Fragen und Antworten zum Ukraine-Krieg: Wie steht es um die Ukraine?
Vier Jahre ist Russlands Vollinvasion nun her. Ein Überblick zur aktuellen Lage in der Ukraine.
Über Hunderttausend Tote, Wohnungen ohne Heizung, Strom und Wasser – die Lage der Menschen und insbesondere der Kinder in der Ukraine ist katastrophal am vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion. Und die Hoffnung auf einen gerechten Frieden wird immer wieder zerstört.
Was ist mit den Verhandlungen?
Abrupt und schon am zweiten Tag gingen am Mittwoch die jüngsten Friedensgespräche zwischen der Ukraine und Russland zu Ende. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland nach dem von den USA vermittelten Treffen in Genf vor, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Zuvor waren schon zwei Gesprächsrunden in Abu Dhabi und eine ganze Reihe weiterer diplomatischer Treffen seit November ergebnislos verlaufen.
Angestoßen hatte den Prozess Donald Trump, der den russischen Angriffskrieg mit seinem 28-Punkte-Plan im November schnell hatte beenden wollen. Dieser Plan fußte offenbar auf einem russischen und wäre einer Kapitulation der Ukraine gleichgekommen. Unter anderem sah er vor, die Armee der Ukraine massiv zu verkleinern und eine Aufnahme des Landes in die Nato auszuschließen. Außerdem hätte die Ukraine dem Plan zufolge auch Gebiete abtreten müssen, die gar nicht russisch besetzt sind.
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Ende November dann überarbeiteten Vertreter der USA, der Ukraine und Europa diesen Plan und reduzierten ihn auf 20 Punkte. Doch Russlands Präsident Wladimir Putin wich nicht von seinen Maximalforderungen ab. Auch bilaterale Gespräche zwischen den USA und Russland Anfang Dezember in Moskau blieben ergebnislos. Es waren bereits die sechsten ihrer Art im Jahr 2025. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Ukraine anschließend wieder propagandistisch als ein „Kunstprojekt ohne eigene Geschichte“, das „entnazifiziert“ werden müsse.
Mitte Dezember dann traf Selenskyj in Berlin mit den Unterhändlern der USA, Steve Witkoff und Jared Kushner zusammen. Im Zentrum der Gespräche stand der 20-Punkte-Plan. Von zentraler Bedeutung waren dabei auch bilaterale Sicherheitsgarantien der USA und westlicher Staaten, um die Ukraine vor künftigen russischen Angriffen zu schützen.
Bei einem Treffen Selenskyjs mit US-Präsident Trump in Florida kurz vor Weihnachten kündigte der ukrainische Präsident an, die Ukrainer über den 20-Punkte-Plan in einem Referendum abstimmen zu lassen, das zeitgleich mit möglichen Präsidentschaftswahlen durchgeführt werden könne. Weitere Gespräche folgten kürzlich, ähnlich ergebnisoffen.
Und wie steht es militärisch?
Trotz diplomatischer Bemühungen um Frieden – oder auch nur einen Waffenstillstand – beschießt Russland die Ukraine weiterhin massiv und tötet dabei Zivilisten. Seit dem Herbst ist vor allem die Energieinfrastruktur ein bevorzugtes Ziel. Im kältesten Winter der letzten 15 Jahre leben viele Ukrainer in Wohnungen ohne Heizung, Strom und Wasser. Auch Wohn- und Krankenhäuser werden regelmäßig angegriffen, im Januar geriet ein Personenzug unter Drohnenbeschuss.
Die Ukraine greift ihrerseits immer wieder russische Kraftwerke, Pipelines und Hafenanlagen an, als Folge kommt es immer wieder zu Stromausfällen. Auch auf russischer Seite sterben Zivilisten.
An der Front konnten ukrainische Truppen jüngst innerhalb weniger Tage so große Geländegewinne machen wie in den letzten drei Jahren nicht, mehr als 200 Quadratkilometer. Die Zahlen wurden vom Institute for the Study of War (ISW), einem gemeinnützigen US-amerikanischen Thinktank bestätigt. Möglich wurde das unter anderem, weil das Starlink-Satellitensystem für die russischen Truppen deaktiviert wurde. In den vergangenen Monaten hatte Russland seinerseits kontinuierlich ukrainisches Gebiet erobert. Mehrfach meldete der Kreml zum Beispiel die Einnahme der ostukrainischen Stadt Pokrowsk, was Kyjiw jedes Mal dementierte. Pokrowsk gilt für beide Seiten als strategisch wichtig. Die Stadt könnte der russischen Armee als Ausgangsbasis für einen Vorstoß auf die noch von der Ukraine kontrollierten Städte im Gebiet Donezk, Kramatorsk und Slowjansk, dienen.
Derzeit kontrolliert Russland knapp 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets ganz oder teilweise. Doch die personellen Verluste sind groß: Jeden Monat verlieren die russischen Streitkräfte schätzungsweise 20.000 Soldaten. Auf russischer Seite kämpfen auch Söldner aus Indien, Nepal und 36 afrikanischen Staaten, die teils unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Land gelockt und an die Front geschickt wurden. Ende November sprach Nato-Generalsekretär Mark Rutte von etwa 1 Million toten russischen Soldaten. Kyjiw meldet offiziell 55.000 tote Soldaten, zahlreiche weitere werden vermisst. Vermutet werden bis zu 100.000 Tote.
Wie ist die humanitäre Lage?
Etwa 7.000 Ukrainer sind nach Angaben aus Kyjiw in russischer Gefangenschaft, darunter auch Zivilisten. In der Ukraine gibt es circa 4.000 russische Gefangene.
Das UN-Flüchtlingskommissariat zählt über 5 Millionen ukrainische Flüchtlinge in Europa. Dazu kommen laut der Internationalen Organisation für Migration 3,7 Millionen Binnenvertriebene. Viele von ihnen können nicht zurück, da ihre Heimat russisch besetzt ist.
Allein 1,6 Millionen ukrainische Kinder leben unter russischer Kontrolle, vor allen in den temporär russisch besetzten Gebieten. Mindestens 20.000 ukrainische Kinder wurden zwangsweise nach Russland gebracht. Davon konnten insgesamt 1.982 Kinder in die Ukraine zurückgeholt werden, meldet die ukrainische NGO „Bring the kids back“.
Und wie läuft es innenpolitisch?
Der ukrainische Präsident Selenskyj geriet in den letzten Monaten vor allem durch einen Korruptionsskandal in Bedrängnis. Beim staatlichen Unternehmen Energoatom war Ende Oktober 2025 Betrug aufgedeckt worden. In der Folge traten zunächst zwei Minister zurück, später auch Andrij Jermak, Chef des ukrainischen Präsidialamts und enger Vertrauter des Präsidenten. Kopf der Gruppe war offenbar Timur Minditsch, ein enger Freund Selenskyjs aus Showbusiness-Zeiten. Er konnte vor seiner Festnahme nach Israel ausreisen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund bot Selenskyj Ende 2025 Neuwahlen an. Unter Kriegsrecht ist das nicht möglich.
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