piwik no script img

Haustürrecherche der Berliner LinkenWem Marzahn-Hellersdorf gehört

Seit der Wende wurde ein Fünftel der Wohnungen im Bezirk privatisiert. Für die Linkspartei auch ein Argument, mehr für Vergesellschaftung zu werben.

Katalin Gennburg, Chistoph Trautvetter (links) und Björn Tielebein stellen die digitale Eigentümerkarte vor

Die Linkspartei war wieder Klinkenputzen. „Wir haben mit etwa 20 bis 30 Mietern in jedem Haus Gespräche geführt“, sagt Katalin Gennburg, Bundestagsabgeordnete der Linken und Sprecherin für Stadtentwicklung. „Insgesamt haben wir 6.000 Häuser kartiert.“ Das Ergebnis ist eine „digitale Eigentümerkarte“ von Marzahn-Hellersdorf, die Gennburg am Mittwoch Nachmittag vorgestellt hat.

Die Frage, die sich die Freiwilligenteams der Linkspartei gestellt haben – Wem gehört Marzahn-Hellersdorf? – birgt politische Brisanz. Denn bei der Fertigstellung von Marzahn und Hellersdorf vor der Wende waren sämtliche Wohnungen volkseigen. „Inzwischen sind 21 Prozent aller Mehrfamienhäuser privatisiert“. sagt Gennburg. „Die Eigentümerstruktur ist eine heiße Ware.“

Heiß ist die Frage auch deshalb, weil die Eigentumsfrage bei den bisherigen Bemühungen, die Mieten zu regulieren, kaum eine Rolle spielt. Im geplanten Mieten- und Wohnungskataster, das SPD, Linke und Grüne 2021 im Koalitionsvertrag vereinbart hatten, bis zuletzt aber an der SPD hängen geblieben war, sollen zwar Daten zu Wohnungsgröße, Baujahr und Miethöhe erhoben werden.

Unsere Eigentümerstruktur ist eine heiße Ware

Katalin Gennburg, Linkspartei

„Die Eigentümerfrage wird aber nicht gestellt“, sagt Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit, der die Befragung in Marzahn-Hellersdorf, die Ende 2025 stattgefunden hat, wissenschaftlich ausgewertet hat. „Was wir hier gemacht haben, ist deshalb wissenschaftliche Notwehr.“

Denn landeseigene Unternehmen wie die Degewo, die im Bezirk 48 Prozent aller Mehrfamilienhäuser besitzen, oder Genossenschaften, die auf 30 Prozent kommen, agieren anders als private Eigentümer wie die Vonovia. Das ist ein Ergebnis des Eigentümerkatasters.

Neumieter zahlen deutlich mehr

Das treffe auch auf die Firma „Grand City Properties“ in der Sella-Hasse-Straße 23 zu. Trautvetter spricht von hoher Fluktuation, großen Problemen mit Sauberkeit und Instandhaltung und extrem unterschiedlichen Mieten. „Neumieter zahlen Wuchermieten“, hat Trautvetter in seine Präsentation geschrieben.

Ganz anders die landeseigene Degewo in der Ludwig-Renn-Straße 33. Die Wohndauer beträgt dort durchschnittlich zehn Jahre, die Mieten seien nur leicht überhöht. Ähnliches habe die Erhebung auch für die Mehrower Allee 50 ergeben, die von der Deutsche Wohnen bewirtschaftet wird.

„Bislang hieß es immer, man könne die Geschäftspraktiken verschiedener Eigentümer nicht seriös vergleichen, weil die Bestände nicht vergleichbar seien“, sagt Trautvetter. „Wir haben nun aber identische Haustypen des selben Baujahrs miteinander verglichen.“

Neben der „Grand City Properties“ hat die Kartierung noch einen weiteren privaten Eigentümer ausgemacht, der aufs ganz schnelle Geld setzt. Am Naumburger Ring und in der Quedlinburger Straße gehören 500 Wohnungen aus den Jahren 1986/87 der Firma DVI Investment. Die Firma hatte die Wohnungen aus der Bad Bank des Berliner Bankenskandals gekauft.

Bei den Befragungen habe sich herausgestellt, dass baugleiche Wohnungen in der Neuvermietung 930 Euro kosten, während Altmieter für dieselbe Wohnung 400 Euro Miete zahlen. Außerdem versuche der Investor Mieterhöhungen nicht mit dem Mietspiegel zu begründen, sondern mit Vergleichsmieten aus dem eigenen Bestand.

Verdrängung auch am Stadtrand

„Diese Beispiele stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die längst auch am Berliner Stadtrand Realität ist“, sagt Björn Tielebein, Co-Vorsitzender der Linkspartei im Bezirk. „Während Marzahn-Hellersdorf als Flächenreserve für Neubau und Nachverdichtung herhalten muss, zahlen die Mieterinnen und Mieter den Preis dafür.“

Für Tielebein ist die entscheidende Frage die: „Wer verliert und wer profitiert?“ Und wie können gemeinwohlorientierte Vermieter wie die landeseigenen Gesellschaften oder Genossenschaften gestärkt werden. So gesehen ist die digitale Eigentümerkarte für die Linkspartei auch eine Argumentationshilfe, falle es erneut zu einem Volksbegehren für Vergesellschaftung kommen sollte. „Wenn wir wissen, wem die Häuser gehören, können wir uns gemeinsam gegen den Ausverkauf der Stadt wehren“, sagt Tielebein.

Katalin Gennburg jedenfalls gibt sich kämpferisch. „Wir wollen Marzahn-Hellersdorf für die Linke zurückholen.“ Das Direktmandat im Wahlkreis ging bei der Bundestagswahl nicht an die Linke, sondern an die AfD. Gennburg zog über die Landesliste in den Bundestag ein.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare