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Frau aus dem Westen

Martina Hefters neuer Roman „Nach der Sonne schauen“ erzählt luftig und leicht von der Sehnsucht, sich von Ressentiments zu emanzipieren

Von Carsten Otte

Ein Setting als Symbol: Wo einst nach Kohle gegraben wurde, gibt es jetzt einen See. Aus Millionen Tonnen Abraum in der Leipziger Tieflandsbucht sind künstliche ­Hügel entstanden, eine Art zweite Natur. Martina Hefter lässt Iona Bartschok, die Erzählerin ihres neuen Romans „Nach der Sonne schauen“, mit höchster Aufmerksamkeit durch eine Gegend streifen, die einen tiefgreifenden Wandel erlebt hat. Auch das Klima hat sich in dieser Region stark verändert. Lange Trockenheitsphasen wechseln sich mit Starkregen ab. Immerhin surren die Windräder, die fili­granen Nachfolger der monströsen Braunkohlebagger. Mit der umsichtigen Hauptfigur fragen wir uns als Lesende: Wo hört in dieser Landschaft die Natur auf oder beginnt sie schon wieder, was ist künstlich und was schon Kunst? Kaum eine Seite vergeht, ohne dass den Leitmotiven dieser Prosa ein neuer Aspekt beigefügt wird. Das geschieht so luftig und leicht, dass man kaum merkt, in eine ziemlich handfeste Geschichte hingezogen zu werden.

Iona ist bildende Künstlerin, die sich der Natur und der spekulativen Frage verschrieben hat, wie das „Gebiet des ehemaligen Tagebaus Witznitz II“ dereinst aussehen könnte. „Die Landschaft in fünftausend Jahren“ lautet der Titel ihres aktuellen Projekts, das sie in einer ehemaligen Fabrikhalle realisieren möchte. Doch die Arbeit stockt. Statt das Werk voranzutreiben, beschäftigt sie sich mit einem digitalen Hund namens Robyn und denkt über einen „Vorfall“ nach, der sie nachhaltig erschüttert hat: „Der Vorfall bestand darin, dass Herto Straus, ein Leipziger Maler, das Baumhaus, meine über fünfundzwanzig Jahre alte Diplomarbeit, in einer Ausstellung der Kunsthalle der Sparkasse mit dem Wort Bullshit besprüht hat, mittels einer Spraydose mit oranger Farbe.“ Der prominente Kunstzerstörer hat das Fäkalwort offenbar nicht zufällig gewählt. Mit der ­bös-blödsinnigen Tat sollte die Kollegin persönlich getroffen werden, immerhin ist sie auf einer Alm mit Kühen aufgewachsen. Herto Straus ist von Konkurrenzneid zerfressen, gibt Interviews im Radio, in denen er vollmundig erklärt, „das Baumhaus seiner Jugend nachbauen könne jeder“. Schließlich landet der Wüterich vor Gericht und muss Schadensersatz leisten.

Es liegt nahe, diese Geschichte als literarische Replik einer Schriftstellerin zu lesen, die 2024 den Deutschen Buchpreis erhielt und sich dann mit Herabwürdigungen des ebenfalls nominierten Autors­ ­Clemens Meyer konfrontiert sah. Doch Hefter belässt es nicht bei dieser bitter-komisch dargestellten ­Parallelität der Geschehnisse. Es geht ihr um Grundsätzliches, um das verzwickte Verhältnis von Natur und Kultur, wobei die Übergänge fließend, die Sphären eng verflochten sind: Zerstörerisch kann die Natur sein, die zumeist selbst zerstört ist. Dasselbe gilt für die Kräfte in der Kultur.

Martina Hefter: „Nach der Sonne schauen“. Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 256 Seiten, 25 Euro

Kluge und überraschende Gedanken tauchen auch in Szenen auf, in denen das Grundthema des Romans in aktuellen Gesellschaftsdebatten gespiegelt wird. Das Buch liefert zum Beispiel einen originellen Blick auf misslingende Ost-West-Kommunikation. Iona wundert sich nämlich, „dass man als Frau aus dem Westen hier schnell als hysterisch oder überängstlich oder übersteigert gelte“. Die seit Jahrzehnten im Osten lebende Westdeutsche stellt fest, „dass man mir nicht zuhörte, sondern nur kurz wahrnahm, was ich sagte, mit einem Schulterzucken, und dann gab es wohl nichts mehr, was man dem Gespräch zufügen konnte“. Die Angst, „als Westdeutsche womöglich etwas Falsches gesagt zu haben“, begleitet Iona ständig. Doch sie möchte sich nicht mehr auf die üblichen Rollen und Ressentiments festlegen lassen.

Martina Hefter wird im zweiten Teil des nachdenklichen Romans nicht nur alpine und gewalttätige Kindheitserfahrungen durchmessen, sie beginnt auch, Momente einer persönlichen Utopie angesichts der bedrohten und bedrohlichen Außenwelt zu entwickeln. Der Computer-Wauwau, der im digitalen Nirwana verschwindet, wird durch einen echten Hund ersetzt. Eine junge Tattookünstlerin durchbricht die Einsamkeit der Erzählerin. Wer die Lyrik und Prosa Martina Hefters kennt, etwa den Gedichtband „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“, wird erkennen, dass die Schriftstellerin ihr Lebensthema, die physische und psychische Übergänge auszuloten, erneut weiterentwickelt hat. Ioana wird sich von der Installationskunst vorerst verabschieden und sich der todgeweihten Tierwelt widmen: Ein Gnadenhof wird zum Gegenentwurf für eine gnadenlose Welt.