Frauen im Berlinale-Wettbewerb: Der Herr der Schöpfung selbst

Regisseurin Sally Potter ist Feministin, doch in ihrem Film „The Roads Not Taken“ absorbiert ein Mann jede Aufmerksamkeit für die Frauen.

Schauspielerin Laura Linney hält tröstend Javier Bardems Kopf

Frauen sind zum Kümmern da: Javier Bardem und Laura Linney. Foto: Jeong Park / Bleecker Street

Weibliche Regisseurinnen, nicht nur im Berlinale-Wettbewerb, haben in der Regel eine Zusatzaufgabe: Sie sollen nicht nur die Quote in dem Höhe treiben, sondern dabei auch noch eine bestimmte Sicht vertreten. Sally Potters Film „The Roads Not Taken“ kommt so betrachtet als echte Trotzreaktion daher: Von der 70-jährigen Künstlerin, Autorin und Regisseurin, die das Label Feministin nie gescheut hat, erwartet man in der Tat einen Film, der gefälligst von Frauen handeln soll oder doch wenigstens ihrer Sensibilität einen gewissen Raum gibt.

Dem setzt Potter in „The Roads Not Taken“ Javier Bardem entgegen. Und zwar einen faltigen, fetthaarigen, bartstoppligen und keiner klaren Worte mehr mächtigen Bardem. Und siehe da: Selbst dieser männliche Schatten seiner selbst im Nachthemd, sich einpinkelnd, zieht das Interesse von sämtlichen Nebenfiguren des Films, lauter Frauen, ab.

Das Genre ist so alt wie der Herr der Schöpfung selbst: Ein Mann blickt reuevoll auf sein Leben zurück, das von Frauen wie von Kilometersteinen markiert ist. In der Rahmenhandlung wird ein vor sich hin stöhnender Bardem von Tochter Molly (Elle Fanning) durch einen Tag in New York begleitet. Sie holt ihn in seinem einsiedlerischen Zuhause ab – wo ihn eine Xenia (Branka Katic) pflegt.

Danach geht es zum Zahnarzt und dann weiter zur augenärztlichen Untersuchung. Und weil es mit dem Alten schwierig ist, weil er auf niemanden hört und mit dem Kopf ganz woanders zu weilen scheint, landen sie zwischendurch auch noch in der Notaufnahme. Tochter Mollys Mitgefühl und Zugewandtheit bleiben aber die ganze Zeit über ungebrochen.

27. 2., 10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 27. 2., 13.15 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 1. 3. 19.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele

Im Unterschied zur Tochter hat der Kinozuschauer das Privileg, zu wissen, wo der Geist des Mannes weilt, während er sich aus der Gegenwart entfernt: Da gibt es die eine Vergangenheit, in heißen, beige-braunen Tönen gehalten, in der die Trennung von Dolores (Salma Hayek) wohl gerade vollzogen wird.

Auch da äußert Bardem schon keine ganzen Sätze mehr, zumindest nicht gegenüber der ehemaligen Geliebten; wie sich häppchenweise herausstellt, ist es der Schmerz, der ihn da überwältigt, denn die beiden hatten mal einen Sohn, der aber auf dem Schulweg verunglückte. Was aus dem Schmerz der Mutter wurde, interessiert nicht weiter.

Während sich dieses wahrhaft traurige Schicksal enthüllt, wie gesagt häppchenweise, wandelt Bardem in der dritten Parallelhandlung im grellen Sonnenschein einer griechischen Insel und nunmehr in Blautönen. Dort stellt er sich zwei jungen Frauen als Schriftsteller vor und drängt sich mit Fragen auf wie: „Welches Ende für Romane bevorzugt ihr?“ Eine Frage, die kaum eine klügere Antwort zulässt als: Kommt auf die Geschichte an!

Den Kinozuschauer oder die Kinozuschauerin fragt mal wieder keiner. Man würde an dieser Stelle nämlich ein anderes Ende bevorzugen. Aber vielleicht wollte Sally Potter mit ihrem Film genau das zeigen – wie wenig es doch braucht, um einen Film über Männer zu machen: weder große Dialoge, noch viel körperliche Präsenz, noch nicht mal ein außergewöhnliches Schicksal, nur eine Serie von Frauen, die Empathie empfinden.

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