Frauen in der Landwirtschaft

„Einfach eine Männerdomäne“

Immer mehr Frauen übernehmen bäuerliche Betriebe, doch in den Verbänden bleiben sie unsichtbar. Johanna Böse-Hartje ist da eine Ausnahme.

Hat den Hof ihrer Familie übernommen, auch wenn das eigentlich mal ganz anders geplant war: Johanna Böse-Hartje. Foto: Helge Krückeberg

taz: Frau Böse-Hartje, warum sind Ställe, Trecker und Felder noch Männersache?

Johanna Böse-Hartje: Das stimmt so nicht. Immer mehr Frauen übernehmen Höfe und entscheiden sich für den Landwirtschaftsberuf.

Aber in der Öffentlichkeit sieht man immer nur ältere Männer, wenn es um Landwirte geht.

Ja, dass die Landwirtschaft überaltert ist, ist ein Problem. Das hängt damit zusammen, dass die Bauern oft keine Nachfolger mehr für ihre Höfe finden. Man kann es seinen Kindern bei so unsicheren Zukunftsaussichten kaum guten Gewissens raten, einen Hof zu übernehmen.

64, besitzt einen Bio-Hof in Thedinghausen in der Nähe von Bremen mit 140 Milchkühen. Sie ist die niedersächsische Landesvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, der sich freiwillig mit den Buchstaben „BDM“ abkürzt und sich für die Interessen von Milchbauern einsetzt. Böse-Hartje hat drei Söhne. Ihr jüngster Sohn wird den Hof einmal übernehmen.

Warum sind Sie Landwirtin geworden?

Das war erst gar nicht geplant. Ich habe Germanistik und Politik auf Lehramt studiert. Aber als sich das ergeben hat, dass ich mit meinem Mann den Hof von meinen Eltern übernehmen konnte, habe ich das gern gemacht.

Hatten Sie keinen Bruder, dessen Rolle das klassischerweise gewesen wäre?

Nein, ich habe eine Schwester, die Tierärztin ist und auch immer viel auf dem Hof mitgearbeitet hat. Hätte ich einen Bruder gehabt, wäre das vielleicht anders gekommen.

Warum sind die Frauen in der Landwirtschaft heute immer noch so wenig sichtbar?

Die stehen im Stall und melken, während sich die Männer bei den Versammlungen treffen. Das war schon immer so. Für Frauen ist es nicht einfach, in den Bauernverbänden Fuß zu fassen. Das ist einfach so eine Männerdomäne. Gerade wenn man sich diese Versammlungen anguckt, da sind hauptsächlich Männer.

Dann hat es Sie sicher Mut gekostet, nach vorne zu treten und Ihre erste Rede zu halten.

Ja, klar. Das ist einem ja nicht in die Wiege gelegt. Aber man wird da nicht dümmer von.

Hat man es Ihnen auf dem Weg an die Spitze des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) schwer gemacht?

Nein, ich hatte viele Unterstützer. In unseren alternativen Verbänden, wie dem BDM oder der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, laufen Frauen mit vorneweg. Das ist anders als im Bauernverband.

Der ist konservativer?

Natürlich. Da haben Frauen und Männer noch ihre angestammten Rollen und die sind auch organisatorisch getrennt. Da gibt es das Landvolk für die Männer und den Landfrauenverband.

Warum engagieren Sie sich in einem Verband?

Weil ich gesehen habe, dass es so nicht weitergeht für die Milchbauern. Als mein Sohn mit in den Betrieb kam, hatte ich auch endlich die Zeit, um mich politisch zu engagieren. Und wenn man erst mal anfängt, sich einzumischen, ist es schwierig, wieder aufzuhören.

Dabei gucken Sie nicht nur auf Niedersachsen, sondern Sie waren auch beim alternativen G20-Gipfel in Hamburg. Warum?

Weil wir als Landwirte eine Verantwortung für den Klimaschutz haben. Letztendlich ist unsere europäische Landwirtschaft, besonders die industrialisierte, nicht klimaschonend. 30 Prozent unseres Futters holen wir aus den Ländern des Südens, in Form von Soja. Wir klauen den Menschen praktisch das Essen vom Teller, produzieren damit unsere Überschüsse. Die ruinieren unsere Preise und somit auch unsere Betriebe. Und die Überschüsse dumpen wir dann zu Preisen in andere Länder, zu denen auch dort niemand kostendeckend produzieren kann.

Was für Folgen hat das?

Da geht alles kaputt. Die Leute in vielen afrikanischen Ländern haben keine Chance. Entweder gehen sie zum „IS“ oder sie kommen nach Europa. Und dann stellen wir uns hier hin und reden über Wirtschaftsflüchtlinge. Das ist menschenverachtend.

Geht Ihre Milch auch in den Export?

Nein. Die Biomilchbranche ist noch sehr regional.

Wie war es eigentlich, auf dem Bauernhof groß zu werden?

Als ich das erste Mal Trecker gefahren bin, natürlich nicht auf der Straße, musste ich noch im Stehen die Kupplung treten. Das fing damit an, dass man im Frühling die Weiden schleppt.

Das heißt?

Man hat ja immer Maulwurfshügel auf den Weiden. Die werden eben gemacht, indem man alte Reifen oder Eisenringe hinterm Trecker herzieht. Das hat den Hintergrund, dass man später nicht so viel Erde ins Futter kriegt. Das haben wir als Kinder tagelang betrieben. Nachher haben wir auch mit gemolken. Es war viel Handarbeit angesagt.

Klingt ziemlich anstrengend.

Klar hat mich das auch manchmal genervt. Zum Beispiel wenn wir Runkelrüben hacken mussten und die anderen Kinder zum Baden gegangen sind. Da habe ich auch gedacht, das will ich später nicht machen.

Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Natürlich gab es solche Situationen, aber man möchte nicht diejenige sein, die aufgibt. Der Hof meiner Familie wurde um 1643 das erste Mal erwähnt.

Fühlen Sie sich gut damit, dass Ihr Sohn weitermacht?

Ja, der ist schon als Bauer geboren. Als Kind hat er nur mit Treckern gespielt, egal was man ihm angeboten hat. Und ich bin froh, dass er hinter der Bio-Idee steht. Dass wir 1989 von konventioneller Milchkuhhaltung auf die Bio-Landwirtschaft umgestellt haben, ist mir wichtig. Vorher war das ein ganz klassischer Bauernhof mit Schweinen, Milchkühen und Zuchtstuten.

Warum wollten Sie einen Biohof?

Ich kam aus der Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung. Da passte es zu meinen Idealen. Seitdem mein Sohn mit in den Hof eingestiegen ist, haben wir zu den Milchkühen auch noch Hühner, die bei uns in mobilen Ställen leben. Außerdem ziehen wir Ochsen auf, deren Fleisch wir auf dem Hof direkt vermarkten.

War Ihr Hof von der Milchkrise betroffen?

Nein, der Biomilchmarkt hat sich vom konventionellen Markt abgekoppelt. Biomilch ist gefragt, wir produzieren keine Überschüsse. Deshalb haben wir mehr Geld für unsere Milch bekommen als die konventionellen Bauern. Aber von denen sind viele über die Wupper gegangen. In den letzten zwei Jahren haben etwa sieben Prozent aufgegeben. Von diesen Milchpreisen konnte außer den Molkereien niemand leben.

Warum die Molkereien?

Für die spielt der Milchpreis nicht so eine große Rolle. Sie verkaufen ihre Produkte, ziehen vom Erlös ihre Kosten und Gewinne ab und den Rest bekommen die Bauern. Die tragen also das ganze Risiko und die Verluste.

Ist das Höfesterben in Niedersachsen vorbei?

Nein. Wir haben jetzt einen Preis von 32 bis 36 Cent pro Liter Milch bei den konventionellen Milchbauern. Damit kann man gerade die Kosten decken, aber das reicht bei Weitem nicht, um Investitionen zu tätigen, Schulden abzubezahlen oder an die Altersversorgung zu denken.

Kennen Sie Bauern, die Hartz IV beziehen mussten?

Das weiß ich nicht. Das sagt auch keiner. Aber ich kenne keinen konventionellen Milchbauern, der es nicht nötig gehabt hat, zur Bank zu gehen. Normale Familienbetriebe kriegen allerdings kaum noch Kredite. Nur wenn ich einen großen Stall mit 400 und mehr Kühen plane, kriege ich ohne Ende Geld von den Banken, weil es dann auch für Investoren interessant ist, in den Betrieb einzusteigen.

Zwischen Gewinn und Bankrott der Bauern liegen bei den Milchpreisen nur 20 Cent. Ärgern Sie sich, dass die Verbraucher nicht mehr für die Milch ausgeben?

Nein, man kann die Verbraucher nicht verantwortlich machen. Es macht für sie keinen Sinn, das teurere Produkt zu kaufen. Es ist nicht zwingend, dass bei einer teuren Milch mehr Geld beim Bauern ankommt.

Also bringt es gar nichts, wenn die Kunden im Supermarkt zu Ihrer Biomilch greifen?

Doch. Bei Biomilch wird nach strengeren Kriterien produziert. Es gibt natürlich einen Unterschied in den Haltungsbedingungen und der Produktion des Futters. Aber bei konventioneller Milch macht es für die Verbraucher keinen Unterschied, ob sie billige No-Name-Milch kaufen oder die teure mit dem Bären. Da ist die gleiche Milch drin. Es darf einfach keine billige Milch mehr geben.

Was ist die Alternative?

Wir haben gerade mit Unterstützung des Landwirtschaftsministeriums in Niedersachsen die Weidemilch auf den Markt gebracht. Da kommt der Mehrwert beim Bauern an, genau wie bei der „Fairen Milch“. Die wird von den Bauern selbst vermarktet.

Trotzdem haben die Verbraucher wenig Ahnung, wie Lebensmittel produziert werden. Glauben Sie, dass das daran liegt, dass sich Bauern so ungern in die Ställe gucken lassen?

Das würde ich nicht so verallgemeinern. Ich habe eigentlich immer einen offenen Stall. Gerade als Milchbäuerin ist man 365 Tage im Jahr für seine Kühe verantwortlich. Dann hat man wenig Chancen, mal rauszukommen. Da haben mein Mann und ich gesagt, wenn wir schon nicht in die Welt kommen, dann muss die Welt zu uns kommen.

Das ist aber nicht die Regel.

Wenn ich Schweine oder Geflügel in großen Stallanlagen halte, habe ich natürlich ein wesentlich höheres Infektionsrisiko als in einem Milchviehbetrieb. Die Schweineställe sind auch klimatisiert, da kann ich nicht immer die Türen aufreißen.

Also sehen Sie das nicht so kritisch, dass sich einige Bauern hinter Zäunen verstecken?

Doch. Bei diesen großen Anlagen ist das schon oft der Fall und es entsteht der Eindruck, man hätte etwas zu verbergen.

Sie sind jetzt 64 Jahre alt. Was machen Sie, wenn Sie den Hof an Ihren Sohn übergeben haben?

Da fällt mir bestimmt etwas ein. Ich hab ja noch meine Vermarktung. Das ist ein eigener Betriebszweig. Ich denke, das werde ich noch ein bisschen machen.

Ganz loslassen können sie dann noch nicht?

Nein, man muss das ja ein bisschen im Auge behalten.

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