■ Gastkommentar: Rassismus und Geschlechterfrage: Grenzüberschreitungen
Als Helmuth Plessner zu Beginn der zwanziger Jahre seine Schrift über die „Grenzen der Gemeinschaft“ verfaßte, wies er auf die gewalttätige Dimension von Gemeinschaftsbildung hin: „Radikalismus heißt Vernichtung der gegebenen Wirklichkeit zuliebe der Idee.“ Hannah Arendt hat fast 25 Jahre nach Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ in ihrem Buch über den Totalitarismus ebenfalls von einer Gewalt gesprochen, die die Wirklichkeit den Gesetzen des Blutes oder denen der Geschichte anpaßte. Die täglichen und nächtlichen Verbrechen gegen Fremde in Deutschland sind Gemeinschaftsbildungen dieser Art. Es sind tödliche Unternehmungen, sich als „Deutsche“ zu vergewissern.
Als in Thale im Landkreis Quedlinburg neulich Jugendliche ein Asylbewerberheim erst mit Leuchtraketen beschossen, dann ins Innere eindrangen, dort das Mobiliar zertrümmerten, schließlich die BewohnerInnen prügelten und mit Schreckschußpistolen „beschossen“, taten sie etwas Ungeheuerliches: Sie versuchten, drei vietnamesische Frauen zu vergewaltigen; davon konnte sie die Polizei gerade noch abhalten. Das Entsetzen über dieses Verbrechen bezog sich auf die Tatsache, daß zwei Mädchen dabei zuschauten, weniger auf den Schrecken, den es für die vietnamesischen Frauen bedeutete.
Die Verbrechen, sozusagen „aus Langeweile“ begangen, wie die Jugendlichen aus Thale zu berichten haben, lassen sich als Versuch beschreiben, Fremdes gewalttätig aufzuheben. Das Geschlecht spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Die Teilnahme von Mädchen und Frauen im organisierten Rahmen des Rechtsradikalismus ist zwar immer noch zu zwei Dritteln geringer als die der Männer. Doch über das weibliche Geschlecht werden Grenzen zwischen Minderheiten und Mehrheiten gezogen und damit Zugehörigkeiten markiert. Aussagen von Mädchen und Jungen über Nationalismus und Rassismus etwa zeigen, daß die Bedrohungsphantasmen über den Fremden in Geschichten erzählt werden, in denen die „eigenen“ Mädchen und Frauen sexuell bedroht werden. Rechtsradikalismus und Rassismus sind somit Versuche, Gemeinschaft herzustellen, und sie orientieren sich an Vergangenheit/Herkunft und damit an dem Körper der Gemeinschaft.
Die Sekundäranalysen der Berichte über Jugendgangs und Skins zeigen, wie versucht wird, den sozialen Möglichkeitshorizont über das weibliche Geschlecht und den Fremden zu schließen. Das Totalisierende hieran impliziert immer ein Gewaltmoment, nämlich Fremdheit durch Gewalt aufzuheben. Die Faszination für rechte Rockmusik gibt auch Auskunft über die geschlechtlich konnotierte Gewalt. Wenn türkische Jungengangs wiederum sagen: „Die Nazis waren gestern da und haben unseren Frauen die Kopftücher abgerissen, los Jungs, wir ficken zurück“, dann kündigt sich auch hier der Versuch an, die Labilität der eigenen Gemeinschaft über die Verletzungsmacht gegenüber dem weiblichen Geschlecht der fremden Gruppe zu festigen.
Entgegen der Annahme vom Verschwinden des Geschlechterunterschiedes zeigt sich beim Rassismus, daß der Geschlechterunterschied für gewalttätige Grenzziehung zwischen Mehrheiten und Minderheiten relevant ist. Dies impliziert, daß Frauen der Mehrheit sehr wohl ein Interesse an rassistischen Handlungsweisen haben können, um ihren Status als Angehörige der Mehrheit zu festigen. Schließlich ist Gewalt als Mechanismus von Männern gegenüber Frauen, aber auch innerhalb der Mehrheits- und Minderheitskultur präsent. Die Existenz der alltäglichen Verletzungsmacht gegenüber Frauen und die Gewalt des Rassismus sind politisch zur Kenntnis zu nehmen. Entgegen der pädagogischen Nachsicht und polizeilichen Enthaltsamkeit muß diese Verbindungslinie ebenso in den Blick geraten wie die zwischen der politischen Mitte und dem radikalen Rand. Andernfalls – um mit Hannah Arendt zu sprechen – zerfällt die Macht, nämlich unsere Möglichkeit zu handeln, immer mehr, und der Gewalt wird Tür und Tor geöffnet. Theresa Wobbe
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