Gott und die Ukraine: HERR, erbarme dich!

Stimme meiner Generation: Aron bietet einer ukrainischen Freundin seine Hilfe an. Sie sagt, er solle für ihre Familie beten. Aber Aron kann nicht beten. Was nun?

Ein Mann mit schwarzen Haaren blickt in die Kamera und hält eine geöffnete Bibel in seinen Händen.

Aron hat sich freiwillig taufen lassen, findet seitdem aber leider mehr Fragen als Antworten Foto: Jonathan Schmitz

Von ARON BOKS

taz FUTURZWEI, 02.06.22 | Vor Kurzem habe ich Inna, einer ukrainischen Freundin, und ihrer Familie aus Kyiv angesichts des Krieges in ihrer Heimat meine Hilfe angeboten – ohne zu überlegen, wie sie sich diese Hilfe vorstellen würde.

„Aron, kannst du für meine Familie beten?“, fragte sie.

„Na klar!“, hatte ich schneller gesagt, als mir danach lieb war. Denn ich kann nicht beten. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gebetet – und das liegt nicht daran, dass ich Atheist bin. Das bin ich nicht.

Aron-Boks

Aron Boks und Ruth Fuentes schreiben die neue taz FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Boks, 25, wird gefördert von der taz Panter Stiftung.

Er wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Slam Poet und Schriftsteller in Berlin.

Fuentes, 27, ist taz Panter-Volontärin in der taz-Redaktion.

Sie wurde 1995 in Kaiserlautern geboren und ist seit Oktober 2021 taz Panter Volontärin.

Ich wurde atheistisch erzogen, habe aber dennoch immer schon an „etwas Höheres“ geglaubt. Vor vier Jahren habe ich mich selbst für eine evangelische Taufe entschieden. Der Wunsch, mich taufen zu lassen, entsprang vermutlich dem Bedürfnis, meiner unklaren Spiritualität ein Label zu verpassen. Das Problem war damit aber nicht gelöst, sondern es eskalierte.

„Entschuldige, Gott!“

Ich konnte weder mit der Bibel noch mit der Kirche oder den damit verbundenen Ritualen etwas anfangen. Zu allem Überfluss begann ich auch noch, die Existenz des mir dort vorgestellten Gottes zu hinterfragen. Da mir dieser aber als allwissend erklärt wurde und er mein Zweifeln dementsprechend bemerken und sicher nicht gutheißen würde, begann ich aus Furcht, obsessiv zu ihm zu beten – um nicht bestraft zu werden oder so.

Wie eine abgemilderte Form des bleichen, sich selbst kasteienden Typen aus dem Film „Sakrileg“ klopfte ich mir ständig heimlich mit einer Hand bei aufkommenden „ketzerischen“ Gedanken mechanisch ins Gesicht. Wichtig dabei: Die Zahl der Schläge an Stirn und Wangen musste durch drei teilbar sein!

Dazu wisperte ich dann immer etwas wie „Entschuldige, Gott!“, um so mein Selbst von allen Sünden abzuklopfen. Eine Zwangshandlung, die sich auch super nutzen ließ, um jedwede Form der alltäglichen Unfrömmigkeiten auszugleichen.

In meiner Logik konnte ich dadurch weiterhin gesegnet sein und trotzdem trinken und rauchen oder vier Mal in der Woche bei GORILLAS meinen Einkauf von ausgebeuteten Lohnarbeiter:innen vor die Tür geliefert bekommen.

Mir war klar, dass das nicht gerade gesund war. Aber erst mit therapeutischer Hilfe konnte ich diesen Zwang als schlichtweg irrational betrachten. Ich habe seither nie wieder gebetet und – vermutlich aus Unbehagen – jegliche Auseinandersetzung mit meinem Glauben vermieden. Bis heute.

Der Wunsch nach Daseinsberechtigung

Heute wende ich mich an die Autorin und Journalistin Sophia Fritz, Jahrgang 1997. Am Telefon erzählt sie mir von ihrem eigenen Hadern mit ihrer christlichen Prägung und wie daraus ihr Buch „Gott hat mir das Du angeboten“ entstanden ist. Anlass genug, um über mein absurdes Gebets-Problem zu sprechen.

