Gesellschaft: Beruhigungspillen
Der Laie staunt und die wissenschaftliche Fachwelt wundert sich: Mit Hilfe von Aktivkohlefiltern soll die Ewigkeitschemikalie TFA künftig aus dem Trinkwasser gefiltert werden, meldete vergangene Woche der SWR. Sensationell! Wenn das gelingt, gibt's dafür den Nobelpreis für Chemie.
Von Gunter Haug
Die Wasserversorgung Bad Rappenau im Kreis Heilbronn, so meldete der SWR Heilbronn in der vergangenen Woche – auch bundesweit im Ersten – habe Maßnahmen ergriffen, um Chemikalien aus dem Wasser zu filtern. Aktivkohle sei das Mittel der Wahl, „damit soll TFA aus dem Grundwasser entfernt werden“. TFA, ein Stoff aus der riesigen Familie der PFAS, Ewigkeitschemikalien. Die so heißen, weil sie sich in der Umwelt ewig nicht mehr abbauen. Ein ganz besonders großes Sorgenkind ist hier TFA, Trifluoressigsäure, weil es mit gängigen Methoden überhaupt nicht aus dem Wasser heraus gefiltert werden kann .
Also Anruf beim Zweckverband der Wasserversorgungsgruppe Mühlbach, wo laut SWR dieses Aktivkohle-Kunststück vollbracht werden soll. Wie geht das, nachdem sämtliche von Kontext befragten Wissenschaftler und auch das Umweltbundesamt behaupten, das sei ein Ding der Unmöglichkeit? Denn das TFA-Molekül sei viel zu klein, um von einem solchen Filter zurückgehalten zu werden. Antwort von Alexander Freygang, dem Chef des Zweckverbands: „Das habe ich nie gesagt!“ Nachsatz: Ihn wundere auch, dass die Meldung vom SWR in dieser Art verbreitet worden sei.
Wenig Bereitschaft, Fragen zu beantworten
Aber wie kommt der SWR dann dazu, einen solchen Quatsch zu versenden? Freygang kann sich das nur mit dem Gespräch erklären, das der SWR-Reporter kürzlich mit ihm geführt hat. Dies vor dem Hintergrund, dass jetzt auch in Trinkwasserquellen von Bad Wimpfen eine Konzentration der Ewigkeitschemikalie TFA gemessen wurde, die sämtliche Richt-, Orientierungs- und Gesundheitswerte um ein Vielfaches toppt (Kontext berichtete). Bis zu 319 Mikrogramm pro Liter! Eine unfassbare Größenordnung. Und noch immer weiß man nicht, woher genau diese Giftfracht kommt. Klar ist nur, dass beim Chemiekonzern Solvay in Bad Wimpfen mit TFA hantiert wird. Aber wie kommt der gefährliche Stoff ins dortige Quellwasser? Bislang war lediglich bekannt, dass Solvay (skandalöserweise mit dem Segen des Regierungspräsidiums Stuttgart) tagtäglich bis zu 24 Kilogramm von dieser toxischen Substanz in den Neckar kippen darf (Kontext hat darüber im September 2024 berichtet).
Nachdem im Bad Wimpfener Rathaus ziemlich wenig Bereitschaft zum offenen Umgang mit Fragen zur dortigen Trinkwasserbeschaffenheit herrscht, war es also naheliegend, einmal beim benachbarten Trinkwasserversorger mit Sitz in Bad Rappenau nachzufragen. Der dortige Zweckverband ist immerhin für die Wasserversorgung von 54.000 Menschen zuständig – und hier herrscht große Sorge im Hinblick auf die künftigen Herausforderungen, gesundheitlich einwandfreies Trinkwasser anzubieten. Denn ganz allgemein steigt die Konzentration der PFAS-Verunreinigung, besonders der von TFA, in der Umwelt immer weiter an.
