Gehörloser Politiker über seinen Hungerstreik: „Ich muss nicht bemitleidet werden“

Um Inklusion zu ermöglichen, müssen Barrieren abgebaut werden. Derzeit bezahlen gehörlose Menschen ihre Dol­met­sche­r:in­nen aber selbst, kritisiert Steffen Helbing.

Im Vordergrund ist ein Mann mit blauer Mütze und blauer Jacke zu sehen. Im Hintergrund stehen an einer gläsernen Wand die Worte "Hungerstreik" geschrieben.

Hungern für mehr Inklusion: Steffen Helbing hat die Schnauze voll von leeren Versprechungen Foto: dpa/Christophe Gateau

Steffen Helbing ist Politiker der CDU und setzt sich als Gehörloser und Rollstuhlfahrer für die Belange von Behinderten ein. Seit elf Tagen sitzt er mit blauer Mütze und bunter Decke auf dem Schoß vor dem Bun­des­kanz­le­r:in­nen­amt im Hungerstreik.

taz: Herr Helbing, Sie sind seit eineinhalb Wochen im Hungerstreik. Wie fühlen Sie sich?

Steffen Helbing: Eine Zeit lang war es nicht so schlimm, doch mittlerweile bin ich ziemlich schwach und mein Kopf ist vernebelt. Ich merke jetzt, dass ich schneller friere und mir schwindelig wird. Ich muss mich anstrengen, um mich zu konzentrieren. Aber meine Frau ist dabei, sie schaut nach mir und macht mir Tee. Trotzdem ist es hart. Es ist schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe.

Wie lange wollen Sie denn noch im Hungerstreik bleiben?

ist ein gehörloser und rollstuhlfahrender CDU-Politiker. Er setzt sich seit 16 Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderung ein. Seine Schwerpunkte sind Inklusion und Barrierefreiheit.

Vier Wochen. Ich würde natürlich früher aufhören, wenn die Politiker mit mir das Gespräch suchen. Wenn ich sehe, dass sie mir Aufmerksamkeit widmen und meine Belange ernst nehmen.

Mit wem wollen Sie sprechen?

Ich möchte gerne mit Olaf Scholz sprechen. Außerdem mit den Verantwortlichen der Ampelkoalition, weil sie derzeit das Programm für die Zukunft verhandeln. Mein Ziel ist es, von Anfang an in der neuen Regierung meine Belange in den Gesetzen zu verankern.

Um welche konkreten Belange handelt es sich hier?

Ich möchte, dass uns politische Teilhabe ermöglicht wird. Und das geht nur, wenn wir bundesweit einheitlich Gehörlosengeld bekommen. Aktuell handhaben es die Bundesländer selbst, und nur fünf Bundesländer gewähren dies überhaupt. Dabei sind Dolmetscherkosten sehr hoch. Mit einem einheitlichen Gehörlosengeld könnten wir die Dolmetscher bezahlen und mehr am demokratischen und sozialen Leben teilnehmen.

Wie handhaben es denn gehörlose Menschen aktuell?

Ich zum Beispiel bin seit 16 Jahren ehrenamtlich politisch aktiv und habe meine Dolmetscher immer aus eigener Tasche bezahlt. Das ist teuer! Und es widerspricht auch politischen Wertevorstellungen. Wenn eine Minderheit repräsentiert und am politischen Prozess teilnehmen können soll, sollte man auch diese Barrieren aufheben. Dasselbe trifft auch auf die Kultur zu. Wenn zum Beispiel ein gehörloser Mensch nicht nur Konsument sein, sondern die Kunst selbst kreativ mitgestalten möchte, geht das in der Regel gar nicht, denn für Gehörlose ist Kultur praktisch nicht vorgesehen. Die Dolmetscher müssen wir selbst mitbringen und selbst bezahlen. Wir haben eine riesige Gruppe von gehörlosen Menschen mit Wahnsinns-Potenzial, aber sie können nicht mitmachen, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen.

Also wäre das Problem mit der Begleitung von Dol­met­sche­r:in­nen gelöst?

Nein, wir brauchen keine Begleiter, und Dolmetscher sind auch keine Begleiter, sondern eine Dienstleistung. Wir wollen selbstbestimmt und ohne bürokratischen Aufwand diese Dienstleistung in Anspruch nehmen können, und dabei selbst entscheiden, wofür und wann wir es brauchen.

Wie viel kosten denn Dolmetscher:innen?

Für eine Stunde zahlen wir 85 Euro, dazu kommen noch die Fahrtkosten, die genauso hoch sind. Für meine ehrenamtliche politische Tätigkeit bezahle ich im Monat 2.000 Euro allein fürs Dolmetschen. Menschen, die sich das nicht leisten können, haben also keine Möglichkeit, sich politisch einzubringen.

Wie reagieren Ihre Po­li­ti­ker­kol­le­g:in­nen auf Ihre Forderungen?

Ich habe mit vielen darüber gesprochen, aber die meisten nehmen die Probleme nur oberflächlich wahr. Viele denken dann, Inklusion, ist doch klar, haben wir doch schon. Gleichzeitig wollen sie nicht mehr darüber wissen, denn so eine Ignoranz schützt einen ja auch. Für eine Grundlage der Empathie reicht es also nicht, und das ist eine riesige Enttäuschung. Inklusion sollte wechselseitig sein, momentan gehe aber nur ich auf die Leute zu.

Hat sich seit Beginn Ihres Hungerstreiks schon jemand aus der Politik bei Ihnen gemeldet?

Nicht öffentlich. Ich bekomme aber privat Nachrichten, dass ich bitte aufhören soll. Einer schrieb mir sogar, dass es das Sahnehäubchen sei, wenn ich mit dem Rettungswagen abgeholt werde. Gleichzeitig zeigt es mir aber, dass eine gewisse Aufmerksamkeit dann doch da ist. Dabei handelt es sich ja nicht nur um meine Geschichte, sondern um die Belange aller gehörlosen Menschen in Deutschland. Darunter gibt es auch Professoren und Menschen mit einem Doktortitel, und ich bin stolz, dass wir diese Menschen als Vorbilder haben. Ich möchte, dass sich die junge Generation nicht mehr Sprüche anhören muss wie „du armer Gehörloser“, denn wir müssen nicht bemitleidet werden. Solange wir die Gebärdensprache haben, können wir kommunizieren und jeden Beruf ergreifen. Das kann aber nur ermöglicht werden, wenn sich die Gebärdensprache wie selbstverständlich in der Gesellschaft entfaltet hat und zum Teil des gesellschaftlichen Lebens wird.

Wieso wählen Sie dann aber die Methode Hungerstreik, wenn doch die Fridays for Future-Ak­ti­vis­t:in­nen bereits vor einem Monat in den Hungerstreik getreten waren und dabei von der Politik komplett ignoriert wurden?

Das ist reiner Zufall. Mein Streik hat mit dem Hungerstreik von FFF nichts zu tun, ich hatte schon vor zwei Jahren vorgehabt, ihn durchzuführen. Damals wurde ich aber von außen umgestimmt.

Was wollen Sie als erstes essen, sobald Sie den Streik beendet haben?

Eine Mohrrübensuppe wäre schön.

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