GASTKOMMENTAR: Paradox
■ Osteuropa fordert am lautesten den militärischen Verbleib der USA auf dem Kontinent
Daß der Maastrichter Gipfel hinter den in ihn gesetzten Erwartungen zurückblieb, war in einem Punkt sicher zu seinem Besten: Wenn sich die Westeuropäer nämlich zu einer größeren Selbständigkeit in der Verteidigungspolitik entschlossen hätten, so würden sie dies möglicherweise schon bald sehr bedauern. Daß dies nicht geschah, ist den lauten Tönen, die aus dem sich auflösenden sowjetischen Imperium bis nach Maastricht herüberdrangen, zu „verdanken“. Jede weitere Stärkung der Selbständigkeit der europäischen Verteidigung bedeutet eine Schwächung der Nato. Die Nato jedoch ist nichts anderes als Metapher für die Beziehungen zwischen Europa und Amerika. Das Zurückdrängen der Allianz würde zwar die Beziehungen zwischen Europa und den USA nicht allzusehr abkühlen. Letztere würden sich jedoch — möglicherweise gegen ihren eigenen Willen — hinter den Atlantik zurückziehen.
Selbst wenn das Weiße Haus gern in Europa bleiben möchte, könnte es möglicherweise dem Druck der ständig stärker werdenden amerikanischen Isolationisten nicht widerstehen. Diese könnten aus finanziellen Gründen und verletzter Eitelkeit die militärische Emanzipation des alten Kontinents als Undank und Signal zum Abschied zugleich verstehen. Während das aus der sowjetischen Drohung befreite Europa plötzlich über die amerikanische Dominanz murrt, sind die USA der Ansicht, daß sie für den Schutz Europas zu viel opfern. Deshalb möchten sie vom anderen Ufer des Atlantik immer wieder hören, wie unersetzlich sie sind. Statt dessen erhalten sie jedoch doppelzüngige Informationen: Einerseits will Europa eine starke Nato, andererseits will sie sie durch ihre eigene Verteidigungspolitik überflüssig machen. In diesem Kontext entsteht der verwirrende Eindruck, das auf die Treue der Nato setzende Westeuropa sehe in Wirklichkeit den Gipfel seiner Emanzipation in der Beendigung der militärischen Präsenz der USA.
Paradox ist, daß die Staaten Osteuropas am lautesten den Verbleib der Amerikaner in Europa fordern. Sie wissen warum, denn sie sind die Nachbarn des sich krümmenden sowjetischen Kolosses. Die Sowjetunion stellt zwar keine Bedrohung mehr dar, hat sich jedoch in ein potentielles Risiko verwandelt. Ob gemeinsam oder getrennt, die sowjetischen Republiken mit ihren Atomwaffen bilden eine Macht, mit der sich nur die Amerikaner messen können. Die USA gewannen den Kalten Krieg. Sie sollten sich nicht zurückziehen, solange der Frieden, der danach begann, nicht aufhört, voller Unwägbarkeiten zu sein. Milan Vodicka
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