Geschichte der Popkultur: Tanzende Karlsquell-Dosen

Das Osnabrücker Museum Industriekultur und das Tuchmacher Museum in Bramsche zeigen 60 Jahre Musik und Modegeschichte in einer Ausstellung.

Bis vor kurzem noch als verlängerter Disco-Eingang in Betrieb: der Bus der "Kleinen Freiheit". Bild: Simone Schnase

BREMEN taz | Das erinnert alles stark an das Rock’n’Pop-Museum in Gronau: Klamotten, Konzertplakate, Gitarren, Verstärker, Musicboxen, Fotos, Zeitungsartikel, Filme, Hörstationen. Aber die Doppelausstellung „The Beat Goes On“ hat den Vorteil, lokal angelegt zu sein. Und das erst macht sie spannend, denn Osnabrück mit seinen 160.000 EinwohnerInnen ist Terra incognita, die ländliche Gegend drumrum sowieso. Das hier ist nicht die Wiege von Weltstars, und genau das macht die Ausstellung greifbarer als das Gronauer Museum, das Markenzeichen berühmter und internationaler Größen aus der Welt der Popmusik und Jugendkultur wie Trophäen sammelt.

„Wir wollten die Ausstellung ganz bewusst als Teil der Osnabrücker Kulturgeschichte anlegen“, sagt Harald Keller, Kurator von „The Beat Goes On – Der Sound“ im Museum für Industriekultur, dem größeren der beiden Ausstellungs-Teile. Die Vorarbeit dazu haben Keller und sein Mitstreiter Reiner Wolf, der „The Beat Goes On – Der Style“ im Tuchmacher-Museum der benachbarten Gemeinde Bramsche konzipiert hat, in Form ihres Buchs bereits vor knapp zwei Jahren vorgelegt: „Hyde Park Memories – Ein Osnabrücker Musikclub und seine Geschichte“.

Das und auch ihre „Hyde-Park-Multimedia-Revues“ – abendfüllende Shows mit Lesung, Musik, Filmvorführung und Vortrag – waren jedoch nichts für Menschen, die diese legendäre Diskothek und Konzerthalle nicht erlebt haben. Anfang der 1980er Jahre war sie Schauplatz von Straßenschlachten, über die die Tagesschau und die Bild berichteten. Hier tobten sich die Punks aus. Heute ist der Hyde Park ein Tanzschuppen wie viele andere.

Natürlich ist er Bestandteil der Ausstellung, für die man aber nicht verhaftet sein muss in den lokalen Auswüchsen der Jugendkultur. Ein bisschen Orientierung in Osnabrück schadet freilich nicht – zumindest macht es mehr Spaß, wenn man die aus heutiger Sicht piefigen Räume der „Blumenhalle“ kennt, in denen in den 1950ern und 1960ern wilde Jazz und Beat-Jamborees veranstaltet wurden, oder wenn man vor Augen hat, wo einmal der Ocambo Club war, nämlich am Haarmannsbrunnen, wo es heute Osnabrücks einziges China-Restaurant gibt, das auch Pommes auf der Speisekarte hat.

Aber so ist das ja immer, wenn Lokalgeschichte gezeigt wird. Und dass der Ocambo Club Deutschlands erste Diskothek war und nicht, wie fälschlicherweise behauptet, der Scotch-Club in Aachen, das ist auch für die Unkundigen interessant. Diese Aachener Jockey-Tanz-Bar eröffnete nämlich erst im Oktober 1959, der Ocambo Club schon ein halbes Jahr früher. Und Osnabrücks erstes Fanzine, Boris Karloffs Skalp, ist ohnehin bis heute weit über die Landkreisgrenzen bekannt.

Oder Udo Lindenberg: Ein Foto zeigt einen kurzhaarigen und hutlosen Milchbubi als Schlagzeuger einer Jazzband Ende der 1950er Jahre. Damals stand er in Osnabrück auf der Bühne und wurde in der Lokalpresse gelobt: „Die ,Old-Time Jazzband-Gronau‘ brachte mit ihrem 12-jährigen Schlagzeuger Udo ,Matz‘ Lindenberg eine echte Attraktion mit. Sein fleißiges Spiel, seine geschickt eingeflochtenen Breaks riefen immer wieder anerkennendes Schmunzeln im Parkett hervor.“

Überhaupt: In der Osnabrücker Live-Musik-Szene dominierten in den 1950er Jahren Jazz-Bands, an jeder Straßenecke und in jedem Club wurde Jazz gespielt. Anders war’s beim Rock’n’Roll: Der wurde höchstens von „Halbstarken“ veranstaltet, die sich auf dem Jahrmarkt trafen und denen das Osnabrücker Tageblatt „unzüchtige Handlungen“ vorwarf. 800 Jugendliche demonstrierten damals gegen die Schließung der „Raupe“, die wegen verbotener Knutschereien von der Polizei angeordnet worden war.

