HSV gründet Genossenschaft: Und wozu dann ein Olympiastadion?
Der Hamburger SV gründet eine Genossenschaft, auch um das Stadion zu modernisieren. Gleichzeitig plant die Stadt für Olympia mit einem neuen Stadion.
N un gründet der Hamburger Sportverein (HSV) eine Genossenschaft. Das ist eine Nachricht, die sicher seine Mitglieder interessiert und seine Fans. Vielleicht kann das noch beim FC St. Pauli für Beachtung sorgen, denn dort gehörte man ja zu den ersten, die eine solche Genossenschaftsidee in die Tat umsetzten.
Und denkbar wäre auch, dass bei ökonomisch interessierten Hamburger:innen ein solch ungewöhnlicher Wirtschaftsbetrieb im hoch kapitalisierten Profifußball auf Neugier stößt. Doch von diesem überschaubaren Kreis abgesehen: Allen anderen Hamburger:innen kann das ziemlich egal sein. Eigentlich.
Es ist schließlich nicht mehr lange hin, bis die Hamburger:innen ihre Stimme darüber abgeben können, ob sich die Stadt für die Ausrichtung Olympischer Spiele bewerben soll. Schon in rund drei Monaten findet das Referendum statt, bei dem sich der rot-grüne Senat eine Mehrheit für sein Bewerbungskonzept erhofft. Und da wirft die HSV-Genossenschaft eine Menge Fragen hinsichtlich der Redlichkeit des Konzepts auf, die bislang niemand beantworten will.
Denn Herzstück aller Olympischen Spiele ist das Olympiastadion. In Hamburg gibt es keins, das Platz für mindestens 60.000 Zuschauer:innen bietet und über eine Leichtathletik-Laufbahn verfügt. Es muss also vielleicht schon in 10 Jahren, allerspätestens aber in 18 Jahren ein nagelneues Stadion stehen, weil sich der Senat gern für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben will. Einen Ort, an dem das künftige Stadion stehen soll, hat er sich auch schon überlegt: im Volkspark, nur einen Steinwurf entfernt von der Heimstätte des HSV.
Zwei funktionstüchtige Großstadien nebeneinander gäben ein schräges Bild her, das weiß auch der Senat. Drum hat er sich zuvor den HSV ins Boot geholt: Das Volksparkstadion sei mittelfristig nicht mehr zu retten, gab der HSV bekannt. Deshalb könne er sich gut vorstellen, nach etwaigen Olympischen Spielen die Straßenseite zu wechseln und hinüber in das dann nagelneue Olympiastadion zu ziehen.
HSV will Volksparkstadion ausbauen
Diese Bekanntgabe gab dem Senat Rückenwind für sein Bewerbungskonzept. Denn beim Internationalen Olympischen Komitee, das die Spiele vergibt, hat das Thema Nachhaltigkeit zumindest auf dem Papier an Bedeutung gewonnen, sodass allein für die Spiele errichtete Großbauten nicht mehr allzu gern gesehen sind. Weil aber das neue Stadion als Spielstätte des HSV und als Veranstaltungsort für große Konzerte ohnehin und ganz unabhängig von einer olympischen Bewerbung gebaut würde, kann der rot-grüne Senat behaupten: Fast alle relevanten Sportstätten existieren dann schon und sind gar nicht eigens für Olympia errichtet.
Doch da kommt bei genauerer Betrachtung nun die HSV-Genossenschaft ins Spiel: Bis zu 100 Millionen Euro will der Klub durch die Gründung einsammeln. Das Geld soll zwar nicht ausschließlich in die Infrastruktur fließen, aber eben auch: Weitere Modernisierungen am Stadion sind geplant; für einen Ausbau, um mehr Zuschauer:innen ins Stadion zu bekommen, ist sogar bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben worden.
Bislang ist da nur Schweigen
Wie passt das alles zusammen? Während der rot-grüne Senat für Olympia mit einem aktuell nicht, dann aber vorhandenen Stadion wirbt, stecken HSV-Genossen viel Geld in ein Stadion, das in vielleicht schon zehn Jahren vollkommen nutzlos ist?
Und konkreter: Ist das Stadion wirklich schon bald abrissreif, obwohl erst kürzlich Dutzende Millionen Euro und durch die Genossenschaft bald weitere Millionen Euro in Modernisierung und Ausbau fließen? Wozu bräuchte Hamburg ein weiteres Großstadion, wenn es nicht regelhaft vom HSV genutzt wird? Wie realistisch ist es, dass die Stadt wie angekündigt einen privaten Investor findet, der das Stadion baut, wenn er auf den HSV als Ankermieter verzichten muss? Schmeißt die Stadt dann notfalls mehrere Hundert Millionen aus dem Fenster, nur um die Durchführung Olympischer Spiele zu gewährleisten?
Schön wäre es, als Hamburger Wahlberechtigte:r darauf bis zum Referendum Antworten zu bekommen. Bislang ist da aber nur Schweigen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert