: Fündig werden sie in der Wirklichkeit
Was wissen wir schon über chinesische Kunst? Die Schau „The China Moment“ im Kasseler Kunstverein spiegelt Chinas spannungsreichen Weg in die Gegenwart
Von Bernhard Schulz
Im Mai 1997 erging an einhundert chinesische Künstler die Einladung, parallel zur anstehenden documenta X an einer Ausstellung chinesischer Kunst teilzunehmen. Das Schreiben unter offiziellem documenta-Briefkopf war unterzeichnet von einem Kurator namens Ielnay Oahgnoh. Bitte wer? Manche durchschauten den Scherz, andere nicht – und reagierten verärgert, als der Schwindel aufflog.
Yan Lei und Hong Hao, beide Anfang Dreißig, hatten sich die Einladung ausgedacht und an die Künstlerkollegen adressiert. Sie legten damit bloß, wie groß das Bedürfnis war, an der documenta als vermeintlicher Drehscheibe des Weltkunstgeschehens teilzunehmen. Das war 1997 noch nicht selbstverständlich. Die documenta diente als Symbol des Ausbruchs aus nationaler und provinzieller Enge.
Fünfzehn Jahre später wurde Yan Lei tatsächlich zur documenta-Teilnahme eingeladen; eine hübsche Ironie der Geschichte. Sie ist vermerkt im Katalog der Ausstellung „The China Moment. Contextualizing Individualism in Chinese Contemporary Art“, mit der das documenta Institut im Fridericianum erstmals an die Öffentlichkeit tritt. Die von den Kurator:innen Mi You, Su Wei und Anna-Lisa Scherfose erarbeitete Ausstellung samt begleitendem, Katalog hat sich damit gleich ein denkbar schweres Thema gewählt, denn: Was wissen wir schon über chinesische Kunst?
Die Frage geht tatsächlich weit tiefer; denn was wissen wir schon über die chinesische Geschichte der jüngeren Zeit? Es die Geschichte des atemberaubenden Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des politischen Systems, das heißt, der ungeschmälerten Vorherrschaft der kommunistischen Partei und ihres allmächtigen Vorsitzenden.
Chinas Weg in die Gegenwart unterscheidet sich grundlegend von den Wegen anderer Länder, worauf Institutsdirektor Heinz Bude im Katalog hinweist. Auch im Bereich der Kunst: Denn so etwas wie „zeitgenössische Kunst“ gab es im Land der jahrhundertealten Akademien nicht. Sie entstand erst mit dem von Deng Xiaoping im Jahr 1979 losgetretenen Wandel. Im Westen wuchs fortan das Interesse. Doch inzwischen scheint der „China Moment“ schon wieder vorbei, wie die Ko-Kuratorin und Kasseler Professorin Mi You, Autorin der Monografie „Art in a Multipolar World“, anmerkt.
Die Ausstellung, die sich als Forschungsprojekt versteht, stellt unterschiedliche Formen des Individualismus zur Diskussion „Individualismus als Reaktion“ ist das erste Kapitel überschrieben, und es beginnt mit dem tragischen Schicksal von Daton Dazhang. „I saw Death“ von 1998 ist ein fotografisches Selbstporträt mit bohrendem Blick. Die wiederholte Beschäftigung mit dem Tod führte schließlich zum Selbstmord Anfang 2000, im Katalog als „Wendepunkt“ für die Kunstszene bezeichnet.
Lu Jie und Qiu Zhjie unternahmen wenig später eine Art Reenactment des legendären „Langen Marsches“ des Vorsitzenden Mao, indem sie dessen Weg mit Künstlern und lokalen Bewohnern nachstellten – und der Figur eines Babys aus Kunststoff, die immer mitgetragen und auf den Fotografien von Jhiang Jie festgehalten ist; eine Reise durch Ort, Zeit und Veränderung. Provokativer ist Wang Guangyi, der sich in der Serie „Cold War Aesthetics“ von 2007 mit den spezifischen Formen militärischer Propaganda der Mao-Zeit auseinandersetzt.
Es fällt auf, wie stark die in Kassel gezeigten Künstler ihrerseits Feldforschung betreiben und die vorgefundene Wirklichkeit dokumentieren. Fotografie und Video sind die gebotenen Mittel. Erst im zweiten Kapitel, „Individualismus als Partizipation“, findet sich Malerei, bei Hang Hao & Yan Lei – den Urhebern der documenta-Schwindeleinladung! – in Gestalt eines Monumentalgemäldes als gemalter Collage, angesiedelt rings um eine Tankstelle des Ölkonzerns „Sinopec“ im Schneetreiben („Snow Bull“, 2009).
In einer Ecke der Kasseler Ausstellung überrascht dann eine grün patinierte Bronzeskulptur: ein Sitzfigur, die auf einem der Weidekörbe ausruht, in denen in Naturalform die Pacht abzuliefern ist. „Der Hof des Pachteintreibers“ heißt die 114 lebensgroße Tonfiguren umfassende Szene, die, 1965 kurz vor der Kulturrevolution geschaffen und vorgestellt, durch Maos Ehefrau Jiang Qing zum Modell des sozialistischen Realismus erklärt und landauf, landab vorgeführt wurde.
Harald Szeemann wollte das Figurenensemble auf seiner legendären documenta 5 von 1972 vorstellen, was nicht gelang; erst 1999 konnte in Venedig zumindest eine Nachbildung gezeigt werden (und erhielt prompt den Goldenen Löwen).
Es ist nicht zuletzt das nach Kassel als Gastgeschenk gelangte Bronzefigürchen, an dem sich der Abstand der post-kommunistischen Kunst ermessen lässt. Und nicht größer könnte der Abstand zum Kollektivismus sein, den der namenlose Mann in Wang Bings anderthalbstündigem Video „Man with no Name“ von 2009 hält, ein Mann allein in einem ortlosen Land, mit dem puren Überleben beschäftigt, ohne Kontakt zu irgendwelchen Dritten – „Individualismus in der Gestalt stillen Widerstands“, wie der Katalog dazu anmerkt.
25 Positionen werden gezeigt, von einzelnen Künstlern bis hin zu Kollektiven. Was der Betrachter an ihnen erkennen kann, ist der Abstand zur westlich globalisierten Kunstszene. China, einmal mehr kommt es zu Bewusstsein, ist ein eigener Kontinent.
„The China Moment“. Kasseler Kunstverein, bis 22. März. Katalog (Hatje Cantz): 34 Euro.
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