Nahezu 10.000 solcher Ewigkeitschemikalien gibt es, und natürlich wird von Seiten der Wasserversorger versucht, so viele wie möglich aus dem Wasser herauszufiltern, bevor es in die Wasserhähne gelangt. Bei einigen PFAS gelingt das ganz gut, bei anderen (nämlich den kurzkettigen, kleinen Molekülen wie TFA) dagegen überhaupt nicht. Das scheint der Kollege vom SWR durcheinander gebracht zu haben, weshalb es schließlich zur beruhigenden Überschrift kommen konnte, wonach es TFA jetzt mit neuer Filtertechnik an den Kragen geht.
Schönreden als Erfolgsgeschichte
Kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren. Irren ist menschlich – und unfehlbar ist ja womöglich nicht mal mehr der Papst im fernen Rom. Richtig ärgerlich aber wird die Chose dann, wenn der Fehler nicht korrigiert wird und einfach so weiter im Raum (und im Netz) steht. Hinweise, dass da etwas nicht ganz korrekt wiedergegeben worden ist, sind im Studio angekommen – passiert ist nichts. Alles gut also mit dem Trinkwasser im Land. Lieb‘ Vaterland magst ruhig sein ...
Wieder mal. Und so ist dieses Schönreden längst zur Erfolgsgeschichte geworden. Denn egal ob Radio, Fernsehen, die örtliche Zeitung, die „Bürgerinformation“ aus dem Rathaus oder gar die hausgemachte Postille des Chemiekonzerns Solvay für die gesamte Einwohnerschaft von Bad Wimpfen: Wenn mal eine überregionale Publikation von den Gesundheitsgefahren berichtet hat, die von PFAS/TFA ausgehen, werden in Regelmäßigkeit die immergleichen Argumente verblasen. Alles harmlos, wird da umgehend pressemitgeteilt. TFA beispielsweise könne sich im Körper gar nicht anreichern.
Jahrelang konnte man genau dieselbe Behauptung immer wieder in den Medien finden. Sogar noch Anfang dieses Jahres. Und das, obwohl US-Studien aus dem Jahr 2023 belegen, dass im menschlichen Blutserum im Vergleich zu Trinkwasser die 76-fache Konzentration von TFA nachgewiesen worden ist.
TFA in Wein – aber nur ganz wenig!
Was Solvay freilich nicht daran hindert, nach wie vor bei Presseanfragen denselben wissenschaftlich längst überholten, Unsinn zu verbreiten. Und die versammelten MedienvertreterInnen, meist in medizinisch-chemischen Fragen eher wenig bewandert, verbreiten die frohe Nachricht dankend. Alles wieder gut am schönen Neckarstrand.
Vor einigen Wochen ploppte dann doch eine Nachricht auf, die geeignet schien, große Teile der Bevölkerung zu beunruhigen: TFA jetzt auch im Wein! Und zwar in einer Konzentration, die hundertfach über derjenigen im Trinkwasser lag. Der gute Trollinger: verseucht mit einer Ewigkeitschemikalie. Jetzt aber! Da kann's einem das Viertele glatt verhageln. Kurzfristig zumindest ... bis die Heimatzeitung aus dem Trollingerland ihren aufgeschreckten Viertelesschlotzern in bewährter Manier die beruhigende Berechnung präsentieren konnte, dass ein 60 Kilogramm schwerer Mensch tagtäglich schon neun Liter von dem guten Rebensaft in sich hineinschütten müsse, um auch nur in die Nähe eines gesundheitlichen Schwellenwertes zu gelangen. Na dann Prost!
Von schlauen Leuten wird ja immer wieder mal die Frage in den Raum geworfen, ob denn Journalismus wirklich so etwas wie die vierte Gewalt im Staate sei. Könnte er sicherlich. Aber nicht, wenn nur beschwichtigt wird und Pressemitteilungen wortwörtlich übernommen werden, anstatt selbst zu recherchieren. Dann braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass sich nichts bewegt. Im krassen Gegensatz zu den Kosten für sauberes Trinkwasser. „Da kommt demnächst ganz schön was auf uns zu!“, sagt der Wasserversorger aus Bad Rappenau. Und die Zeche zahlen wieder mal die Verbraucher – nicht die Verursacher.
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