Herzchen statt Sternchen auf Twitter

As you like it

Auch bei Twitter wird man von Kitsch-Ikonografie nicht verschont. Die neuen Herzchen sind ein Schritt hin zur Infantilisierung der Kommunikation.

Gespraytes Herz an einer Fassade

Okay, das Herzilein hier ist offline. Und ohne Absender. Foto: floriax/photocase

Bei Twitter, der sympathischen People-Plattform für Medienarbeiter und andere Menschendarsteller, regieren seit Dienstag die Herzen. Das soziale Netzwerk hat nämlich die „Fav“- durch eine „Gefällt mir“-Funktion ersetzt. Das heißt: Wo man früher Tweets mit einem Sternchen versah, kann man jetzt nur noch mittels eines leicht adipös anmutenden Herzchens „liken“.

Twitters Produktmanager Akarshan Kumar hat die Änderung damit begründet, dass der vormalige Stern gerade für Neulinge „ab und an verwirrend“ gewesen sei und man es den Nutzern mit dem Herz, das die Test-User angeblich „liebten“, nun einfacher machen wolle. Auf dem 140-Zeichen-Dienst, der sich weitestgehend ja als Erregungsgemeinschaft versteht, sorgte das naturgemäß für Empörung.

Verfügte das verhältnismäßig neutrale Sternsymbol nämlich über eine Vielzahl potenzieller Bedeutungen, es konnte „Gefällt-mir“ meinen, aber eben auch als Bookmark oder Lesebestätigung verwendet werden, funktioniert Letzteres jetzt nur noch bedingt. Einen Artikel über rechte Gewalt beispielsweise mit einem Herzchen zu behängen, das, so hat es Twitter für die ganz Lobotomierten auch noch mal aufgeschrieben, „love“, „hugs“, „high five“, „wow“ oder „aww“ bedeuten könne, wirkt etwa geschmacklos und kann zu Missverständnissen führen.

Wem jetzt die Augenbraue nach oben zuckt und #firstworldproblems stoßseufzen will, hat einerseits natürlich recht. Anderseits mag man in diesem Fall aber auch das Symptom einer übergeordneten Entwicklung erkennen. Er zeigt nämlich pars pro toto, wie soziale Kommunikation von Internetkonzernen latent reguliert, kanalisiert und effektiver nutzbar gemacht wird.

Türsteher des Realen

Weiß man spätestens seit Kant, dass es keine „Wirklichkeit an sich“ gibt, sondern diese immer nur vermittelt existiert, fungieren Google, Facebook und Twitter heute als eine Art Türsteher des Realen, entscheiden sie doch wie und vor allem in welchem Kontext wir Informationen konsumieren.

Im Zusammenspiel von „Gemeinschaftsstandards“ und technologischem Möglichkeitsraum, Anzahl verfügbarer Zeichen, Bilder und so weiter entsteht so jeweils eine spezifische Ordnung des Sagbaren. Damit sind soziale Medien also eben nicht nur bloße Hilfsmittel der Kommunikation, sondern besitzen, so sagt der Informationsphilosoph Luciano Floridi, selbst eine „ontologische Macht“.

Erfolgt unser Weltzugang vorrangig über Bildschirme, „strukturieren und prägen sie unsere Weltanschauung von innen heraus – im eigentlichen Sinne des Wortes“. Das neue Twitter-Herz lässt sich als bewusste Lenkung des Zeichenverkehrs begreifen. Denn wie das Unternehmen ja selbst sagt, geht es bei der Änderung um kommunikative Komplexitätsreduktion, um Dezimierung von Doppeldeutigkeiten.

Gelenkte Semiokratie

Nur dient die weniger den Nutzern als dem eigenen Businessplan. Ambivalenzen und Ambiguitäten sind für die meisten Internetkonzerne nämlich lediglich ökonomische Störquellen. Besteht das Geschäftsmodell von Facebook, Instagram und Twitter doch eben darin, aggregierte Daten möglichst genau zu erheben und auszuwerten, um personalisierte Reklame zu erstellen und Werbekunde zu gewinnen.

Ambivalenzen und Ambiguitäten sind für die meisten Internetkonzerne lediglich ökonomische Störquellen

Wie die meisten anderen sozialen Netzwerke wird somit auch Twitter immer mehr zur gelenkten Semiokratie, zu einer Herrschaft der Zeichen, die auf verwertbare Eindeutigkeiten abzielt.

Noch mehr Zumutungen

Und als ob das nicht schon problematisch genug wäre, besteht ein weiterer Affront in der institutionalisierten Infantilisierung, die damit einhergeht. Ist es für jeden erwachsenen Menschen eigentlich schon Zumutung genug, an der Supermarktkasse zum Sammeln von Herzchen aufgefordert zu werden, bleibt man nun auch beim Kurznachrichtendienst von dieser verkitschten Ikonografie der Impertinenz nicht verschont.

Ob ästhetisch empfindliche Gemüter sich nun mit dieser verordneten Gefallsucht abfinden oder das Twittern sogar sein lassen, bleibt freilich ihnen überlassen. Oder mit Shakespeare gesagt: As you like it.

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