piwik no script img

Grand Opening im Kino InternationalDie schönste Gardine Berlins

Die architektonische Ikone der DDR-Moderne wird nach denkmalgerechter Sanierung mit einem Festakt offiziell wiedereröffnet. Das ist ein Wunder.

Hat hier erfolgreich Premieren gefeiert: Matthias Freihof am Dienstagabend beim Grand Opening im Kino International Foto: Eventpress/imago
Andreas Hergeth

Aus Berlin

Andreas Hergeth

Der festliche Abend beginnt mit einer Irritation. Nach dem letzten Gong geht im übervollen Kino International der dunkelblaue Vorhang auf und da steht der Chor der Filmschaffenden mit dem schönen Namen „Die Vögel“ (Hitchcock lässt grüßen) und singt a cappella zwei Lieder, die aus Filmen stammen – ist das die „James-Bond“-Titelmusik? Beifall und Film ab: Der berühmte Paillettenvorhang – Schauspielerin Maria Schrader wird ihn später „die schönste Gardine Berlins“ nennen –, geht auf und „Marty Supreme“ beginnt, der Streifen über einen Tischtennisspieler mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle.

Wie, was? Läuft jetzt echt der ganze Film? Aber nein, es sind nur ein paar Minuten. Die neue Technik auf Cannes-Niveau kann so gleich mal zeigen, was sie drauf hat. Die Filmsequenz ist mit dem Song „Forever Young“ der deutschen Band Alphaville unterlegt. „FOREVER YOUNG“ steht auch als Motto über dem Eingang ins Kino International, das am Dienstagabend nach einer 18 Monate umfassenden Generalsanierung „Grand Opening“ mit viel Brimborium feiert.

Die erste Rede des Abends beginnt mit einem Lacher. Christian Bräuer, einer der beiden Geschäftsführer der Yorck Kinogruppe, begrüßt die Gäste im übervollen Kinosaal mit der markanten gewellten Decke. Er erzählt, dass sich Wolfram Weimer entschuldigen lässt. Der Kulturstaatsminister habe zwar zugesagt, nun aber dringend zu tun – mit der Berlinale.

Das filmaffine Publikum versteht die Andeutung und lacht. Und um die Berlinale und Filmfestivalchefin Tricia Tuttle wird es an diesem Abend noch öfter gehen. Aus aktuellem Anlass steht doch Tuttle in der Kritik – und viele Filmschaffende hinter ihr. Und die Causa passt ja auch an diesen wunderbaren Ort: Das Kino International wurde nach der Wende schnell eine der großen Berlinale-Spielstätten. Das soll auch 2027 wieder so sein, die Gespräche dazu laufen.

Zwei Monate früher als geplant fertig

Für alle gut sichtbar: Außerwerbung bei der Party zur Wiedereröffnung des Kino International nach der denkmalgerechten Sanierung Foto: Berlinfoto/imago

Doch im Mittelpunkt der Gala steht das Kino International, diese Architekturikone der Nachkriegsmoderne, die aufwendig und denkmalgerecht entkernt und saniert wurde. Lobeshymnen gibt es zuhauf. Es passiert in Berlin ja auch so gut wie nie, dass umfangreiche Sanierungsarbeiten an denkmalgeschützten Häusern zwei Monate früher als geplant abgeschlossen sind. „Und im Budgetrahmen bleiben“, sagt Christian Bräuer. Er dankt allen Beteiligten, den verschiedenen Geldgebern (rund 15 Millionen waren nötig), den planenden und ausführenden Gewerken, allen voran den Handwerksbetrieben, die meist aus Berlin kamen.

Drei Mitarbeiterinnen einer Berliner Firma für Textilrestaurierung werden vorgestellt und gefeiert. Sie haben den über 400 Quadratmeter großen Pailettenvorhang saniert. Über 40 Millionen Pailletten wurden weitgehend von Hand geordnet und an vielen Stellen bewusst auf Nähmaschinen verzichtet.

Filmausschnitte lassen die Geschichte des Hauses und die Phasen der Generalisanierung passieren. Es gibt manchen Lacher, wenn DDR-Funktionäre zu Wort kommen. Lange her: Das Kino International wurde 1963 als Premierenkino der DDR eröffnet. Legendäre Filme feierten hier Leinwandpremiere.

„Spur der Steine“, „Solo Sunny“ oder „Coming Out“ – der erste Film der DDR über Homosexualität hatte just am 9. November 1989 seine Premiere – an dem Tag, „an dem ein ganzes Land sein Coming-out hatte“, wie es Moderator Knut Elstermann, der durch den Abend führt, formuliert. Hauptdarsteller Matthias Freihof ist da und wird von Elstermann als „Säulenheiliger dieses Kinos“ begrüßt: „Steh doch mal auf!“

Schatz der europäischen Filmkultur

Maria Schrader hält eine Rede aufs Kino und verleiht dem Haus den Titel „Treasures of European Film Culture“ der European Film Academy. Mit dieser Auszeichnung würdigt die Akademie Orte, die symbolisch für das europäische Kino stehen und von herausragender filmhistorischer Bedeutung sind.

Schrader nutzt die Preisverleihung für eine persönliche Note. Sie wollte auf der Gala eigentlich an Kulturstaatsminister Weimer herantreten, um „ein offenes Gespräch“ zu suchen. Stattdessen hält sie eine emotionale Rede, in der sie der Berlinale-Chefin den Rücken stärkt. „Sie ist die Richtige für dieses Amt.“ Schrader appelliert an die Politik, die Unabhängigkeit des Filmfestivals zu wahren und „die freie Rede, solange sie sich in den Gesetzen des Rechts bewegt, bedingungslos und ohne Einschränkung zu schützen und zu unterstützen“ und gemeinsame Bühnen offenzuhalten. Starker Applaus.

Was aus dem Haus geworden wäre, hätte es Heinrich-Georg Kloster, ebenfalls Geschäftsführer der York Kinogruppe, nicht 1994 von der Treuhand kaufen können? Eine Frage, die sein Kompagnon stellt und den Mut von Kloster lobt. Das Kino International ist eins der wenigen original erhaltenen DDR-Gebäude, „ein architektonisches Meisterwerk und Schmuckstück bis heute“, sagt Kloster. Wo doch so vieles verschwand in Berlin, was an die DDR-Moderne erinnerte.

Das sieht Matthias Freihof so ähnlich. „Mit dem Haus verbinde ich ganz viele wunderschöne Momente“, sagt er der taz, „auch weil mein allererster DEFA-Film ‚Käthe Kollwitz‘ hier 1987 Premiere hatte.“ Und auch, „dass man von der Sanierung eigentlich gar nichts sieht“. Das ist das größte Lob, dass man dem Haus machen kann.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare