des deutschen Fußballs, der aber nie nur „weiß“ bzw. ethnisch homogen war. Das so auch nur anzudenken, ist gerade in heutigen Zeiten, in denen sich auch die AfD dem Fußball widmet gefährlich. AfD-Chef Gauland hat ja am Beispiel von Jérôme Boateng formuliert, dass er sich einen weißen Fußball wünscht.

70, lehrte u. a. als Professor für Sportgeschichte an der Uni Freiburg. Mit dem Filmemacher Daniel Huhn plant er eine Podcastreihe, die dem engen nationalen DFB-Konzept etwas entgegensetzt. Hier geht es zur ersten Folge.

Nennen Sie Namen, wer fehlt?

Für eine zukünftige, vielfältige Repräsentanz ganz viele. Etwa Ernst Kuzorra, dessen Vater aus Masuren stammte. Oder Ernst Willimowski, Nationalspieler für Polen und Deutschland, der aus Schlesien kam. Auch ein Walter Bensemann könnte vermisst werden, der jüdische Sportpublizist, der den Kicker begründet hat oder auch Emanuel Schaffer, der jüdische Spieler und Trainer, in Deutschland und Polen aufgewachsen, konnte den Holocaust überleben, machte in Köln seinen Trainerschein und führte Israel ins WM-Turnier 1970. Oder auch eine Frau: Fatmire Alushi, die für Paris Saint-Germain spielt und aus dem Kosovo stammt, eben nichtdeutscher Herkunft. Wir öffnen unseren Laden also viel weiter, „Nationalmannschaft“ ist ein bisschen boshaft gemeint.

Das Konzept des Fußballmuseums sieht aber vor, dass die besten Spieler, gewählt von einer Fachjury, ernannt werden.

Das Problem ist doch nicht die Jury. Das Problem ist das naive Konzept, in dem es explizit heißt, dass die Kandidaten „deutscher Herkunft“ sein sollen. Damit ist ein Ausschlusskriterium formuliert, das für viele, die das Herz des deutschen Fußballs ausmachen, gilt.

Was passiert noch in Ihrem Podcast?

Unser erstes Thema ist Mesut Özil. Wie der zum Sündenbock für die vergeigte WM gemacht wurde, daran lässt sich zeigen, dass der deutsche Fußball noch nicht in der Moderne und noch nicht in einer ethnisch-heterogenen Gesellschaft angekommen ist.

Özil ist in Gelsenkirchen geboren. Für den gilt doch das Ausschlusskriterium, das Sie beklagen, nicht.

Doch. Der Begriff „deutsche Herkunft“ – und nicht deutscher Pass – macht nur dann Sinn, wenn ethnisch deutsch gemeint ist. Das Fußballmuseum wurde schon mehrfach in den vergangenen Monaten darauf hingewiesen, aber es steht immer noch auf der Website.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de