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GesellschaftVon kostbarem Käse und bösen Bananen

Die Waren sind unverpackt, im Laden entscheiden die 300 Mitglieder, den Kaffeepreis bestimmt jede:r selbst. Seit zwei Jahren versucht sich der „Wandel.Handel“ im alternativen Wirtschaften.

Die Geschäftsführer:innen Fabian Stuhlinger und Johanna Nocke. Foto: Joachim E. Röttgers

Von Franziska Mayr

Dutzende Gläser sind in Reih und Glied aufgestellt, Stoffsäcke hängen an der Wand, auf jedem Edelstahlbehälter liegt eine eigene kleine Abwiegeschaufel. Alles ist säuberlich etikettiert. Was früher mal eine Apotheke war, ist heute ein Laden, der nicht nur schön anzusehen ist, sondern ein Beispiel dafür, wie alternatives Wirtschaften aussehen kann.

An der Ecke zwischen Wagenburgstraße und Kniebisstraße im Stuttgarter Osten lädt ein „kommt gerne rein!“-Schild an der Eingangstür in den Wandel.Handel ein, einem Unverpackt- und Mitglieder-Laden. Das heißt: Wer hier einkauft, bringt seine eigenen Tüten, Gläser und Behälter mit und füllt sich selbst die gewünschte Menge an Lebensmitteln ein. Und die rund 300 Mitglieder zahlen weniger. Doch Wandel.Handel ist neben dem Laden auch ein Café, bei dem die Kund:innen den Preis selbst bestimmen, sowie eine Bildungsplattform. Und das bereits seit über zwei Jahren.

„Der Laden ist die Praxis, das Café ist die Basis für den Austausch und die Bildungsplattform schafft die Impulse, die man braucht, um in Bewegung zu bleiben“, beschreibt das Geschäftsführerteam Johanna Nocke und Fabian Stuhlinger das Konzept.

Sie, eigentlich Farb- und Fassadengestalterin, und er, studierter Grafikdesigner, haben vor drei Jahren die Idee in den Raum geworfen, ein Nachbarschaftsprojekt zu starten. „Wir sehen uns mehr im Gestalten vom Miteinander als im Gestalten von schönen Oberflächen“, sagt Stuhlinger. Es ging nie um die reine Ladenidee, sondern um einen Ort, der einer Gemeinschaft gehört und wo Wissen geteilt wird: etwa in Workshops über Waschmittel oder Reisen mit dem Fahrrad. Oder direkt durch die Lebensmittel: Wer entscheidet sich für die schmutzigen Karotten, wenn es die sauberen für denselben Preis gibt? „Wenn Karotten, wie üblich, von großen Maschinen gewaschen und dabei durchgeschüttelt werden“, erklärt Stuhlinger, „entwickeln sie Bitterstoffe. Zudem halten die ungewaschenen länger.“

Gut 100 Mitglieder waren bald in Aussicht, bei einer Crowdfunding-Kampagne kamen fast 38.000 Euro zusammen. Die Kooperation mit Plattsalat, dem Dachverein, zu dem Wandel.Handel gemeinsam mit zwei weiteren Bioläden gehört, erleichterte die Aufbauphase.

Das Sortiment war anfangs deutlich kleiner. Wonach man im Laden vergeblich suchte: Bananen. „Die Banane ist ein Paradebeispiel dafür, wie der Kapitalismus zerstörerisch wirkt“, sagt Nocke. Die großen Supermarktketten kontrollieren den Preis für die krummen Dinger. Von den niedrigen Verkaufspreisen kommt nur ein kleiner Teil bei den Produzenten an, ein weiterer Bruchteil als Lohn bei den Arbeiter:innen.

Die vielen Rückmeldung, dass ihre Kund:innen die Bananen stattdessen irgendwo anders kauften und gleichzeitig mit den Bananen viele andere Dinge, die es im Wandel.Handel eigentlich auch gab, war ein Weckruf: „Das war ein guter Punkt, die Solidarität ins Gedächtnis zu rufen. Wir brauchen einander: Wenn der eine nicht einkauft und den Laden erhält, kann ich das auch nicht“, sagt die 39-jährige Geschäftsführerin. Deshalb gibt es heute im Laden Fair-Trade-Bananen. „Nur unverpackt, nur bio, nur regional geht nicht.“

Wie verpackt ist unverpackt?

Was es sonst noch braucht an Grundsortiment und wer die passenden Lieferanten dafür sind: Für solche Fragen ist die Sortimentsgruppe zuständig mit ihren fünf bis acht Mitgliedern. Einer davon ist Steffen Maisch. Der 44-Jährige ist von Anfang an dabei. Und schnell kam die Erkenntnis: Manche Dinge gibt‘s nicht unverpackt.

Etwa die Hartweizenpasta, die in fünf-Kilo-Plastiksäcken geliefert wird. Daneben gibt es auch positive Beispiele wie die Ölfässer von der Ölmühle Weinstadt, die vom Hersteller immer wieder aufgefüllt werden. Jede:r darf in den Lagerraum und sich die Produkte so verpackt ansehen, wie sie bei Wandel.Handel ankommen. Diese Transparenz sei ihnen wichtig.

