Helfen: Geben und Nehmen

In der ev. Luthergemeinde in Hamburg verteilen ehrenamtliche MitarbeiterInnen Essen und Kleidung an Bedürftige. Eine von ihnen ist Sara R. aus Afghanistan. Sie war die erste Muslima, die sich dort engagiert.

Sara R. aus Afghanistan arbeitet seit anderthalb Jahren ehrenamtlich in der Kleiderkammer der Luthergemeinde in Hamburg-Bahrenfeld. Wie viele andere Helfer auch ist sie selbst keine Protestantin. Bild: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Sara R. ist tief religiös. Die 36-jährige Muslima betet drei Mal am Tag. Doch an zwei Tagen der Woche hilft sie in der Luthergemeinde in Hamburg-Bahrenfeld: Die zierliche Frau mit dem glitzernden Kopftuch steht dann etwa im Café Käthe und sortiert Möhren und Radieschen, packt Brot und Kuchen in Plastikkörbe und füllt Tüten mit Lebensmitteln. Die ehrenamtliche Arbeit hat aber nur bedingt etwas mit ihrem Glauben zu tun.

„Ich helfe der Gemeinde und sie hilft mir“, sagt Sara, die vor zwölf Jahren vor den Taliban aus Afghanistan floh und ihren ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie stapelt Kartons voller Marzipankugeln und Eierlikör-Pralinen auf einen Tisch. Ab 17 Uhr findet im Café Käthe die Essensausgabe statt: Bedürftige können sich gegen eine Spende von einem Euro Lebensmittel abholen. Zwei Stunden vorher sind die HelferInnen da, um die Lebensmittel aus einem Lkw zu laden und auszupacken.

Sara ist an diesem Dienstag eine von 20 ehrenamtlichen HelferInnen. Aber sie ist nicht die einzige mit Kopftuch. „Unter den Helfern sind Muslime, Katholiken, Buddhisten und Menschen, die gar nicht glauben“, sagt Bärbel Daube. Sie managt die sozialen Angebote der Kirchengemeinde. Weniger als die Hälfte der HelferInnen sind ProtestantInnen, schätzt sie.

Viele der Freiwilligen sind selbst bedürftig. Sie kommen, um Lebensmittel zu beziehen, und bleiben, um zu helfen, erzählt Daube. Unter den Bedürftigen sind Hartz-IV-EmpfängerInnen und GeringverdienerInnen ebenso wie RentnerInnen und Flüchtlinge.

Nur fünf Minuten zu Fuß vom Café Käthe entfernt, in der Sibeliusstraße, liegt eine Unterkunft für Flüchtlinge bestehend aus 43 Wohnungen. Aus Erstaufnahmeeinrichtungen wie in der Schnackenburgallee, wo derzeit 1.500 Flüchtlinge leben, werden sie unter anderem dorthin umgesiedelt. Viele der Familien, die in den Wohnungen leben, kommen wie Sara aus Afghanistan. Auch sie hat eine Zeit lang mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Unterkunft gewohnt.

Schnell sprach sich dort herum, dass es eine Essensausgabe in der Nähe gibt. Sara war eine der ersten Helferinnen und die erste Muslima am evangelischen Campus.

„Seit ich hier bin, lerne ich viel“, sagt Sara. Seit anderthalb Jahren kommt sie regelmäßig: Dienstags hilft sie im Café Käthe, mittwochs in der Kleiderkammer. Hier sortiert sie Essen, dort Klamotten: Kleine Hosen, große Hosen, Blusen, Röcke und Winterschuhe. Seit die Kleiderkammer im Fernsehen gezeigt wurde, kommen pro Tag mehr als fünfzig Autos und bringen Kleiderspenden. Montags und Donnerstags ist Ausgabe. Viele Flüchtlinge kommen und holen sich Wintersachen.

Saras Deutsch hat sich in den anderthalb Jahren sehr verbessert. „Im Deutschkurs lernt man nicht so viel wie hier“, sagt sie. Außer Deutsch spricht Sara Persisch und Dari, eine neupersische Sprache, die in Afghanistan verbreitet ist. Sie übersetzt, wenn Flüchtlinge kommen, die kein Deutsch verstehen.

Eine dreiviertel Stunde, bevor die Essensausgabe im Café Käthe beginnt, ist bereits alles aufgebaut. Acht Tische reihen sich im Raum aneinander und bilden eine Hufeisenform. Darauf stehen palettenweise Konservendosen mit Eintöpfen und Suppen, Tütenreis, Pappschachteln mit Teebeuteln, Buttertoast und Trockenobst. In einem Karton stapeln sich hundertfünfzig Dosen Pangasiusfilet in Currysoße. Die Lebensmittelspenden kommen von der Tafel und von Rewe; Brot und Brötchen spendet ein Bäcker aus der Nachbarschaft. In der Ecke brummt leise die Kühltruhe mit Wurst und Milchprodukten, auf den Tischen an der Fensterfront sind die Kästen voll mit Obst und Gemüse: Salatköpfe, Frühlingszwiebeln, Tomaten, Bananen und Litschis. Zwischen den Tischen steht Sara mit sechs anderen HelferInnen. Mit beiden Händen hält eine von ihnen eine Mülltüte auf, während eine andere sie mit Lebensmitteln füllt - drei Kartoffeln, zwei Möhren, eine Büchse Sahnehering, ein Rosinenzopf, alles gerecht verteilt. Die Tüten fährt Leiterin Daube später zu sieben alten Damen, die den Weg zum Café nicht schaffen.