„Klingt für mich gar nicht so absurd“, sagt Sophia. "Es ist schwer, in der globalisierten Welt ein guter Mensch zu sein. Ich meine, ich kann noch nicht mal einen Müsliriegel an der Tanke kaufen, ohne, dass irgendwo in Südamerika Wald gerodet wird. Natürlich entsteht dann die Sehnsucht danach, von seriöser Quelle zugesprochen zu bekommen, dass man trotzdem ein guter Mensch ist. Vielleicht spürt man auch den Wunsch nach einer Daseinsberechtigung. Als ich mein Buch geschrieben habe, hat einer meiner Professoren gesagt, dass man manchmal auch einfach Gott gegen Mutter austauschen könnte und ich glaube er hat Recht. Eigentlich ist der Versuch zu Glauben doch die Suche nach einer richtungsweisenden Konstante.“

Im Zweifel Hoffnung

Das Einzige was nach dem Wegfall meines zwanghaften Gottesbekenntnisrituals so etwas wie eine Konstante in meinem Glauben bedeutet, ist die Kirchensteuer, die per Lastschriftverfahren von meinem Konto eingezogen wird. Schon der Gedanke an ein Gebet fühlt sich jetzt geradezu heuchlerisch an. Von der Sinnhaftigkeit mal ganz zu schweigen.

„Aron, wenn so eine Scheiße passiert wie in der Ukraine: Was macht das mit einem Gottesbild?“, fragt Jirij – das ist der Pfarrer, der mich getauft hat. Wir haben uns im Videochat verabredet und er sieht mich wie bei meiner Taufe mit diesem gutmütigen, erwartungsvollen Blick durch seine runde Bonhoeffer-Brille an. Nur warum stellt er mir jetzt diese Theologiefrage? Er war doch selbst damals einverstanden, dass ich auch ohne Kirchenunterricht getauft werden könnte.

„Warum lässt du so etwas zu…“, spricht er unbeirrt weiter. „Das wäre eine Frage, die ich ihm oder ihr stellen würde. Wenn es Gott gibt, dann …“

„Moment mal, du bist dir selbst nicht sicher, ob Gott existiert?“, unterbreche ich ihn. Er zuckt die Schultern. „Das oszilliert in mir. Manchmal scheint auch mir das unvorstellbar.“

„Aber wie kannst du in solchen Momenten weiterarbeiten?“

„Auf Hoffnung hin“, sagt Jirij und erzählt, wie er für diese Arbeitsweise gelegentlich Kritik von Kolleg:innen erhält, die es nicht hilfreich fänden, wenn er in seinen Predigten das immer wieder neu hinterfragt, worauf sich alle geeinigt haben, nämlich dass es Gott gibt. Er aber brauche diese Auseinandersetzungen, um überhaupt glauben zu können.

Was hast du in der Ukraine vor?

Ein paar Tage später überwinde ich mich, setzte mich auf mein Bett und schließe die Augen: Was hat Gott gerade in der Ukraine vor?

Na toll. Kaum wage ich mein spirituelles Comeback zum Gebet, stellt sich mir gleich diese Frage in den Weg. Und ja, es wäre jetzt einfacher, sich wieder stumpf selbstkasteiend ins Gesicht zu klopfen, um die eigene Irritation am Plan unseres Erlösers zu ignorieren. Das Zweifeln wird nach kurzer Ruhe aber trotzdem weitermachen. Ich schließe wieder die Augen.

Ich wünsche, dass all das endlich bald vorbei ist, denke ich, und will endlich mein Gebet für Innas Familie in Kyiv sprechen. Doch plötzlich denke ich, ich sollte möglichst bald Geld spenden. Das wird den Menschen dort doch mehr bringen als dieses Gebet, mit dem ich den naiven Wunsch nach schnellem Frieden verschicke.

Ich bezweifle die Wirkung meines Gebetes. Aber ich hoffe auch auf sie. Und ich ärgere mich über meine Unbeholfenheit. Ich weiß nicht, ob das Glauben bedeutet. Aber vielleicht unterscheide ich mich da gar nicht so sehr von meinem Pfarrer und der ist immerhin ein Mann Gottes. In diesem Sinne: Amen.

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