: Hauptstadt auf dem Trockenen
Experten geben zu Protokoll, warum es in Berlin kein Hochwasser geben wird. Die Bergbaulöcher in der Lausitz sind zu groß und die Niederschläge in die Havel zu gering. Und dann ist da noch der Umflutkanal in die Dahme
Sandsäcke vor der Museumsinsel, die Altstädte von Köpenick und Spandau überflutet? Nahezu unmöglich, sagt dazu Winfried Lücking, Referent für Gewässer beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Um so eine Katastrophe zu verursachen, führen Havel und Spree einfach zu wenig Wasser nach Berlin.“
Dafür gebe es mehrere Gründe: „Zunächst muss die Spree von Süden an den ehemaligen Braunkohletagebauen in der Lausitz vorbei.“ Und sie sollen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren in veritable Badeeseen umgewandelt werden – mit Wasser aus der Spree. Bis manche Löcher gefüllt seien, würden mancherorts sogar 30 Jahre vergehen. Eine Flut wäre in naher Zukunft sehr unwahrscheinlich.
„In die Löcher hätte schon das Oderhochwasser von 1997 mehrmals reingepasst“, sagt Lücking. Dazu kommt, dass die Spree noch durch den Spreewald fließt, wo sie sich in vielen Flussarmen verliert. „Eine ausgeprägte Mäandrierung der Spree verhindert, dass sich große Wassermassen anstauen können“, weiß auch ein Sprecher der Berliner Wasser- und Schifffahrtsdirektion. Aber auch wenn eine Flutwelle über den Spreewald hinauskommen sollte, würde sie auf ein weiteres Hindernis treffen. „Ein Umflutkanal leitet das Wasser in die Dahme-Seen, und bis die voll sind, das dauert“, erklärt wiederum Winfried Lücking. Keine Chance für eine Spreeflut also.
Auch von der Havel geht nach Expertenmeinung kaum Gefahr aus. Beim Landesschutzpolizeiamt Berlin sind die Analysten zu dem Ergebnis gekommen, dass kaum gefährliche Rückstaus drohen. „Eine Gefahr wurde in Gemeinschaftsarbeit mit Brandenburg untersucht. Die Havel führt aber einfach zu wenig Wasser, um Berlin gefährlich werden zu können“, erklärt Polizeisprecher Karsten Gräfe.
Der Grund dafür: Mehr als die Hälfte des Havelwassers kommt aus der Spree und die verliert aus genannten Gründen viel davon unterwegs. „Außerdem bringt die Havel keine Schneeschmelze aus den Bergen mit, sie entspringt ja im flachen Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Winfried Lücking „Deshalb führt sie im Sommer immer Niedrigwasser.“ In Brandenburg regnet es zudem sehr wenig, Durchschnitt sind 500 Liter pro Quadratmeter im Jahr. „Im Einzugsgebiet der Havel fallen sogar nur 100 Liter, davon kommt kein Hochwasser zustande“, sagt der Metereologe Horst Malberg.
Auch der geplante Ausbau der Havel zu einer Wasserautobahn verstärkt die Hochwassergefahr nicht. Im Gegenteil. Wenn das Flussbecken verbreitert und vertieft wird, sinkt der ohnehin schon niedrige Wasserstand noch weiter. „Die Havel ist eine totale Ausnahme“, sagt Winfried Lücking. „Normalerweise sind ausgebaute Flüsse so gefährlich, weil das Hochwasser sehr schnell vorwärts kommt. Und da der Fluss durch Dämme eingequetscht ist, muss er ansteigen. Für solche Katastrophenszenarien ist der Wasserstand der Havel aber einfach zu niedrig.“
Die Vergangenheit gibt den Experten jedenfalls Recht. Gerade einmal drei Fluten fanden laut Chronik des Luisenstädtischen Bildungswerkes bisher den Weg nach Berlin. So gab es 1583 in Berlin ein Hochwasser, am 30. März 1670 riss eine wild gewordene Spree „vorm Strahlowschen Thore die Brücke mit der Schleuse und Schlagbaum“ weg. Vor zwanzig Jahren versuchte sogar das Flüsschen Panke die Berliner mit einem Hochwasser zu erschrecken. Bedeutende Schäden wurden nicht verzeichnet. DANIEL SCHULZ
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