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Forschung im 19. JahrhundertDen Pestbakterien auf der Spur

Der Schweizer Alexandre Yersin entdeckte als erster Forscher den Auslöser der Pest. Sein Glück war dabei, dass er kaum gutes Forschungsgerät hatte.

A ls Alexandre Yersin am 15. Juni 1894 nach Hongkong kommt, fallen ihm direkt die vielen toten Ratten auf dem Boden auf. Sie seien „sicherlich die eigentlichen Verbreiter der Epidemie“, notiert er. Die Krankheit, die in der Stadt grassiert, ist hochgefährlich. Mehr als 300 Chi­ne­s*in­nen sind bei seiner Ankunft bereits an der Pest gestorben und der Ausbruch wird noch viele mehr töten. Denn 1894 ist noch immer nicht bekannt, was die grausige Infektionskrankheit auslöst.

Im europäischen Mittelalter dezimierte die Pest ein Drittel der Bevölkerung, global tötete sie im Laufe der Geschichte Hunderte Millionen Menschen. Alexandre Yersin will die Krankheit bekämpfen.

Geboren 1863 in der Schweiz, nahe des Genfer Sees, wächst Yersin zweisprachig auf, studiert zunächst in Marburg Medizin, kommt aber bald nach Frankreich und lernt beim Impfpionier Louis Pasteur die Mikrobiologie kennen. Pasteur und Robert Koch sind damals die Größen der Medizin, ihre Institute versuchen fast schon im Wettstreit einen Krankheitserreger nach dem nächsten zu finden und so Forschungsgeschichte zu schreiben.

Wettrennen der Kolonialmächte

Yersin ist folglich 1894 nicht alleine in Hongkong. Drei Tage vor seiner Ankunft traf bereits der japanische Forscher Kitasato Shibasaburō, ein Schüler Kochs, mit seinem Team ein. Gerufen wurden Kitasato und Yersin jeweils von Kolonialmächten der Region: England und Frankreich. Diese sorgten sich, dass eine Drehscheibe des internationalen Seeverkehrs zum Erliegen kommen könnte. Wobei Yersin, der bereits seit Jahren in Vietnam lebt, das dortige französische Kolonialregime immer wieder kritisiert.

der anstoß

Wie beginnt Veränderung? In der Kolumne „Der Anstoß“ erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.

Kooperieren wollen die Teams nicht. Kitasato und die Engländer verweigern Yersin einen Arbeitsplatz in dem Krankenhaus, in dem sie arbeiten. Lediglich eine Ecke im Treppenhaus wird ihm zugestanden. Später zieht Yersin in eine Bambushütte neben dem Gebäude. Ihm fehlt es an Ausstattung, wie etwa einem Brutkasten, um Bakterien bei 37 Grad Körpertemperatur zu züchten – doch genau das ist eigentlich sein Glück.

Yersin will direkt die Pestbeulen untersuchen, bekommt aber zunächst keinen Zugang. Erst durch Bestechung erlangt er ein Präparat. „Die Beulen enthalten, deutlich und klar zu erkennen, eine riesige Zahl von Bazillen. Sie sind klein, kurz und haben abgerundete Enden“, beschreibt er als Erster den Pesterreger.

Pestbakterien brauchen keinen Brustkasten

Sein Konkurrent, der ebenso verkündet das Bakterium gefunden zu haben, war auf der falschen Fährte. Statt der Pest, sollte sich zeigen, hatte Kitasato Pneumokokken gefunden. Sie hatten die Toten koinfiziert. Doch sie vermehrten sich besser im warmen Brutkasten als die Pestbazillen, die bei den Außentemperaturen von etwa 28 Grad gediehen.

Zusätzlich konnte Yersin die Ratten als entscheidenden Träger des Bakteriums identifizieren. Sie waren mit exakt dem gleichen Erreger infiziert. Später entwickelte Yersin auch eine sogenannte Serumtherapie, mit der er als erster Arzt einen Pestkranken rettet. In der Breite konnte sie jedoch nie angewandt werden.

Erst die Entwicklung von Antibiotika besiegte die Pest. In Europa ist sie heute ausgerottet, global gibt es immer wieder kleinere Ausbrüche, etwa in Madagaskar. In Gedenken an Alexandre Yersin heißt der Erreger seit 1944 übrigens wie sein Bezwinger: Yersinia pestis.

Adefunmi Olanigan

Adefunmi Olanigan Redakteurin

Schreibt gerne über Wissenschaft und soziale Ungleichheit. Hat Biochemie in Würzburg und Leipzig studiert und danach bei der taz volontiert. Aktuell Redakteurin in der Wochentaz.
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