Frauenvollversammlung der Berliner Grünen

Männer dürfen auch was sagen

Einmal jährlich tagt die Frauenvollversammlung der Grünen. In diesem Jahr sind erstmals Männer zugelassen, um über Genderpolitik zu reden.

Nein, gestrickt wird nicht. Auf der Frauenvollversammlung der Grünen ist keine Frau im Selfmade-Strickpulli-Look zu erspähen. 70 Frauen treffen sich an diesem Freitagabend in der Jerusalemkirche, viele umarmen sich zur Begrüßung, und dann wird gewartet, denn Renate Künast ist ein paar Minuten zu spät.

Mit dickem Schal tritt sie ans grün ummantelte Pult, dann prasseln Zahlen auf die Zuhörerinnen hinab: 54,4 Prozent Frauenanteil in der Bundestagsfraktion der Grünen, nur 19 bei CDU/CSU, 2,5 Prozent Frauen in deutschen Aufsichtsräten. "Wir haben mit Merkel und Co. eine gleichstellungspolitische Mogelpackung bekommen", ruft Künast in den Saal. Am Ende klatscht die Frauenriege kräftig.

An diesem Abend gibt es eine Premiere. Die ist männlich und sitzt in Form von drei Parteigenossen versprengt unter den Zuhörerinnen. Zum ersten Mal ist das andere Geschlecht auf der jährlich stattfindenden Berliner Frauenvollversammlung zugelassen. Der Grund: Im März hatten Grüne zum Frauentag ihre Geschlechtsgenossen aufgefordert, sich aktiv für Gleichberechtigung einzusetzen. "Genderpolitik ist jedermanns Sache" hieß der Aufruf; darüber soll auf der Vollversammlung diskutiert werden. Cem Özdemir hatte unterschrieben und spricht per Videobotschaft: Etwas verwackelt lobt er die Frauenquote der Partei und sich selbst für das neue Männerbild, das er verkörpere.

Derweil hat sich die Diskussionsrunde auf dem Podium eingefunden: Volker Ratzmann und Ramona Pop, die sich den Fraktionsvorsitz teilen, Deborah Ruggieri von Attac und Daniel Gollasch vom queeren Sonntagsclub. Ratzmann hat die Frauen auf seiner Seite, als er erzählt, dass er sich auf dem Flughafen total bescheuert vorkomme, wenn er sein Kind nur auf der Frauentoilette wickeln dürfe. "Der weiß wenigstens, wovon er spricht", raunt eine Frau ihrer Nachbarin zu.

Als die Moderatorin fordert, Cem Özdemir solle sich auf dem nächsten Wahlplakat mit Schürze und Kochlöffel präsentieren, ruft eine Zuhörerin: "Was soll denn der Scheiß jetzt?", und auch Ratzmann verdreht die Augen. "Wir brauchen neue Rollenbilder und keine Umkehrungen", fordert er. Und als alle dann darüber nachdenken, wie denn nun solche neuen Frauen- und Männerbilder aussehen könnten, bemängelt Daniel Gollasch vom Sonntagsclub das dualistische Geschlechterbild seiner Partei. "Es gibt viele, etwa transidente Menschen, die sich in den Kategorien Mann und Frau nicht wiederfinden." Damit scheinen alle ein bisschen überfordert zu sein.

In zweieinhalb Stunden Diskussion wird viel beklagt und gefordert. Eine der Zuhörerinnen bringt es auf den Punkt: "Ich mache seit 30 Jahre feministische Politik, und damals haben wir das alles auch schon gesagt. Schöne Absichten, aber da ist nichts Konkretes, wie ihr etwas ändern wollt." Am Ende muss über eine Resolution abgestimmt werden. Darin wird dem Senat vorgeworfen, das Landesgleichstellungsgesetz zu brechen, das eine paritätische Besetzung der Leitungsfunktionen in den landeseigenen Betrieben vorschreibt. Anlass für die Resolution sind der frei gewordene BVG-Vorstandsposten und die Befürchtung der Grünen, dass auch dieser wieder mit einem Mann besetzt werde. Alle winken den Antrag durch. Dann gibts Rotwein. KATHLEEN FIETZ

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