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Forscherin über Wertschöpfungsketten„Wenn Einzelne aufsteigen, steigen andere ab“

Wohlstand für alle durch globalen Handel? Laut Wirtschaftsgeografin Christin Bernhold ist das unter kapitalistischen Bedingungen „eine Illusion“.

Die einen schöpfen die Werte und zahlen dafür einen hohen Preis, wie dieser junge Goldminenarbeiter in Ghana. Andere profitieren Foto: Kristin Palitza/dpa

Interview von

Johannes Strauch

taz: Frau Bernhold, Wohlstand durch Handel – alles eine große Lüge?

Christin Bernhold: Ja, die Mainstreamforschung zu globalen Wertschöpfungsketten verklärt, wenn nicht sogar den Handel insgesamt, so doch auf jeden Fall diese Wertschöpfungsketten als eine Art Gelegenheitsstruktur für kapitalistischen Fortschritt. Die Weltbank treibt das sogar auf die Spitze: Sie behauptet, dass globale Wertschöpfungsketten weltweit zu höheren Einkommen, zu guter Arbeit und zu weniger Armut beitrügen. Unser Buch korrigiert diese Darstellung und zeigt, dass Wohlstand für alle unter kapitalistischen Bedingungen eine Illusion ist.

taz: Inwiefern?

Die Lesung

Buchvorstellung „Capitalist Value Chains“, in Englisch, 13.1., 18. 30 Uhr, Geomatikum, Bundesstr. 55 Hamburg

Bernhold: Kapitalistische Wertschöpfungsketten sind im Kern eine Ausgestaltung internationaler Klassenverhältnisse. Unternehmen konnten verstärkt von geografisch ungleichen Ausbeutungsbedingungen in verschiedenen Staaten profitieren, die historisch durch Klassenkämpfe entstanden sind. Nach den 1970er-Jahren haben große Unternehmen aus den USA und Europa zunehmend in Ländern mit niedrigeren Produktionskosten investiert und dort Beschäftigte ausgebeutet oder Zulieferbetrieben Preise diktiert. Wertschöpfungsketten haben die Ausbeutung von Lohnabhängigen verschärft, die Naturzerstörung intensiviert und in den vergangenen Jahren auch zur Verschärfung geopolitischer Rivalitäten beigetragen. Denn wenn Einzelne aufsteigen, steigen andere ab, und das führt zu Konflikten.

Wertschöpfungsketten haben die Ausbeutung verschärft, die Naturzerstörung intensiviert und zur Verschärfung geopolitischer Rivalitäten beigetragen

taz: Dennoch hat die Anzahl der Menschen in absoluter Armut abgenommen, während der globale Handel zugenommen hat. Gibt es da keinen Zusammenhang?

Bernhold: Je nachdem, wo man geografisch hinguckt, hat die absolute Armut abgenommen. Das ist insbesondere im aufsteigenden China der Fall, aber nicht weltweit verallgemeinerbar. Gleichzeitig wurde aber auch Ausbeutung intensiviert, viele Beschäftigte in globalen Wertschöpfungsketten verdienen nicht einmal genug, um ohne massive Extraarbeit über die Runden zu kommen.

taz: Die Debatte ist ja nicht ganz neu. Wieso hatten Sie das Bedürfnis, gerade jetzt Ihr Buch zu veröffentlichen?

Bild: privat/Uni HH
Im Interview: Christin Bernhold

Jahrgang 1982, promovierte Wirtschaftsgeografin und Juniorprofessorin an der Uni Hamburg, neben Benjamin Selwyn Autorin von „Capitalist Value Chains. Labour Exploitation, Nature Destruction, Geopolitics“, Oxford University Press, 288 S., ab 122,32 Euro, e-Book 85,65 Euro.

Bernhold: Unser Buch ist eine Debattenintervention, die die Darstellung der Weltbank korrigiert und gleichzeitig Klassenverhältnisse ins Zentrum der Analyse stellt: Um zu verstehen, warum Ausbeutung genuin zu Wertschöpfungsketten dazugehört, müssen wir verstehen, wie kapitalistische Ausbeutung insgesamt funktioniert.

taz: Was wäre ein Lösungsvorschlag? Begrenzter Welthandel und jedes Land kümmert sich eigenständig um die Produktion seiner Güter?

Bernhold: Nein, weder halte ich einen Prozess der Verteilung von produzierten Gütern, die notwendig sind, um Bedürfnisse zu befriedigen, per se für das Problem – noch nationale Standortpolitik für die Lösung. Wenn es etwa darum geht, wie genau es schaffbar ist, für Menschen lokal Löhne zu verbessern, kann man nicht darauf vertrauen, dass kapitalistische Staaten und Unternehmen es durch Innovationsprozesse richten werden. Dann müssen Arbeits- und soziale Kämpfe unterstützt werden. Allgemein müssen wir über nachhaltige Produktions- und Verteilungsweisen diskutieren, die nicht an kapitalistischen Profiten orientiert sind.

taz: Zuletzt fiel vor allem Donald Trump und die USA durch eine isolationistische Zollpolitik auf. Handelt Donald Trump dadurch quasi aus Versehen antikapitalistisch?

Bernhold: Nein, ganz und gar nicht. Das, was heute passiert, dieser Handelskrieg, ist unter anderem ein Ergebnis eines langfristigen Prozesses der kapitalistischen Entwicklung in globalen Wertschöpfungsketten. Jetzt geht es Trump meines Erachtens darum, die aufsteigende Konkurrenz aus China einzudämmen, aber keinesfalls darum, antikapitalistisch zu agieren. Im Gegenteil: die Vormachtstellung der eigenen kapitalistischen Unternehmen soll dadurch verteidigt werden.

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