: Heilende Wirkung
■ Süd-Korea: Harte Urteile gegen Exdiktatoren
Das Wort Vergangenheitsbewältigung, das es wörtlich übersetzt auch im Koreanischen gibt, war in Süd-Korea noch bis vor kurzem ein fast ausschließlich in der akademischen Sprache verwandter Begriff. Das ist heute anders. Vergangenheitsbewältigung forderten gestern nicht nur die Demonstranten vor dem Justizpalast in Seoul. Die Formel wird nun von Regierung und Medien gleichermaßen als Basis für ein neues Korea beschworen. Die harten Urteile gegen die Expräsidenten Chun Doo Hwan und Roh Tae Woo bewertet die Regierung deshalb als „Realisierung von Vergangenheitsbewältigung nach dem Gesetz“.
Dabei entdeckt die Öffentlichkeit nun Fehler, die weit länger zurückliegen als die Verbrechen der jetzt verurteilten Generäle. Man entsinnt sich des laxen Umgangs mit den Kollaborateuren der japanischen Kolonialzeit nach der Befreiung Koreas im Jahr 1945. Plötzlich finden sich neue Erklärungen für die unterschiedlichen Diktaturen, die vielen SüdkoreanerInnen das durch Welt- und Koreakrieg ohnehin beladene Leben erschwerten. Wirklich neu daran ist der selbstkritische Duktus der Debatte. Statt sich immer nur als Opfer der benachbarten Großmächte zu betrachten, wie es in Süd-Korea bisher üblich war, entwickelt man endlich ein Gefühl der Selbstverantwortung für die eigene Geschichte.
Möglich war das in Korea wie in Deutschland nicht über die Identifizierung mit nationalen Heldentaten, sondern gerade über das Gegenteil: nämlich die Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die im Namen der Nation geschahen. Insofern galt für das Massaker von Kwangju, was nach dem Zweiten Weltkrieg (und insbesondere nach 1968) in Deutschland zutraf. Erst die Aufarbeitung des dunkelsten Flecks in der eigenen Geschichte verlieh der Demokratie, heute in Korea wie damals in Deutschland, Glaubwürdigkeit.
Gewiß speist sich das Urteil auch aus trüben, populistischen Quellen – seine Wirkung ist dennoch auch positiv. Denn nun darf auch die demokratische Gesinnung der südkoreanischen Armee als gesichert gelten, die das Urteil gegen die Generäle akzeptierte. Wer mit dem Todesurteil gegen Chun aus prinzipiellen Gründen hadert, sollte trotzdem die heilende symbolische Wirkung dieses Richterspruchs nicht unterschätzen. Georg Blume
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen