Friedrich Merz alkoholfrei: Der Disziplinator
Fehlende Arbeitsmoral will Kanzler Merz gerade der CDU nicht vorwerfen lassen. Für deren Parteitag lautet das Credo folglich: Gefeiert wird später!
K urz vor Beginn des CDU-Parteitags in Stuttgart sandte die Parteizentrale laut Tagesspiegel eine E-Mail an die sich dort präsentierenden Unternehmen. „Auf Entscheidung des Parteivorsitzenden hin“ müsse man den Zeitplan für den Ausschank alkoholischer Getränke an die Delegierten am Freitagabend „leider kurzfristig anpassen“.
Um das ehrgeizige Programm der Antragsberatungen erfolgreich und pünktlich abzuschließen, sei es „essenziell, dass die Delegierten bis zum Sitzungsende im Plenarsaal verbleiben“. Damit das auch wirklich klappt, sollen die Aussteller erst nach der Sitzung Bier, Wein und Hochprozentiges servieren.
Das Antragsheft des Parteitags umfasst knapp 450 Seiten. Unter anderem sollen die Delegierten über Wohnungspolitik, ein Social-Media-Verbot für Minderjährige, die Wehrpflicht, Teilzeitarbeit, Europas Außengrenzen, die Klimaneutralität und eine Wahlrechtsänderung beraten.
Der Kanzler ist nicht zu beneiden. Außenpolitisch brennt die Luft, die internationale Ordnung ist in tektonische Bewegung geraten. Koalitionspartner SPD will sich links profilieren, die eigene Partei ringt mit sich selbst. Die Wirtschaftsliberalen wollen harte Reformen, der Arbeitnehmerflügel ist vom Vorwurf der „Lifestyle-Teilzeit“ entnervt, die Konservativen fordern ein schärferes Profil, die Mitte will eine Christdemokratie, „der man das ‚C‘ nicht nur in Sonntagsreden anmerkt“.
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Angesichts dieser Gemengelage vor den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zeigte Merz nun klare Kante. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Es ist ein Signal an Partei und Gesellschaft: Erstens gibt es viel zu tun, zweitens ist uns das bewusst, drittens werden wir Ergebnisse liefern. So inszeniert sich Merz als Disziplinator, der seinen Laden im Griff hat: Jetzt wird in die Hände gespuckt, gefeiert wird später.
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