Nach den alten Damen sind die HelferInnen selbst dran: Wer bedürftig ist, kann sich jetzt selbst mit Lebensmitteln versorgen. Alle Bedürftigen haben sich per Nachweis registriert. Sie haben einen Hartz-IV-Bescheid, einen Asylbewerberschein vorgelegt – oder ein Dokument, das eine niedrige Rente oder den Empfang von ergänzenden Sozialleistungen bestätigt. 140 Haushalte versorgt das Café Käthe momentan, 500 Personen, schätzt Daube. Wer vier Mal nicht kommt, ohne sich abzumelden, fliegt raus.

Sara zieht einen Einkaufsroller an den Tischen vorbei, einen richtigen Hackenporsche. Eine Dose mit Fertigsuppe verschwindet darin, eine Dose Cola Zero, eine Tüte Chips und eine Schachtel Reis. Eine andere Helferin steht vor einer großen braunen Packung Mondamin-Pulver und rätselt über deren Inhalt. Sahne? Nein, Soßenbinder, erklärt Sara auf Persisch. Sie nimmt noch eine Packung Eier und studiert den Inhalt eines Fertiggerichts – Fleisch darf nicht darin sein, sonst nimmt sie es nicht. „Das muss halal sein“, erklärt sie. Das geht also nur, wenn es vom türkischen Laden kommt. Fisch ist okay, sie nimmt eine Packung Lachs aus der Kühltruhe. Die vegetarische Wurst lässt sie liegen. „Was ich nicht kenne, nehme ich nicht mit“, sagt sie.

Als sie an den Tischen mit Obst und Gemüse vorbeigegangen ist, quillt der Roller schon fast über. Ein bisschen Schokolade noch - der Tisch mit den Süßigkeiten biegt sich so kurz nach Weihnachten unter der Last. Sara nimmt zwei Schokoweihnachtsmänner und zwei Tüten Hasel- und Walnüsse und kann dann wirklich nichts mehr tragen.

Zu Hause bei Familie R. kochen sie afghanisch. Das heißt meistens Fleisch mit Reis und Gemüse. Und in der Regel kocht nicht Sara, sondern ihr Mann. Seit einem Jahr ist er arbeitslos, seit er Rückenprobleme bekam und einen Monat nicht arbeiten konnte. Nun geht es ihm besser, aber das Restaurant, in dem er gearbeitet hat, hat jemand anderen zum Tellerwaschen eingestellt.

Sara und ihr Mann haben sich im Iran kennengelernt. Als sie zwei Jahre alt war, floh ihr Vater mit der ganzen Familie ins Nachbarland, als sowjetische Truppen nach Afghanistan einrückten und sich einen militärischen Kampf mit den widerständischen Mudschahiddin-Kämpfern lieferten. Mit sechzehn ging Sara mit ihrem frisch angetrauten Mann zurück nach Afghanistan - das iranische Regime hatte seinen Pass eingezogen und er musste das Land verlassen. In ihrer Heimatstadt Herat bekam Sara zwei Kinder. Als der jüngere Sohn vier war, floh die Familie vor dem andauernden Krieg nach Deutschland.

Zwölf Jahre ist das nun her. Vor vier Jahren bekamen Sara und ihre Familie endlich ein unbefristetes Aufenthaltsrecht – aus humanitären Gründen. So konnten sie auch umziehen - nach langen Jahren in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften bewohnt Familie R. zum ersten Mal eine ganz normale Wohnung.

Ins Café Käthe und zur Kleiderkammer will Sara weiterhin gehen, auch wenn ihr Mann lieber hätte, dass sie bei ihm zu Hause bleibt. Und auch, wenn sie viel anderes zu tun hat, als Mutter von drei Kindern.

Sara wünscht sich, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung und einen guten Arbeitsplatz bekommen. Auch sie selber möchte irgendwann einen gute Arbeit finden. „Ich weiß, eine richtige Arbeit ist schwer zu finden“, sagt sie. „Aber wenn es Gott gibt, ist alles möglich.“

Vielleicht schreibt Sara irgendwann ihre Geschichte auf, überlegt sie. Und fügt hinzu: „Manchmal schreibe ich Lieder auf Persisch.“ Nur singen, das dürfe sie als Frau nicht - wegen ihres Glaubens, sagt sie. Ganz streng sei sie dabei zwar nicht, aber, so sagt sie, „ich akzeptiere meine Religion mit ganzem Herzen“. In jedem Glauben gebe es Sachen, die andere komisch fänden. Bei der Arbeit in der Luthergemeinde diskutieren sie nicht darüber. Sie erzählen nur: Bei mir ist das eine so, das andere so. Schließlich gehe es bei allen um das Gleiche: um Akzeptanz und Respekt, um Geben und Nehmen.

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