Hilfe für Obdachlose in Corona-Zeiten: Hamburg soll Hotels öffnen

London bringt Obdachlose in Hotels unter, Hilfsorganisationen fordern das für Hamburg. Vor allem fehle in der Stadt aber eine Koordinierung der Hilfe.

An einem Zaun hängen gefüllte Tüten

Ein Zaun für Spenden: Wurde jetzt auch in Hamburg-Eimsbüttel organisiert Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Hamburg sollte sich an London oder an Berlin ein Beispiel nehmen. Das fordern Mitarbeiter*innen von Hilfseinrichtungen wie Christiane Hartkopf. Sie leitet die Alimaus, eine Tagesstätte für obdachlose Menschen unweit der Hamburger Reeperbahn. Londons Bürgermeister­ Sadiq Khan gab am Wochenende bekannt, dass die britische Hauptstadt als Schutzmaßnahme vor dem Corona­virus für zwölf Wochen rund 300 Zimmer in zwei Hotels angemietet habe. Auch Berlin beschloss am Dienstag, 350 neue Übernachtungsplätze zur Verfügung zu stellen, 200 davon in einer Jugendherberge.

Für Hartkopf wäre das auch für Hamburg „die Lösung für das super akute Problem. Die Leute könnten sich waschen, duschen und könnten versorgt werden.“ Die sozialpolitische Sprecherin der Linken, Cansu Özdemir, erhob am Dienstag ebenfalls­ diese Forderung. „Hamburg sollte obdachlosen Menschen in der derzeitigen Gefahrenlage Schutz und Zugang zu häuslicher Isolation und Hygiene geben“, sagte sie.

Sonst servieren in der Alimaus vor allem Ehrenamtliche den Bedürftigen montags bis samstags Frühstück und warme Mahlzeiten. Jetzt ist die Einrichtung zu. So wie alle Tagesaufenthaltsstätten der Stadt und viele weitere Hilfseinrichtungen. In der Alimaus bereiten nun drei Ehrenamtliche morgens rund 100 Lunchpakete zu. Mit dem Kältebus, der nachts nicht mehr fährt, verteilen zwei weitere Helfer*innen das Essen.

„Wir haben keine feste Route, keine festen Plätze und Uhrzeiten, denn wir wollen unbedingt Schlangestehen und Menschentrauben verhindern, darum kreist der Bus in der Stadt herum“, sagt Hartkopf. Es gehe auch darum, die Hilfesuchenden,­ von denen sehr viele zur Risikogruppe gehörten, nicht in potenziell gefährliche Situationen zu bringen.

Obdachlose meiden gewohnte Plätze

„Ein Problem ist aber, dass viele Plätze, an denen sich die Menschen sonst aufhalten, jetzt leer sind“, sagt Hartkopf. „Die Menschen verstecken sich, auch weil es Gerüchte gibt, dass die Stadt sie einsammeln und unter Zwangsquarantäne stellen will. Da ist nichts dran, aber so was verbreitet sich schnell, und die Menschen auf der Straße haben einfach Angst.“ Von der Sozialbehörde erwartet sie, dass sie „verantwortlich steuert und organisiert und dafür sorgt, dass das Risiko nicht auf die ehrenamtlichen Helfer übergeht. Die Stadt muss sich um die Grundbedürfnisse kümmern: um Essen, Kleidung, Duschen.“

Das aber ist schon in Nicht-Corona-­Zeiten schwierig. Die Duschen­ am Hauptbahnhof, die vor Monaten wegen Überfüllung geschlossen wurden, sind nur ein Beispiel. Eingesprungen ist in diesem Fall die Hilfsinitiative Gobanyo,­ die mit einem zum Waschhaus umgebauten Linienbus durch die Stadt gefahren ist – bis Corona kam. Die Gobanyo-Leute haben am Sonntag gemeinsam mit anderen Helfer*innen eine Petition an die Stadt Hamburg gestartet, die die sofortige dezentrale Unterbringung von Obdachlosen fordert. Bis Dienstagnachmittag haben bereits mehr als 10.300 Menschen unterschrieben. Bisher habe die Sozial­behörde nicht auf Vorschläge und Forderungen reagiert. Auch auf Nachfragen der taz reagierte sie bis Redaktionsschluss nicht.

Straßenmagazin fordert koordinierte Hilfe

„Es ist jetzt extrem wichtig, dass es jemanden gibt, der sagt, was richtig und was falsch ist“, sagt Sozial­arbeiter Stephan Karrenbauer vom Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Ohne eine solche zentrale Corona-Koordinierungsstelle für Menschen ohne Obdach, in der auch etwa Experten vom Katastrophenschutz und Virologen sitzen sollten, könne man eigentlich nicht weitermachen. „Unsere Sorge ist nicht so sehr, dass wir uns infizieren, sondern dass wir die Obdachlosen anstecken, weil wir etwas falsch machen“, sagt Karrenbauer. Darum hätten sie auch den Verkauf des Magazins eingestellt.

Unterdessen organisieren immer mehr freiwillige Helfer*innen Unterstützung. Im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel ist der hohe Zaun um einen Bolzplatz zum „Gabenzaun“ umfunktioniert worden, an den Lebensmittel, Hygieneartikel oder Kleidung in Plastiktüten stecken und hinhängen soll, wer spenden mag. In der Kiezkneipe „Elbschlosskeller“, die wie alle anderen Kneipen schließen musste, haben sie eine Suppenküche und Kleiderkammer für Obdachlose eingerichtet.

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