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Frei hinter Mauern

Der Lauf für Gefangene bietet Berlins Inhaftierten die Chance, sich sportlich zu messen. Gerade das Unspektakuläre am Rennen ist das Besondere für sie

Aus Berlin Philipp Lautenschläger

Um 14 Uhr fällt der Startschuss. Sofort setzten sich zwei Läufer in grünen T-Shirts an die Spitze des Feldes. Ihre Sportkleidung erinnert an die eines gewöhnlichen Leichtathletik-Teams. T-Shirts, kurze Hose, Laufschuhe. Doch anstelle eines Vereinsnamens prangt „JVA Berlin Tegel“ hinten auf dem Rücken. Sie sind Teilnehmer des jährlichen Knastlaufs der neun Berliner Gefängnisse.

Nach vier der zehn zu absolvierenden Runden hält einer der beiden das hohe Anfangstempo nicht mehr durch und lässt abreißen. Er wird am Ende trotzdem Zweiter. Der andere zieht einsam seine Runden über das Gelände der Haftanstalt Plötzensee, läuft sogar eine Runde zu viel und gewinnt letztlich in neuer Rekordzeit von 38:09 Minuten. Doppelsieg für Tegel.

Ursprünglich sollte das Rennen schon Anfang September stattfinden. Es war kurzfristig wegen Sicherheitsbedenken abgesagt worden. Nicht etwa, weil ein Gefangener entlaufen war, sondern wegen einer Unwetterwarnung. Als sich diesen Dienstag dann aber wirklich die Tore zur Haftanstalt Plötzensee öffnen, bleibt das Wetter stabil.

Durch den Besuchereingang geht es ins Gefängnis. „taz?“, fragt ein Beamter. Ich nicke zustimmend und werde eingelassen. Meinen Ausweis will niemand sehen. Auch die anschließende Durchsuchung ist bald überstanden. Durch zwei weitere Sicherheitstüren geht es ins Innere der Haftanstalt.

Kleine Freiheiten

Der Gefängnishof, auf dem der Lauf stattfindet, ist von hohen Mauern mit Stacheldraht eingefasst. Auf Bierzelttischen sind kleine weiße Plastikbecher aufgestellt, in denen sich Tee oder Wasser befindet. Musik dröhnt aus den Boxen. Mehrere kleine Stände aus Holz stehen am Rand, von denen sich alle süßes Gebäck oder einen Kaffee holen können. Alles wirkt erstaunlich unspektakulär. Die 55 Gefangenen unter den Teilnehmenden bewegen sich frei über den Hof, lachen oder unterhalten sich.

Es ist ein erstaunlich lockeres Event, das wegen der Sparmaßnahmen des Berliner Senats in diesem Jahr um ein Haar nicht hätte stattfinden können. Um die Finanzierungslücke zu schließen, wurde deshalb erstmals eine Startgebühr von 25 Euro für alle externen Teilnehmer eingefordert. Der Gefangenenlauf ist offen für Anmeldungen von Nichtgefangenen.

„Das ist einfach ein einmaliges Erlebnis“, beschreibt René Osswald, der zu den rund 30 Läufern von außerhalb zählt, das Event, „man kommt hier an einen Ort, an den man normalerweise nicht kommt und eigentlich auch nicht hinwill“. Er hat über seinen Laufverein, den SSC Berlin, von der Veranstaltung erfahren und ist schon zum zweiten Mal dabei.

Im Laufschritt zur Resozialisierung

Ohne Externe wie ihn kann der Lauf nicht überleben, erklärt Horst Milde. Der ehemalige Konditor und Begründer des großen Berlin-Marathons hat den „Knästelauf“, wie das Event ursprünglich hieß, 2014 ins Leben gerufen: „Für die Gefangenen ist der Lauf der größte Tag im Jahr. Umgeben von normalen Menschen dürfen sie sich als Athleten fühlen und nicht nur als Häftlinge.“ Milde betrachtet seinen Lauf deshalb vor allem als Möglichkeit zur Resozialisierung. Die Gefangenen sollen auf etwas hinarbeiten können.

„Das Laufen hat für mich eine antidepressive Wirkung und gibt mir ein Ziel im Leben“, sagt ein großer Gefangener in rot-schwarzer Kleidung zu einem der externen Läufer. Für manche der Gefangenen, die an diesem Nachmittag teilnehmen, scheint das Modell also zu funktionieren.

Für die Gefangenen ist der Lauf der größte Tag im Jahr

Horst Milde, Organisator

Doch nicht alle schaffen die Strecke so problemlos wie der Sieger aus Tegel. Die meisten haben deutlich zu kämpfen. Ein Teilnehmer mit schwarzen Locken und hellblauem Shirt läuft wegen der Kälte mit den Händen in den Hosentaschen und friert erkennbar. Andere gehen, einer hält sich den Oberschenkel, ein Insasse aus Tegel kämpft im Ziel gegen einen Brechreiz. Nach einer knappen Stunde ist das Spektakel vorbei.

Bei der Siegerehrung bekommen die jeweils drei Zeitschnellsten kleine Preise. Zuerst die Frauen, dann die Männer. Der neue Rekordhalter erhält sogar eine Tafel Lindt-Schokolade. Bei der Übergabe der begehrten Belohnung brandet Jubel unter den Umstehenden auf.

Für die Gefangenen geht es anschließend wieder in die Busse, zurück in die Knäste. Das besondere Erlebnis kann ihnen trotzdem niemand mehr nehmen, denn nicht jeder im Gefängnis kommt zu so viel Bewegungsfreiheit. Während des Laufs drehen 50 Meter weiter andere Gefangene ihre täglichen Runden. Hinter einem hohen Zaun, in einem kleinen Quadrat, gehend.