Geflüchtete fürchten Ansteckung: Auf der Flucht vor Corona

Geflüchtete demonstrierten in Hamburg gegen die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften. Die Stadt hat neue Kapazitäten für Erkrankte geschaffen.

Menschen sitzen in großem Abstand auf den Treppen an der Binnenalster

Ein prominenter Ort zum demonstrieren: Jungfernstieg Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Gut sichtbar, im Herzen der Hamburger Innenstadt haben sie sich versammelt: Bewohner*innen einer Geflüchtetenunterkunft in Bahrenfeld, wo bereits eine Corona-Infektion bestätigt wurde, demonstrierten am Donnerstagabend am Jungfernstieg, um eine Schließung von Gemeinschaftsunterkünften zu fordern. Weil sich nach Angaben der Geflüchteten oft mehr als zwanzig Menschen Küche und Sanitäranlagen teilen müssen, fürchten sie eine Ansteckung.

Mit Unterstützung des Hamburger Flüchtlingsrats und des Café Exil, einer Beratungsstelle für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, hatten die Geflüchteten auf offiziellem Wege eine Versammlung angemeldet, nachdem sie vergangene Woche spontan vor ihrer Unterkunft demonstriert hatten. Die unangemeldete Versammlung war von der Polizei aufgelöst worden. Jetzt dürfen sie auf dem Flaggenplatz ihre Kundgebung mit 50 Menschen durchführen.

Auf dem Jungfernstieg sind an dem sonnigen Nachmittag für Coronazeiten viele Menschen unterwegs, die um die Alster spazieren oder in den wiedereröffneten Läden shoppen. Einige bleiben kurz stehen und lesen die Plakate der Demonstrierenden, die hinter einem Absperrband auf markierten Positionen stehen.

„Meine Eltern sind krank. Ich mache mir Sorgen um ihr Leben“ steht auf einem der Plakate. Der Junge, der es hochhält, ist vielleicht zwölf Jahre alt. Die Beiträge auf der Kundgebung werden aus verschiedenen Sprachen ins Deutsche übersetzt.

Polizei wegen Plakatemalens gerufen

Rosa S. erzählt, dass sie am Nachmittag mit ihrem Mann und ihrem Sohn Transparente für die Demo im Innenhof der Unterkunft gemalt habe. Der Leiter der Unterkunft des städtischen Betreibers Fördern und Wohnen habe daraufhin ohne Vorwarnung die Polizei gerufen. Die Beamten seien jedoch wieder gegangen, als sich herausstellte, dass sich die Familie auf eine angemeldete Versammlung vorbereitet.

„Den Sozialmanager haben wir danach nicht mehr gesehen“, sagt Rosa S. Die Polizei habe sie sehr verunsichert. „Wir hatten Angst! Dabei haben wir doch nichts Verbotenes gemacht“, schildert sie. Sie wolle lediglich sich und ihre Familie schützen.

Die Sozialbehörde hat an der Horner Rennbahn eine Jugendherberge angemietet, um Erkrankte aus öffentlichen Gemeinschaftsunterkünften bei Bedarf isolieren und versorgen zu können. 60 Menschen können dort untergebracht werden. Wenn nötig, seien „Reservekapazitäten“ verfügbar, sagt Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde.

Doch dies reicht den Betroffenen nicht aus. Sie fordern die Umverteilung auf leer stehende Wohnungen und Hotelzimmer, um die Isolierung insbesondere von Menschen aus Risikogruppen zu ermöglichen. „Wir fordern, dass die Stadt endlich handelt“, sagt ein Sprecher des Flüchtlingsrates. Geflüchtete seien doppelt bestraft, weil sie über lange Zeiträume in Heimen leben müssten „und dies nun auch noch in Furcht und Angst“.

Nach etwa zwei Stunden wird es leerer am Jungfernstieg. Nur noch wenige Aktivist*innen, Interessierte und Geflüchtete tauschen sich aus, vernetzen sich und packen die Transparente ein. Dann gehen sie getrennte Wege. Die einen nach Hause, die anderen zurück in die Unsicherheit.

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