Frank Schäfer : Radfahren mit Kettenfett
Als neulich in der „Tagesschau“ die Temperenzler vom Deutschen Verkehrsgerichtstag mit funbierernster Miene vorschlugen, die justiziablen Grenzwerte bei Alkohol am Fahrradlenker zu senken, fühlte ich mich sogleich ertappt. Susanne Daubner schaute auch schon ganz skeptisch.
„Ich kann das erklären“, rief ich. „Es ist anders, als es aussieht!“ Es sah nämlich gar nicht gut aus. Meine rechte Schweinebacke war aufgeschürft vom Kuss mit dem Asphalt und der Bluterguss entgegen allen Gesetzen der Schwerkraft nach oben gewandert in Richtung Auge und leuchtete nun in den glühenden Farben einer amtlichen Keilerei. Den Freunden konnte ich noch eine plausible Erklärung liefern. „Häusliche Gewalt!“ Aber mein Sohn wusste Bescheid. „Du hast dir wieder einen in die Rüstung gerömert!“
Tatsächlich hatte es infolge einer bösen Heimniederlage der Braunschweiger Eintracht eine längere Fehleranalyse in der Destille am Ende der Straße gegeben, und als dann auch noch der Wirt eine vom letzten Bauernschubsen übriggebliebene Flasche „Kettenfett“ auf den Tisch knallte – „Damit es etwas schneller geht und ich nach Hause komme!“ –, scheiterte ich an der unberechenbaren Rechtskurve in die Hofeinfahrt. Rechtskurven unter Einfluss dieses Nervengifts gehören nicht unbedingt zu meinen Stärken.
Vor vielen Jahren, die Eintracht hatte mal wieder den Erzfeind „Hannoi“ in die Schranken gewiesen und mit einem berauschenden 0:0 nach Hause geschickt, traf sich die Kernfamilie aus Block 5 noch auf einen Schlummifix bei Freund Fränky. Auch hier wurde zum Leidwesen aller dieses unwahrscheinliche Getränk gereicht, eine in Wodka aufgelöste Tüte Salmiak-Lakritz. Nach ein paar Portionen schwang ich mich auf mein sonst so loyales Gefährt, und auch damals warf es mich ab, direkt in eine von der Stadt für solche Fälle angelegte Hecke.
Ich sprang wieder auf und übte mich im Schattenboxen, um potenziellen Zuschauern zu demonstrieren, dass ich wieder voll da war, zupfte mir das Gestrüpp aus dem Ohr und entfernte mich schnellstmöglich von der Unfallstelle.
Ein paar Tage später fuhr ich noch einmal bei Fränky vorbei, und da sah ich den Abdruck in der Hecke. Wie eine Umrisszeichnung am Tatort, Kreide auf Asphalt, formte er meinen Körper nach. Es erinnerte irgendwie an eine ägyptische Wandzeichnung. Stolz beseelte mich.
Doch jene Nacht hatte noch eine Sensation zu bieten. Ich schnürte konzentriert durchs frühmorgendliche Braunschweig. Die Stadt kann eine Idylle sein um 3.30 Uhr. Doch dann sah ich zwei Jugendliche an der Waschanlage ihren silberblauen Boliden einschäumen. Aufgeheizt vom Lakritz rief ich ihnen munter zu: „Wer den ganzen Tag pennt, bleibt abends länger frisch!“ Sie schauten drollig drein und meinten: „Bleiben Sie mal stehen!“ Erst jetzt bemerkte ich das Wort „Polizei“ auf der Fahrertür. Die nächste Linkskurve war meine.
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