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Gold beim Riesenslalom in BormioDas schöne Skifahren

Lucas Pinheiro Braathen gewinnt das erste Winter-Gold für Brasilien. Dass er Norwegen wegen seiner Sponsoren verließ, interessiert da kaum jemanden.

Brasilianischer Jubel vor Schweizer Bodenständigkeit: Lucas Pinheiro Braathen (Mitte) zwischen Marco Odermatt und Loïc Meillard Foto: John Locher/ap

Der Schnee könnte eine Erklärung gewesen sein. Vielleicht hatte er einen besonders gut präparierten Ski. Klar, Lucas Pinheiro Braathen ist ein herausragender Skifahrer, das war bekannt, aber dass er nach dem ersten Lauf des olympischen Riesenslaloms in Bormio den besten Skifahrer der vergangenen Jahre, Marco Odermatt, um fast eine Sekunde distanziert hatte, das konnte sich im Zielraum keiner so recht erklären. Als dann nach dem zweiten Lauf tatsächlich feststand, dass Pinheiro Braathen Olympiasieger geworden war, wusste man zwar immer noch nicht so recht, wie er die anderen so düpieren können, aber geredet hat keiner mehr darüber.

Es war Zeit für eine dieser großen First-Ever-Geschichten, die man so liebt in der olympischen Welt. Denn Lucas Pinheiro Braathen ist der erste brasilianische Gewinner einer Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen. Jetzt war nicht mehr von Schnee die Rede, sondern von „Joga bonito“ die Rede, dem portugiesischen Ausdruck für das schöne Spiel im Fußball, um Pinheiro Braathens Sieg zu erklären.

Der Brasilianer aus Norwegen bekam Platz, seine Geschichte so zu erzählen, dass sie sich wie eine dieser Wundergeschichten anhört, von denen es so gerne heißt, allein der Sport könne sie schreiben. Wie ein olympischer Sektenführer redete er von der Kraft der Inspiration. Davon, dass es gelte, die Grenzen des Bewusstseins zu überschreiten. Reichlich verstrahlt hört sich an, was der Olympiasieger im Duktus eines esoterischen Predigers bei der Pressekonferenz nach dem Rennen erzählt hat.

Pinheiro Braathen umgibt sich mit neun Betreuern. Brasilianer sind sie alle nicht

Und so bleibt sie erst mal stehen, die Story, vom jungen Skifahrer aus Oslo, der sich im norwegischen Verband, der ihn bis zur Weltcupreife geführt hat, nicht mehr wohlgefühlt habe. Er habe seiner Kreativität nicht freien Lauf lassen können, habe sich eingesperrt gefühlt in den Strukturen des Verbands. Dass es in Wahrheit auch darum gegangen war, eigene Sponsoren besser bedienen zu können, mehr zu verdienen, als er das norwegische Team verlassen hat, um nach einem Jahr Pause als Brasilianer zurückzukehren, davon war am Tag des Olympiasiegs natürlich keine Rede.

Braathen Pinheiro, der aktuell auf Platz zwei der Riesenslalomwertung im Weltcup liegt und somit durchaus als Mitfavorit ins Rennen gegangen war, umgibt sich mit einem Team von neun Betreuerinnen und Betreuern. Sie alle schwirrten am Samstag in Klamotten des brasilianischen Teams um ihren Chef herum. Brasilianer sind sie allesamt nicht. Eine Million Euro soll das von seinem norwegischen Vater gemanagte Projekt pro Saison kosten. Das Foto mit den Mitarbeitern seines Skiausrüsters noch im Zielraum des Rennens, zeigte, dass noch viel mehr Menschen am Erfolg des Sohnes einer brasilianischen Mutter beteiligt sind, als diejenigen, die bei ihm unter Vertrag sind.

Es ist gewiss ein faszinierendes Sportunternehmen, das mit dem Olympiasieg nun die Früchte seines Investments ernten wird. All die Sponsoren, die ihn unterstützen, werden nun von der Reichweite des neuen Superstars des Skisports profitieren. Allen voran der Getränkehersteller Red Bull, der an der Ausarbeitung seines Images als verrückter Brasilianer, der auch mal als DJ auftritt oder bei einer Modenschau als Modell daher stolziert, seinen Anteil hat. Beim Limoriesen aus Österreich feiert man sein Charisma und seine Exzentrik in zahlreichen Videos auf Social Media besonders intensiv.

Die Sätze, die Pinherio Braathen in der Pressekonferenz von sich gab, hörten sich fast alle so an, als seien, sie von einem PR-Berater vorformuliert worden. Kostprobe? „Wenn es etwas gibt, worin ich heute hoffentlich eine Inspirationsquelle sein kann, dann, dass du den Mut haben solltest, du selbst zu sein.“

Was wohl der ukrainische Skifahrer Dmytro Schepjuk von solchen Sätzen hält? Auf Platz 40 beendete der 20-Jährige das Rennen. Beim Super-G zwei Tage zuvor hatte er frisch unter dem Eindruck des Rauswurfs seines Landsmanns Władysław Herakewytsch von Olympia im Zielraum eine Botschaft in die Kamera gehalten.

„UKR heroes with us“ hatte der Sportler aus den Karpaten auf einen Aufkleber geschrieben, den er auf die Handfläche seines Handschuhs geklebt hatte. Auch um zu zeigen, dass er weiß, welches Privileg es ist, als Sportler durch die Welt zu reisen, während andere junge Männer zu Hause bleiben müssen, um an der Front zu kämpfen oder auf die Einberufung zu warten, habe er seine Handschuhbotschaft in die Welt geschickt. Das Wort Mut hat in Schepjuks Welt wohl eine andere Bedeutung als im Glitzeruniversums des neuen Olympiasiegers.

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