Erst der Beat brachte wieder lokale Bands hervor. „Wie Pilze schossen die aus dem Boden“, erzählt Harald Keller: The Lord, The Dynamites, The Heartbeats, The Javellins – und mit ihnen verwandelten sich die Jazz-Clubs in Beat-Clubs. Die Halle Gartlage, heute noch immer Konzerthalle, der Club 99, der Beat-Band-Club Gondel in der Gaststätte Wellmann in Lotte und natürlich das Haus der Jugend, damals wie heute das einzige Jugendzentrum mitten in der Stadt.

Dort wurde zum „Jugendtanz“ geladen, dort fanden bereits 1965 lokale Band-Contests statt und dort war die Heimat des Jugendtanzorchesters, der ersten Tanz-Big-Band Osnabrücks. Die tritt noch heute auf, immer noch vor vollem Haus und gern mit jungen GastmusikerInnen der aktuellen Musikszene.

Sechzig Jahre Jugendkultur zeigt die Ausstellung. „Sie ist ganz bewusst nicht nostalgisch eingefärbt“, sagt Keller. Das gelingt, indem der Gegenwart ebenso viel Platz eingeräumt wird wie den Anfängen, der Zeit der Folk-Festivals, dem Punk, den autonomen Jugendzentren oder der Entstehung von Großraumdiskotheken. Nicht ohne Grund empfängt die BesucherInnen bereits vorm Industriemuseum der Bus, der noch bis vor anderthalb Jahren der verlängerte Eingang des Clubs „Kleine Freiheit“ am alten Güterbahnhof war.

Den Club gibt’s noch, der Bus musste auf Weisung des neuen Gelände-Eigentümers weg – der Anfang eines Konflikts, der für Aufbegehren bis hinein ins Rathaus sorgt: Eigentümer des Güterbahnhof-Areals, auf dem sich neben der Kleinen Freiheit weitere Clubs, Ateliers und Band-Probe-Räume befinden, ist die Zion GmbH, Teil einer freikirchlichen Gemeinde, die dort für „Ordnung“ sorgen will und deren Geschäftsführer vor wenigen Wochen öffentlich Homosexualität als Sünde bezeichnete – die taz berichtete.

Der zweite Teil der Ausstellung ist im Tuchmacher Museum perfekt angesiedelt, denn er behandelt den Aspekt der Kleidung in der Jugendkultur – aber: Musik ist das Kernthema beider Ausstellungen. Das kann auch gar nicht anders funktionieren, denn sie ist und bleibt wichtigster Bestandteil jugendlicher oder besser popkultureller Identifikation, und wird als Bekenntnis nach außen getragen, je nach Szene mit Hoodies, Turnschuhen, Springerstiefeln oder Doc Martens, Patchwork-Hosen, engen, weiten oder karottigen Jeans, Hawaii-Hemden oder Miniröcken, „Turbojugend“-Westen oder Lederjacken. Auch die Lederjacke, die Erich Honecker einst von Udo Lindenberg geschenkt bekommen hat, ist zu sehen. „Original-Klamotten von Leuten aus der Region zu bekommen, vor allem aus den 50er und 60er Jahren, das war schon eine Herausforderung“, sagt Kurator Reiner Wolf.

Die Hosen des Osnabrücker Künstlers Monke bilden eine Ausnahme von all den identitätsstiftenden Plünnen, die teils Jugendmode-Massenware, teils Kleinode sind. Neben einer bodenlangen, aus hunderten von Aufnähern zusammengehaltenen Kutte sind sie die interessantesten Exponate der „Style“-Ausstellung, denn sie transportieren das Gegenteil, nämlich die Weigerung, einer auch nur irgendwie definierbaren „Szene“ zugeordnet zu werden. Selbst genäht und bemalt mit Schweinekopf, Gehirn, Darm-Gewinden und allerlei anderen Innereien, versehen mit einem kleinen Motor und einem LED-Lauflicht oder mit langen, fingerähnlichen Silikon-Noppen, sind sie in ihrer Einzigartigkeit heute genauso spektakulär wie vor über fünfundzwanzig Jahren. Und wer Monke, der sagt, er sei damals „einfach irgendwie sauer“ gewesen, zu jener Zeit gekannt oder auch nur erlebt hat, der erinnert sich mit Begeisterung daran, wie er, scheinbar ohne Grund, in seiner Lampen-Hose den elektrischen Reiter gemimt und sich schreiend auf den Boden geworfen hat.

Übrigens gibt’s auch im Industriemuseum einen Monke aus den 1980er Jahren zu sehen: zwei Karlsquell-Bier-Dosen tanzen da in einer Art Aquarium umeinander. Titel des Werks: „The Beat Goes On“.

The Beat Goes On – Der Sound: bis 6. 10., Museum Industriekultur Osnabrück

The Beat Goes On – Der Style: bis 8. 9., Tuchmacher-Museum Bramsche

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de