: Hilft die deutsche Fahne Ausländern?
■ Mit einer mißverständlichen Aufkleberleiste begegnet 'zitty‘ dem Fremdenhaß
Wieso klebt sich ein linker Dealer einen rechtsradikalen Aufkleber neben seine Anti-Atomkraft-Plaketten?, fragten wir uns beim Freundesbesuch. Erst bei der zweiten Begegnung, während einer meditativen U-Bahn-Fahrt, erschloß sich langsam der tiefere, pädagogische Sinn. Es geht um 600.000 Aufkleber, die als »Leiste« der aktuellen 'zitty‘ beigeheftet sind. Auf weißem Grund ruht eine 8 x 5,5 cm große Deutschlandflagge. Das antiquierte Affenmotto »Nichts hören/ nichts sehen/nichts sagen« ist mit drei Fragezeichen ausgestattet, die allerdings so schlank geraten sind, daß sie schon fast wieder wie Ausrufungszeichen aussehen. Klein und schwarz und darunter steht das Aids-Plagiat »... gib dem Hass keine Chance!!« »Hass« ist mit SS-Runen geschrieben. Berliner oder Berlinbesucher, die nicht so gut Deutsch verstehen, sind irritiert; ein paar Türken, die vor Hertie Flugblätter gegen Ausländerfeindlichkeit verteilen, verstehen den Aufkleber nicht oder fragen, ob der von den »Faschisten« komme. Die Französin Irene findet ihn »komisch« oder doch zumindest mißverständlich, während die israelische Künstlerin Varda gerade das Mißverständliche für gut hält. Dadurch falle der Aufkleber auf und zwinge zum Hinschauen. So war's wahrscheinlich auch gemeint. Doch die 'zitty‘-Macher scheinen selbst ein wenig unsicher bei ihrer Aktion gewesen zu sein, sonst hätten sie nicht eine halbe Seite lang versucht zu erklären, weshalb sie gegen rechtsradikale Deutschtümelei, die ganze Stadt ausgerechnet mit lauter Deutschlandfähnchen bekleben lassen wollen. »Deutschland — das sind wir alle«, wollten sie sagen; in deutschen Farben leuchte der Aufkleber, um zu signalisieren, daß die schweigende Mehrheit der Deutschen doch ausländerfreundlich sei und überhaupt sei das »andere«, »bunte« Deutschland gemeint. Wieso sich allerdings gerade das »bunte« Deutschland unter deutscher Flagge versammeln soll, aus welchen Gründen die Deutschlandfahne als Signet für Internationalismus und gegen Nationalismus besonders taugen soll, konnte auch das deutsche Stadtmagazin nicht erklären. D. Wenner/D. Kuhlbrodt
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen