Glockenexperte über die Hitlerglocke

„Es war kein Schaden zu erkennen“

Wer Hakenkreuze abschleift, kann nicht viel falsch machen, sagt Fachmann Andreas Rupp. Trotzdem wäre er mit der Glocke in Schweringen anders umgegangen.

Glocke ohne Hakenkreuz

Die Schweringer Glocke ohne Hakenkreuz. „Kein Schaden zu erkennen“, sagt der Fachmann Foto: dpa

taz: Herr Rupp, im niedersächsischen Schweringen haben Unbekannte ein Hakenkreuz von einer Glocke geflext. Schadet so eine Aktion der Glocke?



Andreas Rupp: Natürlich kann es der Glocke schaden, wenn man das nicht fachgerecht macht. Prinzipiell geht es aber auch ohne Schaden. Aus Schweringen habe ich nur ein Bild in der Zeitung gesehen. Darauf ist zu erkennen, dass die Oberfläche der Glocke metallisch bearbeitet wurde – wohl eher geschliffen als geflext. Und da war auf den ersten Blick kein Schaden zu erkennen.

Wie würden Sie denn vorgehen, wenn Ihnen eine Gemeinde den Auftrag gibt, ein Hakenkreuz fachgerecht zu entfernen?

Ich würde auch eine Schleifmaschine nehmen und erst die Patina – das, was die Glocke etwas grünlich aussehen lässt – entsprechend entfernen. Dann würde ich solche Oberflächen bis auf den Glockenkörper einebnen.

Ist also gar nicht so schwierig.

Nein, das ist keine große Sache. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich der Klang der Glocke dadurch verändert hat. Glocken haben ja häufig Inschriften und Bilder mit ganz unterschiedlichen Botschaften. Und wir wissen, dass sich solche Inschriften erst dann im Ton bemerkbar machen, wenn sie wirklich massiv auf der Glocke aufgetragen sind, großflächig und einen halben Zentimeter dick. Normale Inschriften wirken sich kaum aus.

ist Wissenschaftlicher Leiter am Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken in Kempten. Seit der Gründung 1996 arbeitete seine Einrichtung bereits an über 200 Glocken in ganz Europa, unter anderem im Petersdom, der Sacre Coeur und dem Kölner Dom.

Gab es schon häufiger Fälle wie den in Schweringen?



Dass eigenmächtig jemand hergeht und Embleme entfernt, habe ich davor noch nicht gehört. 



Und wie oft diskutieren Gemeinden darüber, Symbole entfernen zu lassen?


Es gab diesen Fall in der Südpfalz, in Herxheim, wo auch mit Überraschung festgestellt wurde, dass Hakenkreuze auf der Glocke sind. Dort gab es, soweit ich der Presse entnommen habe, aber einen Beschluss, dass die Glocke weiterläutet. Solche Diskussionen sind mir aber erst aus den letzten ein, zwei Jahren bekannt. 



Um andere Symbole als Hakenkreuze gibt es keine Kontroversen?



Das ist mir nicht bekannt. Bei den Glocken sind diese Inschriften ja auch immer ein Zeitzeugnis. Wenn jemand eine Glocke gespendet hat, hat er eventuell seine Initialen draufgießen lassen oder darf mitreden, welches Bild draufkommt. Die Gießer haben sich häufig verewigt, indem sie ein Logo oder ihren Namen draufhaben. Und so waren im Dritten Reich irgendwelche Leute eventuell so begeistert vom Nationalsozialismus, dass sie gleich ein Hakenkreuz draufgießen ließen.



Wie sollten man Ihrer Meinung nach heute damit umgehen?



Es gab damals eine Verquickung von Kirche und Nazis. Es gibt sicherlich noch andere Glocken mit solchen Symbolen und man sollte mal eruieren, was dazu geführt hat. Es gab zum Beispiel eine Phase, in der die Nazis tausende Glocken abhängen ließen – eventuell haben sich Manche erhofft, dass ihre Glocke erhalten bleibt, wenn da ein Hakenkreuz drauf ist. Vielleicht waren auch einzelne Spender verantwortlich oder es war politisch gewollt. Ich weiß es nicht. Es wäre aber spannend, die Gründe zu erforschen – unabhängig davon, wie man es aus heutiger Sicht bewertet. Das sind ja Zeitzeugnisse. 



Sie würden die Glocken also hängenlassen und die Hintergründe erkunden?



Genau, um dann vielleicht mit einer Gedenktafel darauf aufmerksam zu machen. 



Wissen Sie, wie viele Glocken deutschlandweit betroffen sind?



Sicherlich mehrere, aber Zahlen kenne ich nicht.



Es hängt aber nicht in jeden zweiten Kirchturm ein Hakenkreuz?



Nein. Solche Glocken wurden ja nur in einer kurzen Zeitspanne gegossen: Ende der 1930er, Anfang der 40er. Die Zahl ist also überschaubar. 


Womit beschäftigt sich ein Glockenexperte wie Sie eigentlich, wenn er nicht gerade über Hitlerglocken spricht?



Wir betrachten die Glocke als ein Musikinstrument und gleichzeitig als eine Maschine, die funktionieren muss. Der Klöppel haut auf die Glocke drauf. Wenn er das zu fest tut, kann er sie zerstören. Wenn er es zu leicht tut, klingt die Glocke nicht schön. Also gibt es einen schmalen Grat, wo man sagt: So kann die Glocke ihre musikalischen Qualitäten entfalten und wird nicht durch Verschleiß oder Ermüdungsrisse zerstört. Wir kümmern uns darum, dass die Glocken optimal eingestellt sind.

Sie sind also eine Art Klavierstimmer für Glocken?



So kann man es sagen.



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