Zurück im Laden. Auf den handgeschriebenen schwarzen Preisschildern stehen der entsprechende Produktname und jeweils zwei Preise. So gibt es Fruchtgummis für die einen für 1,40 Euro und für die anderen für 1,44 Euro, Pastinaken kosten 4,33 Euro oder eben 5,46 Euro. Für Mitglieder ist es günstiger, weil sie monatlich je nach Haushaltsgröße einen Beitrag bezahlen: 22 Euro für eine Person, 42 für zwei, 60 für drei und 76 für vier. Die Mitgliedsbeiträge decken nicht ganz die Hälfte der Fixkosten, sagt Stuhlinger. Deshalb müsste die andere Hälfte der Umsätze weiterhin über die Einkäufe generiert werden, indem zum Einkaufspreis plus Mehrwertsteuer eines Produkts ein 35-prozentiger Aufschlag dazukommt. Bei Nicht-Mitgliedern sind es 70 Prozent. „Im Einzelhandel wird mit Mischkalkulationen und psychologischen Preisen gearbeitet – etwa mit der Frage: Wo sind die Menschen bereit, mehr Geld auszugeben?“, sagt er. Aus diesem Grund sei Milch überall sehr günstig. „Doch der Bauer und der Laden verdienen daran gar nichts mehr.“

Das Problem mit den Beiträgen: „Der eine merkt die 22 Euro, die monatlich vom Konto weggehen, nicht mal. Für den anderen ist es hingegen richtig viel Geld“, sagt Stuhlinger. Deshalb erarbeitet ein Arbeitskreis derzeit ein Konzept, bei dem jede:r entsprechend dem eigenen Einkommen angemessen viel bezahlt. Für Menschen mit wenig Geld gibt es bereits reduzierte Beiträge oder sie sind beitragsbefreit. Dafür braucht es keine Einkommensbescheinigung, das geschieht alles auf Vertrauensbasis.

Im Laden ist es ruhig an diesem Donnerstagmittag. Sophie Haag sortiert eine frisch eingetrudelte Lieferung in die Holzregale: feste Rasierseife, Sheabutter und Deocreme. Die 26-Jährige ist eine der neun Festangestellten im Wandel.Handel – inklusive der beiden angestellten Geschäftsführer:innen. Haag mag ihren Job. „Für mich ist das so eine sinnstiftende Arbeit hier“, sagt sie. Das Gehalt sei das „einzige Manko“. Alle verdienen knapp über dem Mindestlohn. Als Zusatzleistung sind die Mitarbeitenden beitragsbefreit und bekommen auf die Mitgliederpreise zusätzliche 20 Prozent Rabatt.

Dass die Preise – egal ob Mitglied oder nicht – im Durchschnitt trotzdem weit über denen eines herkömmlichen Supermarkts liegen, ist den beiden Geschäftsführer:innen bewusst. Ihre Mitglieder reichen „vom Studenten bis zum Rentner“ und kommen aus sozial unterschiedlichen Verhältnissen, doch „vom unteren Ende“ nur wenige, sagt Stuhlinger. Bei einem ausgewogenen Einkauf komme man am Ende des Monats inklusive Mitgliedsbeitrag in etwa aufs Gleiche, wie wenn man im Biosupermarkt einkauft. „Haferflocken, Kartoffeln, Salz und alles, was man zum Kochen benötigt, ist bei uns sogar sehr günstig“, fügt Nocke hinzu.

Wer bereit ist, beim Mitgliedsbeitrag noch etwas draufzulegen, hat im Wandel.Handel die Möglichkeit, einen Caffè Sospeso zu verschenken. In der neapolitanischen Kultur ist der Caffè Sospeso ein geschenkter Kaffee. Im Wandel.Handel können Mitgliedsbeiträge verschenkt werden – wenn sie denn auch angenommen werden. „Wir hatten Probleme, diese gezahlten Beiträge loszuwerden“, sagt Stuhlinger. Die Scham überwiege und Wertschätzung funktioniere in unserer Gesellschaft oft nur durch Geld.

Vom „Fair-Teiler“ im Raum zwischen Laden und Lagerraum, wo überschüssige Lebensmittel abgegeben werden, kann sich hingegen jede:r kostenlos bedienen – hier gilt das Foodsharing-Prinzip. Das fällt den meisten sichtlich leichter, der Foodsharing-Kühlschrank ist bis auf einen kleinen Salatkopf völlig leer. Und unabhängig davon, ob jemand mit selbst gekauften oder geretteten Lebensmitteln den Wandel.Handel verlässt, gehen „hier die Menschen nicht nur mit einem vollen Einkaufskorb raus, sondern aufgeladen mit Geschichten und Impulsen“, sagt Nocke. „Das ist auch Nahrung.“

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